Bloß nicht krank werden.

Bloß nicht krank werden!

Optimistisch, dass mein Immunsystem seit der Chemotherapie, vor vier Jahren, wieder fit genug ist sich gegen meinen grippalen Infekt zu wehren, tat ich alles, um meinen Körper darin zu unterstützen. Der Erfolg blieb aus, im Gegenteil, mein Zustand verschlechterte sich und am fünften Tag ist klar – wir müssen kapitulieren. Es war, und ist immer noch so, dass mein Körper mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln den Aufstand probt, die Frage bleib nur, gegen was?

Vermutlich sind die meisten mal mit härterem Geschütz, wie Antibiotika gegen eine Krankheit vorgegangen, dass ist „normal“. Doch mit meiner weiterhin „vorübergehenden Genesung“ und der Tatsache, dass ein solch heftiger Infekt damals ein erstes Anzeichen meiner Krebserkrankung war, macht das schon was mit mir. 

Als wir im Oktober 2020 aufs Land gezogen sind, war Corona in aller Munde. In den Medien ging es in dieser Zeit vermehrt um die schweren Krankheitsverläufe, um die Überlastung von Intensivstationen und dem Krankenhauspersonal. Mir war klar, eine neue Hausarztpraxis zu finden, wird nicht so einfach, wie es vor zwei, drei Jahren vielleicht noch war. 

Nach den ersten Wochen des Ankommens, versuchte ich mein Glück, nicht weil ich unzufrieden mit meiner Ärztin war, einfach weil es sinnvoll ist, jemanden in der Nähe zu haben. Bereits in den ersten Anläufen scheiterte ich. „Aufnahme-Stopp“ und „Corona“ waren die Begründungen. Mein Glück versuchte Mitte des vergangenen Jahres erneut, leider mit dem gleichen Ergebnis. Also fuhr ich weiterhin bei Bedarf nach Othmarschen – bis heute. Und was ich an diesen Tag erlebte macht mich sehr nachdenklich.

Seit vergangen Donnerstag lässt mich dieser miese Infekt nicht mehr los. Das Fieber blieb, genauso wie der stechend schmerzende Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. Weder die halbierte Zwiebel auf dem Nachttisch noch literweise Ingwertee, helfen neben den üblich verdächtigen Medikamenten, die ich einwerfe. Als sich zusätzlich die Stirn- und Nebenhöhlen mit unangenehmem Druckschmerz melden, wird mir klar – ich musste zum Arzt und das auf dem schnellsten Wege.

Zuerst versuche ich es telefonisch bei zwei von drei Hausarztpraxen hier vor Ort – die Auswahl hält sich auf dem Lande nun mal in Grenzen. Bei der Einen gebe ich nach zwei Mal nicht enden wollender Warteschleife und einem Rauswurf aus der Leitung auf. Bei der Zweiten komme ich durch, kann jedoch kaum aussprechen, schon höre ich die Worte „Aufnahme-Stopp“ und „ohne PCR Test dürfen sie mit einer akuten Erkrankung gar nicht in die Praxis. Rufen sie bei ihrem Hausarzt an.“ Die täglichen Schnell-Tests, die ich seit Beginn der Erkrankung mache, sind alle negativ. Und mir war leider nicht klar, dass man bei Erkrankung NUR mit einem aktuell negativen PCR Test zum Arzt kann. Dabei sei ehrlicher Weise in Frage gestellt, wie ich mich in meinem Zustand gestern aus dem Haus hätte schleppen sollen. Doch ich hätte es mit der Unterstützung meiner Lieben gemacht. 

Mit dieser puren Ernüchterung ist mein Fazit, dass ich doch bis nach Othmarschen, zu meiner Hausärztin muss. Erst nach dem dritten Versuch dort jemanden ans Telefon zu bekommen, meldete sich die neue Arzthelferin und ich ahnte ich nichts Gutes. „Sie können heute Vormittag bis 12:00 Uhr zum Hintereingang kommen, dann machen wir einen PCR Test. Einen Termin bei Frau Doktor kann ich ihnen erst in 1 – 2 Tagen mit einem negativen Ergebnis geben.“ Inzwischen war es kurz vor 11:00 Uhr. „Das schaffe ich nicht, kann Frau Doktor mich vielleicht im Laufe des Tages anrufen?“ „Nein, nein, das geht leider nicht. Kommen sie vorbei, vorne dreimal klingeln und dann zum Hintereingang.“

Natürlich hatte ich schon telefonische Beratungen mit der Ärztin. Meine Hoffnung war, mit ihr zu besprechen, ob es an der Zeit ist die Antibiotika, welche ich noch aus der Zeit der Chemotherapie besitze und in ähnlichen Situationen verschrieben bekam, einzunehmen. Es wäre einerseits der Beschluss der Kapitulation, andererseits die Hoffnung, den Infekt nicht zu verschleppen und darauf, dass es mir bald wieder besser geht. Doch ganz ohne ärztliche Rücksprache, wollte ich diese Entscheidung nicht allein treffen. Leider fehlt mir die Kraft und Energie ihr das zu erklären und auf einen Rückruf zu bestehen. 

Da sitze ich nun, ein Häufchen Elend mit Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen und rufe den ärztlichen Notdienst 116117 an. Dort erhalte ich schnelle und nette Antworten. Mir wird erklärt, dass mir als „akuter Fall“ ein Termin bei einer Hausarztpraxis in der Nähe zuweisen werden kann. Mit dem erhaltenen Code soll ich gleich bei der Praxis anrufen und für die heutige „Infektionssprechstunde“ einen Termin vereinbaren. Von einem PCR Test ist nicht die Rede. Bei der zugewiesenen Praxis handelt es sich um dieselbe, mit der ich vorhin bereits telefonisch das Vergnügen hatte. Während der darauffolgenden 20 Minuten laufen meine Anrufe wieder ins Leere, doch aufgeben kommt nicht in Frage, dafür geht es mir viel zu schlecht. 

Irgendwann meldet sich doch noch eine Arzthelferin und trotz ärztlichem Notdienst Code höre ich erst einmal: „aha, von dem weiß ich nichts“, „das geht doch nicht“, „ja, aber sie sind keine Patientin von uns“, und „da muss ich erst einmal Rücksprache halten“. Den Tränen nahe sitze ich am Küchentisch und rede mir ein, das nicht persönlich zu nehmen. Kurz darauf bietet mir eine Kollegin an, nachmittags an einen online Chat mit der Ärztin teilzunehmen. Gesagt getan.

Von der eigentlich netten Frau Doktor höre ich mir erst einmal an, warum dies und jenes nicht ginge, lasse mir den versteckten Vorwurf machen, warum ich nicht schon am Sonntag einen kostenlosen PCR Test hab machen lassen, um am Ende einen anschließenden Termin am Hintereingang der Praxis zu erhalten. Vereinbart ist die Übergabe von Rezept, Krankmeldung und ein PCR Test. Zusätzlich gibt sie mir den Tipp, bei der dritten Gemeinschaftspraxis in unserem Dorfteil anzufragen, ob diese neue Patient:innen aufnehmen. Ein Kollege ist in Pension gegangen und die neue Ärztin hätte vielleicht noch Kapazität. 

Pünktlich öffnet sich das Fenster im Hochparterre neben dem Hintereingang. Die Mitarbeiterin begrüßt mich freundlich, zwischen uns die zwei Meter breite Hecke. „Bleiben sie einfach da, wo sie sind. Ich bräuchte dann bitte ihre Versichertenkarte.“ Sie dreht sich um, greift nach einem Kescher und bittet mich die Karte in das Netz zu legen. Im Gegenzug erhalte ich auf dem gleichen Weg, die Krankschreibung, das Rezept und den PCR Test. „Für den PCR Test gehen sie nun bitte hinter die Hecke. Es handelt sich um einen Rachentest und sollte der Würgeeffekt zu stark sein, kotzen sie nicht gleich auf den Gehweg.“ Ok, das Wort „kotzen“ hat sie nicht verwendet – es ändert jedoch nichts dieser sehr schrägen Situation. 

Seit Corona hatte ich das große Glück gesund zu bleiben sicher auch, weil ich seit dieser Zeit mobil, zu Hause arbeite und mich nur mit einzelnen Menschen treffe. Nun bin ich krank und komme mir vor wie eine Ausgestoßene. Ich erinnere mich gut daran, wie die Arzthelferin noch vor gut zwei Jahren zu mir sagte, „wenn es akut ist, kommen sie einfach vorbei und bringen etwas Geduld mit, weil ich ihnen leider nicht genau sagen kann, wie lange es dauern wird.“ Als gesetzlich Versicherte wartete ich damals schon mit oder ohne Termin gerne mal zwei Stunden – „hach die guten alten Zeiten…“. (Das ist ironisch gemeint.)

PS: Das PCR Ergebnis ist noch nicht da und trotz Antibiotika geht es mir heute nur minimal besser. Mal sehen, was die nächsten Tage so bringen, ich freue mich auf jeden Fall über jeden gedrückten Daumen. 

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