08.06.2019 Wenn der Postbote zweimal klingelt.

Die Angst vor dem Fliegen ist vorbei. Mein Verstand hat wohl begriffen, dass ich das Schicksal nicht steuern kann. Also gebe ich mich dem Leben und nicht länger der Angst hin. Es ist so erleichternd wenn diese Belastung des „was wäre wenn„ Denkens nachlässt. Bereits in 20 Tagen ist es ein Jahr her, seit ich die letzte Chemo-Runde hinter mich gebracht habe. Sogar drei Nachsorge Untersuchungen habe ich schon durch und so langsam beginne ich daran zu glauben, dass es überstanden ist. Klar, ein Rezidiv ist immer möglich, aber genauso relativ ist die Chance zusätzlich an einem anderen Krebs zu erkranken oder bei einem Flugzeugabsturz zu sterben. Also „so what!“ Lieber denke ich darüber nach was ich noch tun und erleben möchte. Doch wie oft geben wir unseren Wünschen und Träumen nicht mal ansatzweise eine Chance! Sätze wie “das klappt ja eh nicht“, „das ist total unrealistisch“ oder „vergiss es“ begraben schon früh unsere Träume und damit auch immer mehr unsere Fantasie. Wir lernen uns mit dem Norm zu identifizieren, denn andernfalls könnten wir auffallen, ja sogar enttäuscht werden… auch die Meinung Anderer lassen uns manch gute Idee kurzerhand über Bord werfen. Dass Wünsche sich nicht von alleine verwirklichen ist klar, doch gib ihnen regelmäßig etwas Futter, in Form von Wissen und sie werden sich entwickeln!
Wir brauchen gute Einfälle, Erfindungsgeist und müssen auch mal improvisieren, schließlich kommt es oft andernfalls als man denkt. Zum Beispiel wenn der Postboote zweimal klingelt:
Das Wochenende beginnt mal wieder mit putzen und sauber machen. Während ich staubsauge schlägt Fido plötzlich Alarm und tatsächlich da klingelt es nochmal. Schnell eile ich zur Tür, der Bote kommt die Treppen hoch, ein kleiner Luftzug zieht um die Ecke und just in diesem Augenblick fällt die Wohnungstür ins Schloss! Geschockt starre ich auf das erst kürzlich erneuerte Türschloss, welches sich per App und / oder mit dem Schlüssel öffnen lässt, aber was wenn beides in der Wohnung ist?!? Geschockt schaue ich von der Tür zum Postboten und wieder zur Tür. „Was ist passiert?“ fragt er vorsichtig. „Ich hab mich eben ausgesperrt.“ antworte ich fast flüsternd weil ich es immer noch nicht fassen kann. Er entschuldigt sich drei mal während ich die Annahme des Paketes unterschreibe und flüchtet dann schnell von diesem Szenario. Natürlich bin ich alleine zu Hause denn Malte ist mit Josh unterwegs um Anzüge für die bald beginnende Ausbildung einzukaufen. Das kann also noch dauern! „Mist, ich kenne weder Maltes noch Josh’s Mobilnummer auswendig und womit sollte ich sie auch anrufen?!“ Mein Puls rast und ich versuche Ordnung in mein Gedankenchaos zu bringen. Ist ja nicht das erste Mal – DIESEN Mist kenne ich! Damals war der Nachbar mit der langen Leiter und das Kippfenster im Kinderzimmer die Lösung. „Ist das Fenster auf?“ Husch schlüpfe ich in die Schuhe, sichere die Haustür zwei Mal, damit diese sicher offen bleibt und ich sehe nach – Ja! Mit Herzklopfen stehe ich 30 Sekunden später an der Haustüre der Nachbarn. Ich bin nervös, „schaffe ich es heute noch die Leiter drei Meter hochzusteigen und das gekippte Fenster zu öffnen?“ Schließlich ist das zehn Jahre her!?! Doch es bleibt ruhig auf der anderen Seite der Haustüre, es scheint niemand zu Hause zu sein. Ok, ein anderes Plan muss her. Sabine, die nette, ältere Dame in der Wohnung unter uns, vielleicht hat sie neben meiner auch die Mobil-Nr. von Malte in ihrem Handy abgespeichert. Schon beim klingln ahne ich, dass dies nicht der Fall sein wird. Aber als sie die Tür öffnet und mich freundlich herein bittet fällt mir ein, dass bei den Unterlagen der Eigentümergemeinschaft eventuell Telefonnummern zu finden sind. Und tatsächlich ist die Telefonliste ordentlich abgeheftet und liegt ganz oben in dem Ordner den sie hervorgeholt hat. Triumphierend reicht mir Sabine ihr Telefon, wir setzen uns ins Wohnzimmer und ich wähle. „Geh ran, geh ran auch wenn du die Nummer nicht kennst“, sage ich leise, während der Hörton erklingt. Gespannt schaut Sabine mich an, „Malte Polli-Holstein“… zwei Minuten später stehe ich wieder in unserer Wohnung und werde stürmisch von Fido begrüßt. Unsere Wohnungstür konnte über die App geöffnet werden und die Jungs  shoppen weiter. Ich für meinen Teil setze mich erstmal hin, verdaue den Schreck mit einer Tasse Tee und überlege was zu tun ist, wenn der Postbote wieder zweimal klingelt!

16.05.2019 kalte Füße

Mein Immunsystem scheint weiter zu schwächelnden, denn die Blasenentzündung hat sich ihren Platz auf meiner Bühne zurück erkämpft. Nicht mit ganz so vielen Pauken und Trompeten, aber laut genug! Es ist Dienstag Abend, „ich muss morgen nach der Arbeit, nochmal zur Hausärztin“, geht es mir durch den Kopf, aber Mittwoch nachmittags sind die Praxen ja geschlossen – typisch! Blöde Blasenentzündung-Bitch! Meine Rettung sind die verständnisvollen Schwestern und meine Ärztin aus der MVZ Tagesklinik des Asklepios Krankenhauses in Altona, sowie eine liebe Kollegin, die für ein Stündchen meinen Job übernimmt, damit ich rechtzeitig in der Klinik sein kann.
Während ich im Wartezimmer sitze begegne ich einigen vertrauten Gesichtern. Auch die bitterlich weinende Frau eines aus Indien stammenden Patienten, der nun leider verstorben ist, kenne ich. Erst bei meiner letzten Nachsorge habe ich ihn hier noch mit seiner Familie gesehen. Er war nie alleine bei der Therapie, seine Frau und seine Tochter waren immer dabei. Manchmal auch ein wenig zum Leidwesen der Schwestern und einzelner MitpatientInnen. Wenn viel los war, so dass Stühle knapp wurden, oder sie trotz Erkältung anwesend sein wollten, mussten sie sich auch mal von ihrem Ehemann und Papa verabschieden und im Warteraum Platz nehmen bis die Infusionen zu Ende waren – nun mussten sie sich wieder verabschieden, diesmal für immer.
Die Tatsache, wie plötzlich das Selbstverständliche vorbei sei kann, wird uns öfter als „normal“ vor Augen geführt und lässt uns inne halten. Um dich herum freut sich alles, dass du den Krebs besiegt hast und du hast Angst, dass er wieder kommen könnte. Dabei quält dich auch noch das schlechte Gewissen, weil du dich aus diesem Grunde manchmal nicht mitfreuen kannst…
Aber wir kämpfen, versuchen mitzuhalten und hoffen dabei einfach unsere Träume und Wünsche noch weiter leben zu dürfen.
Schon morgen geht es für mich wieder zum Fotoshooting der „inneren Werte“ und ich kriege jetzt schon kalte Füße, wenn ich an die Tage bis zur Befundbesprechung denke! Ich kann also gerade Daumendrücker, positive Gedanken und eine Menge Glück gebrauchen. Damit ich mich erstmal wieder mitfreuen kann!
Was ist dein großer Wunsch, dein Traum oder was wolltest du immer schon mal machen? Ich finde mit einem Bus ein paar Monate unterwegs zu sein, Europa zu bereisen, Land und Leute kennen zu lernen, wandern, schreiben, mal im Hotel, mal im Bus zu übernachten, das fühlt sich nach Leben, Freiheit und ganz nach meinem Geschmack an. 😊

31.03.2019 Yeswecan-cer

Die ersten Wochen, in denen ich nun wieder in Lohn und (anteilig) Brot stehe, haben mir gezeigt, dass es mit bald 49 Jahren, inklusive Chemotherapie, ein ziemlich hartes Stück Arbeit ist wieder einzusteigen – einzusteigen in die Welt der Gesunden. Nach täglich viereinhalb Stunden Einarbeitung und der anschließenden Gassirunde gibt es nur eines, was ich noch machen kann – mich hinlegen! Dabei reichen die 20 Minuten Powernapping bei weitem nicht mehr aus. Erst nach einer guten Stunde bin ich in der Lage meine bleischweren Glieder wieder vom Sofa zu heben – vom Sofa zu rollen beschreibt das Szenario besser! Mit Kaffee und einem Müsliriegel versuche ich mich ins Leben zurück zu holen, um die restlichen to do’s zu erledigen. Das Ganze erreicht den Höhepunkt, als ich freitags nach sechseinhalb Stunden Arbeit und dem firmeninternen Freitags-Mädels-Prosecco ins Wochenende starte. Um 22:00 Uhr liege ich komatös, aber glücklich, im Bett und nach zehn Stunden Schlaf stehe ich wieder mitten im Leben. 😁
Nun steigt die Kunst regelmäßig Sport zu treiben, täglich frisch zu kochen und das Anti-Stress-Management mit den täglichen Anforderungen zu vereinbaren, auf ein nächstes Level! Ich muss mich wirklich darauf konzentrieren nicht zu viel von mir zu verlangen, nicht ungeduldig und damit gestresst zu werden. Zumal die Chemotherapie erst ein Dreiviertel-Jahr her ist…
Es ist die Vorstellung, die wir haben, wie die Dinge sein sollen, die uns daran hindert den Augenblick zu sehen, zu entspannen und zu genießen.
Fido ist seit diesem Monat fünf Jahren bei uns und seine Nasenstubser, seine bedingungslose Liebe und die nichtvorhandene Fähigkeit komplex zu denken, hilft mir immer wieder selbst achtsam zu sein. Mich auf den Moment einzulassen ohne darüber nachzudenken, was ich mir noch alles vorgenommen habe, was noch kommen könnte oder sollte. Einfach nur im Hier und Jetzt sein und auf meine Bedürfnisse, aber auch auf die der Anderen einzugehen. Ich bin sicher, hier wird sich bald ein Trainings-Effekt bemerkbar machen!
Bemerkbar und bemerkenswert ist auch „unser“ Hinz&Kunzt-Verkäufer (für aller Nicht-Hamburger: das ist die Hamburger Obdachlosenzeitung) bei REWE um die Ecke. Seit zehn Jahren steht er täglich beim Eingang, erinnert die Kunden immer mit einem freundlichen „Hallo“ zuvorkommend daran die Parkscheibe nicht zu vergessen und verkauft dabei seine Zeitungen. Beim Verlassen des Ladens hört man von ihm  zum Abschied „noch einen schönen Tag“. Er spielt in meinem und ich in seinem Leben maximal eine Statistenrolle, haben aber in unserer „Daily Soap“ beinahe täglich einen kurzen Auftritt. Bis er vor kurzem, mich wegen meiner optischen Veränderungen angesprochen hat. Mit einem osteuropäischen Akzent fragt er mich, „Alles gut? Sie sehen anders aus.“ Und ich erzähle ihm kurz meine Diagnose K Geschichte. Er nickt und wünscht mir mit einem Lächeln weiter alles Gute. Als wir uns ein paar Tage später wieder durchs Leben spazieren, winkt er mir zu und fragt: „Kennen sie Zinnkraut?“ Dabei holt er aus einer seiner großen Tasche ein Buch über Heilkräuter von Maria Treben heraus. „Sie müssen trinken Zinnkraut-Tee zwei Mal vor dem Essen, damit der Krebs nicht wieder kommt. Das ist wichtig, dass er nicht wieder kommt!“ Gerührt, dass er sich meinetwegen Gedanken gemacht hat, bedanke ich mich von Herzen bei ihm.
Zu Hause angekommen informiere ich mich über Maria Treben und über ihre Thesen zum Thema Heilkräuter. Dabei stolpere ich im sozialen Netz auch über Berichte zu Alternativmedizin in denen davon berichtet wird, dass Menschen nicht an Krebs sondern an der Chemo- und Strahlentherapie sterben: „Bereits jeder Dritte stirbt heute an Krebs! Und jedem Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als das Martyrium einer Chemo- oder Bestrahlungstherapie über sich ergehen zu lassen.“ Und dann steht da „die effektivsten natürlichen Behandlungsmethoden gegen Krebs FINDEST DU HIER.“ Weiter werde ich darüber informiert, dass Chemos nicht funktioniert und ich werde gewarnt, dass Patienten die mit einer Chemotherapie behandelt wurden, viel schneller und schmerzhafter sterben als andere. „Diejenigen, welche anerkannte Behandlungen durchführten, lebten durchschnittlich nur noch drei bis fünf Jahre nach der Diagnose und viele sterben schon nach ein paar Wochen.“ So Dr. Hardin B. Jones von der Berkeley Universität in Kalifornien.
Menschen die solche Berichte in den sozialen Medien posten erhalten dann von vielen anderen „Schlaubergern“ bejahende Kommentare wie, „ja, das ist ein Dreckszeug“ oder „ich hab meiner besten Freundin versucht die Chemo auszureden, aber sie ließ sich leider nicht davon abbringen.“ Es wird sich quasi anerkennend auf die Schultern geklopft oder bei Gegenmeinungen auch gleich verbal gekoppt. Wie sich dabei Krebskranke fühlen, die sich aktuell vor, während oder nach einer Chemo- und/oder Strahlentherapie befinden, wenn sie solche Beiträge zu lesen bekommen, scheint dabei egal.
Ende Juni vergangenen Jahres endete meine Chemotherapie die ich über acht Zyklen erhielt. Ich lebe, es geht mir gut und ich hoffe dass es so bleibt! Solche Artikel sind bei der riesigen Vielfalt von Krebsarten die es gibt, verunsichernd und schon gar keine Hilfe! Es gibt so viele Aspekte zum Nutzen- , Risikofaktor bei der Diskussion um die richtige Behandlung für den Patienten! Dabei sollten die Erkrankten in ihrer Entscheidung unterstützt und nicht belehrt werden. Nur so können Krebspatienten das ebenso lebenswichtige Vertrauen mit dem notwendigen Glauben an den Erfolg ihrer Therapie verinnerlichen. Ich für meinen Teil hatte gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Als die Diagnose stand, musste es gleich am nächsten Tag mit der Therapie  losgehen. Dabei teilten mir auch unsensible Besserwisser ungefragten Meinung mit und glaubten mir damit „zu helfen“. Doch ich vertraute den Ärzten und vor allem mir selbst. Die Chemo habe ich gut und ohne Martyrium überstanden und meine Zuversicht lasse ich mir weder von solchen Artikeln noch von anderen Meinungen nehmen!
Dass man aber mit lebensrettenden Medikamenten spekuliert und damit eine Milliardenindustrie unterhält ist  leider eine Tatsache, indiskutabel und unfuckingfassbar! Darauf einen Zinnkraut Tee! 😊

24.02.2019 eine geile Woche!

Angefangen mit einem sehr sportlichen Montag, erfuhr ich am Tag darauf von meiner Onkologin, dass die Ergebnisse meiner Nachsorgeuntersuchung allesamt unverändert gut sind.  Der Stein meiner Erleichterung war vermutlich bis zu meinen Lieben in die Schweiz zu hören. Dann am Mittwoch drehte sich alles um das Assessment, zu welchem unser Pupertier im Rahmen eines umfangreichen Auswahlverfahrens für einen Ausbildungsplatz eingeladen wurde. Stolz wie Oskar fuhr ich Josh morgens hin, um ihn drei Stunden später erleichtert, glücklich und zufrieden mit seinen Leistungen in die Arme zu schließen. Er war mit Abstand der jüngste Teilnehmer und schon am nächsten Abend sollte er die finale Antwort erhalten. Also stürzten wir uns am Donnerstag in Beschäftigung – Malte in die Arbeit, Joshua in die Schule inklusive Deutsch-Test und ich zu einem Kaffee-Treffen mit einem ehemaligen Schüler der Musicalschule. Wie zu alten Zeiten quatschen wir im Café May Nähe der Reeperbahn über das Leben, Schicksalsschläge und darüber wie viel schlauer wir in den vergangenen Jahren geworden sind.😁

Pünktlich um 17:00 Uhr sitzen wir zu Hause und lassen das Telefon nicht mehr aus den Augen… doch eine Stunde später versuchen wir uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass der erlösende Anruf vielleicht doch erst am kommenden Tag kommen könnte.  Ich gehe zum Trockenraum im Keller, hole die Wäsche und als ich drei Minuten später wieder in die Wohnung komme,  höre ich wie Josh telefoniert. Vorsichtig luscher ich um die Ecke – er lächelt und zeigt mit dem Daumen nach oben – er hat den Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann erhalten! „Wow“, das ist großartig, doch die Entscheidung ob es für unseren Großen nun einen weiteren Schritt in die Erwachsenenwelt geht oder ob er in gewohnter Umgebung weiter am Abi arbeiten möchte, ist noch nicht ganz entschieden. Es bleibt also spannend! Mit Trainer Nils trainieren wir anschließend gemeinsam das angestaute Adrenalin wieder raus.

Die Woche ist aber noch nicht um und so hatte ich am Freitag einen Termin bei meinem zukünftigen Arbeitgeber. Kurz nach zehn Uhr morgens unterzeichnete ich meinen neuen Arbeitsvertrag. Es ist so toll, dass ein Arbeitgeber einem Krebspatienten in Remission die Möglichkeit gibt, wieder Teil der arbeitenden Gesellschaft zu sein. Erleichtert, bestärkt und mit einer riesigen Freude im Bauch schaue ich auf die kommenden Wochen. Zur Krönung steht in etwas mehr als einer Woche eine Reise mit der AIDAnova auf die Kanaren an – Mutti und Sohnemann genießen Sommer, Sonne und Meer, bevor es ab Mitte März in den neuen und ganz normalen „daslebenistschön“ Wahnsinn geht!