13.02.2019 Ein Jahr, zwölf Monate und bald 365 Tage

Am 19.02.2018 ging ich auf Anraten meiner Hausärztin in die Notaufnahme der Asklepios Klinik Hamburg Altona. „Die sollen sie mal richtig Untersuchen, diese leichten Beschwerden tragen sie ja schon länger mit sich rum.“ Ahnungslos ging ich ins Krankenhaus um dann, nach zehn Tagen bangen, warten und beten die Diagnose Non-Hodgkin-B-Zell-Lymphom zu erhalten. Eine bösartige und aggressive Krebserkrankung des Lymphsystems, welches unentdeckt in wenigen Monaten zum Tod führen kann. Der Weg, auf dem ich mit meiner Familie ging, war plötzlich zu Ende, ohne Hinweis und ohne Warnschild. Ja, es ist Krebs! Doch mit den heutigen Therapiemöglichkeiten gut zu behandeln und die Chance auf Heilung ist ebenfalls gut. So beginnt die Chemotherapie über acht Zyklen auch gleich am nächsten Tag.
Von Anfang an war es mir eine Herzensangelegenheit meine neue Lebenssituation mit den Menschen zu teilen. Zu viele meiner Leute mussten wegen Krebs schon viel zu früh gehen und viel zu wenig wusste ich darüber. Ich wollte offen, informativ und so positiv wie möglich mit meiner Krebserkrankung umgehen, denn Krankheit und Vergänglichkeit scheinen nicht in unseren „Lifestyle“ zu passen, doch gehören sie ohne Kompromisse zum Kreislauf des Lebens dazu! So fing ich an zu schreiben, ließ schreibend meine Leben Revue passieren und merkte schnell, dass genau dies Balsam für meine Seele ist. So entstand mein Blog Polli´s Seitenblicke, in dem ich bis heute über meine Gefühle und den ganz normalen Klinik-, Bürokraten- und Versicherungswahnsinn erzähle.
Die vergangenen zwölf Monate haben mir viel genommen: Meine Gesundheit, meine Arbeit und all meine Haare, aber auch viel gegeben: Meine Lebensfreude, Demut und den Mut laut zu sagen was mir am Herzen liegen – ständig begleitet von der Liebe meiner Familie und Freunde!
Vielleicht sind wir von heute auf morgen, von jetzt auf gleich nicht mehr da. Also erzähle von den dir wichtigen Dingen den Menschen die dir wichtig sind oder auch der ganzen Welt! Denn nur dadurch erreichen wir, bewegen wir und verändern wir!
Morgen, fast genau ein Jahr nach meinem Tag X, beginnt nun die dritte Nachsorgeuntersuchung mit der Blutentnahme. Gefolgt von MRT und CT, welche wieder in Begleitung von „rosa Elefanten“ am Freitag durchgeführt werden. Durchzogen von meiner Rezidiv-Angst lebe ich eine Art Hassliebe zu den Untersuchungen, von denen ich mir immer eine positive Bestätigung wünsche, gleichzeitig eine riesige Angst vor bad news habe! Doch ich schaue hin und versuche meine Angst zu bändigen in dem ich erkenne, dass es gut ist wie es ist, denn wir alle sind ein Teil des großen Ganzen. „Wie ein kleines Sandkorn auf einem wunderschönen Sandstrand.“

03.02.2019 morgen ist Welt-Krebstag

„Freu dich nicht zu früh!“ oder „Je höher du fliegst, desto tiefer fällst du.“ Was für schwachsinnige Aussagen, aber leider auch bei mir seit Kindertagen ganz tief verankert. Da freue ich mich über die guten Ergebnisse der Nachsorgeuntersuchung und ZACK, kommt der Gedanke, wie es wohl beim nächsten Mal aussehen wird. „Ich bin geheilt“, traue ich erst gar nicht auszusprechen – denn wer weiß…
Sicher kennt ihr das auch. Ganz viele Menschen haben das schon automatisch und super drauf. Wir machen beispielsweise einen romantischen  Strandspaziergang mit unserem Liebsten und denken an den überfüllten Schreibtisch bei der Arbeit. Wir freuen uns über die Einladung zum Bewerbungsgespräch und ermahnen uns gleichzeitig erstmal abzuwarten und wenn man uns früh genug Bescheid sagt, sind wir auch spontan!😉 Wir freuen, genießen, leben und  lieben reduziert, damit es hinterher vielleicht nicht so weh tut. Das Prinzip der angezogenen Handbremse! Ob wir später mal auf unser Leben zurück blicken und froh darüber sind auf Sparflamme gelebt zu haben? Hauptsache auf Nummer sicher?
Unter dem Motto „ich bin und ich werde“ ruft die Welt-Krebsorganisation (UICC) dazu auf, sich über die Möglichkeiten der Krebsprävention und der Krebsfrüherkennung zu informieren. Denn: Allein in Deutschland erkranken jährlich etwa 500.000 Menschen neu an Krebs. Laut Homepage der Deutschen Krebshilfe schätzen Experten, dass etwa die Hälfte dieser Krebsfälle durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden könnte. Dazu gehört ein rauchfreies Leben, regelmäßige Bewegung und ein normales Körpergewicht, ein geringer Alkoholkonsum, ausreichender Schutz vor der UV-Strahlung der Sonne sowie ein Verzicht auf Solarienbesuche.  Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass gemäß den Experten, die ich während meiner Krebslaufbahn kennen gelernt habe, 80 Prozent reiner Zufall ist, ob du an Krebs erkrankst oder nicht. In meinem Leben habe ich seitdem einiges umgestellt – das Wichtigste: bewusster zu leben!
Keiner von uns weiß, was morgen ist und das ist gut so. Doch wenn wir immer darauf bedacht sind uns zu hüten, uns zu sorgen und das Morgen zu planen, verpassen wird das wirklich Gute – den Moment. Das mit dem Fliegen und dem Fall mag zwar physikalisch stimmen, aber schon mal darüber nachgedacht wie es wäre, wenn „je größer die Freude, desto geringer das Bedauern“ zu unserem Motto gehörte? Das fühlt sich doch wesentlich besser an!
Darum tu ich es: ich sage, ich rufe und ich singe (auch wenn es scheiße klingt) den ganzen Tag, ICH LEBE! Manchmal auch in meiner eigenen Welt. Doch das ist ok, denn man kennt mich dort…

25.01.2019 Entlassungsuntersuchung – wtf!

Dass ich heute, ein halbes Jahr nach meiner letzten Chemo-Runde, eine bessere, körperliche Fitness besitze als vor der Krebserkrankung, verdanke ich in erster Linie Nils – unserem Personal Trainer, meinem Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Viele Mitpatienten fangen jetzt erst an langsam wieder Kraft aufzubauen und mobiler zu werden. Um so mehr überraschte mich mein Blutdruck. Vom ersten Tag an hatte ich seit langem wieder erhöhte Werte, so dass ich eine Woche nach der Anreise bei der Visite mein früheres Medikament wieder verordnet bekam. Noch überraschter war ich, als mich die Schwester zwei Tage später darüber informierte, dass der Doktor mir noch ein weiteres Medikament verschrieben hat, welches ich bitte ab sofort zusätzlich nehmen sollte. Gesagt, getan und ich mass weiter täglich meinen Blutdruck zur Kontrolle. Mein wichtigstes Ziel, im Bereich meiner Rezidiv Ängste gestärkt zu werden, ist leider nur ansatzweise erreicht. Der Vortrag über dieses Thema war gut, doch die Psychologin, mit der ich ein Kennlerngespräch hatte, ist anschließend erkrankt und diese Einzeltermine werden nicht nachgeholt. „Schade“, aber da hab ich wohl einfach Pech gehabt. Somit liegt das Gewicht meiner Reha wieder bei Sport und Entspannung. Als ich gestern den Plan für heute erhielt, steht da bereits die Entlassungsuntersuchung für 09:30 Uhr drin. Ok, eine Aufnahmeuntersuchung, eine Visite und die Entlassungsuntersuchung ist wenig für eine Rehabilitation, aber ich nehme es positiv. Anscheinend sind Blutwerte, Fitness und Allgemeinzustand schon so gut, dass weitere Untersuchungen nicht notwendig sind!

Dass es hier mit rund 260 Patient/innen auch ein wenig an Massenabfertigung erinnert, nehme ich mit Verständnis hin. Der Arzt kommt während der Untersuchung schnell zur Sache, fragt wie es mir geht und ob die Therapien für mich passend sind. Den Ausfall der Psychologin bedauert er auch und als ich ihn auf meine Blutdruckwerte anspreche schaut er erst auf die Messwerte. Ich frage, warum ich so kurzfristig gleich ein zweites Medikament verschrieben bekommen habe und da gerät Herr Doktor ins stocken. „Wer hat das denn veranlasst, diese Präparate darf man gar nicht zusammen verschreiben.“ Etwas ungläubig schaue ihn ihn an, „wie bitte?“ „Ja, das tut mir jetzt leid, das hätte so nicht passieren dürfen. Nehmen Sie ab morgen das zweite Medikament einfach nicht mehr.“ Erst jetzt wird mir klar, warum ich in den vergangen Tagen ein Ohrensausen bemerkte, was ich sonst nicht kannte. Die Zeit bleibt ja nicht stehen, also legt der Herr Docktor schonmal die Unterlagen zusammen und schließt die Mappe. „Ähm, ich war gestern noch für die Sozialberatung betreffend den Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) eingetragen. Die Beraterin erklärte, dass nur Patienten, die dafür in Frage kommen, für diesen Termin vorgesehen sind . Können sie nun eine Empfehlung dafür aussprechen?“ Er schaut in die Unterlagen und ohne hochzusehen höre ich, „nein, das geht leider nicht, da sie als Bürokauffrau auf jeden Fall wieder arbeiten können.“ Ich schaue ihn weiter ungläubig an. „Das weiß und will  ich auch, doch um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit Ende vierzig  und nach einer Krebserkrankung zu erhöhen,  wäre diese Maßnahme sehr hilfreich. Ganz zu schweigen davon, dass ich nach dreizehn Monaten Selbständigkeit also durch jedes Raster unseres Sozialsystems falle: kein Krankentaggeld aber gleichbleibende, monatliche Krankenkassenbeiträge, kein Arbeitslosengeld, kein Übergangsgeld, keine Berufsunfähigkeitsrente, keine Wiedereingliederung – einfach rein gar nichts.“ Während ich dem Weißkittel also versuche klar zu machen, wie wichtig das für mich wäre, ist er auch schon von seinem Schreibtisch aufgestanden und Richtung Tür gegangen. Beim Verlassen des Arztzimmers höre ich noch, „das ist unglücklich, da können wir leider auch nicht helfen. Alles Gute.“ Ich bin kurz davor ihm den Mittelfinger zu zeigen! (Nicht weil er Schuld hat, nur weil er grad da steht.) Fakt ist also, dass ich aus rein medizinischer Sicht vielleicht als Hundefriseurin wieder arbeiten könnte (je nach Immunwerte im Blut) und wenn doch nicht, dann sicher als Bürokauffrau. Und weil ich nur zwei Jahre aus dem Bürojob raus bin, reicht das leider auch nicht für eine LTA Leistungen.  Und das alles, obwohl ich bis auf die drei Monate nach der Geburt IMMER gearbeitet, Steuern und Sozialabgaben bezahlt habe.

Wer mich kennt und/oder meinen Blog ein wenig verfolgt weiß, ich bin ein sehr positiver und optimistischer Mensch. Aber eine gesunde Portion Realität gehört dazu. Dabei sind das ausschließlich meine Erfahrungen und es bleibt zu hoffen, dass es bei ganz vielen anderen Betroffenen wesentlich glücklicher und besser verläuft! Natürlich könnten wir auch noch eine Weiterbildung für meine Englisch- und Softwarekenntnisse mit dem Gehalt meines Mannes finanziell irgendwie verkraften. Doch soll das wirklich Sinn und Zweck des Ganzen sein? Wenn man plötzlich schwer erkrankt und froh sein kann noch am Leben zu sein? Einige mögen jetzt gerne denken „selber schuld“, „hätte ja die frühere Anstellung nicht kündigen müssen“ oder „jeder der arbeiten möchte, kriegt auch Arbeit“. Das mag vielleicht zutreffen, (es ist immer leicht beurteilt, solange man selber nicht betroffen ist). Doch die Freiheit Dinge zu tun, die zu einem passen oder für die man brennt, die Freiheit als Mutter vielleicht mehr Zeit mit seinem Kind als bei der Arbeit zu verbringen oder die Freiheit Unternehmer zu werden, wird uns immer mehr genommen. Denn die Beiträge müssen bezahlt, doch die Verantwortung soll im Bedarfsfall möglichst nicht übernommen werden. Egal aus welchem Grund.

24.01.2019 Dein Leben, deine Regeln

Es sind eisig, klare Tage und so eine Atemtherapie draußen kurz nach Sonnenaufgang, bei minus zehn Grad, kann das Gemüt herrlich auffrischen!
Die Woche ist mit verschiedensten Terminen gut gefüllt, jedoch ohne Hektik, mit Platz für Ruhe und Stille.  Ich bin überrascht, wie selten der Fernseher oder das Radio im Zimmer läuft, trotz der wenigen Abendveranstaltungen und ohne das Langeweile aufkommt. Ich male die Mandalas weiter aus, weil ich niemals in einer Stunde fertig werde, lese, schreibe und bin in Gedanken manchmal noch auf der Suche nach dem Sinn meiner Krankheit. Das Konzept mit den Psychos und Onkos ist interessant und geht auf, denn wer möchte, kann voneinander lernen: die Einen tun sich schwer mit dem Leben und die Anderen möchten unbedingt leben! Klar ist, dass die wesentlich komischeren Vögel nicht in meinen Therapiegruppen sind! Nur beim Essen treffe ich einige von ihnen immer mal wieder. Da ist zum Beispiel Rocky, ein Albaner, der dir jederzeit alles was du brauchst besorgen kann. Oder Ursula und Claudia, zusammen angereist sitzen sie immer strategisch gut, um jeden zu beobachten, analysieren und letztendlich mit ihrem trockenen Humor und ohne Scheu alles Kund zu tun. So hat die letzte Reha-Woche nun begonnen und ich werde wieder einiges mitnehmen und weiter gestärkt nach Hause gehen. Sozusagen mit neuen Zutaten für das Lebens-Rezept in Remission. Die Kunst dabei ist, diese im Alltag weiter zu verwenden und nicht wieder auf Fertigprodukte zurückzugreifen, nur weil es schneller geht… Doch das ist leichter gesagt als getan! Heute, bei einem Vortrag der deutschen Rentenversicherung zum Thema Optimierung unserer Altersvorsorge, ist mir unter all den unterschiedlichen Teilnehmern bewusst geworden, wie sehr wir uns von der Wirtschaftsgesellschaft versklaven lassen (müssen). Wir dürfen gespannt sein, welche Entwicklung das nimmt und hoffen, dass die Party noch nicht so schnell vorbei ist.  PS: Meine Haare feiern nachts – ohne mich – `ne Party!

14.01.2019 Reha mit Flair

Die körperliche und mentale Fitness läuft auf vollen Touren. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre, obwohl das Wetter uns beinahe dazu zwingt, das Haus nicht zu verlassen. Durch den psychologischen und onkologischen Bereich der Rehaklinik treffen sehr unterschiedliche Patienten aufeinander. Die Psychos und die Onkos, wie man sich mit einem Schmunzeln untereinander nennt! Weil ich diesmal auch schwimmen und saunieren darf, bin ich tagsüber so beschäftigt, dass ich abends bereits ab 19:00 Uhr auf meinem Zimmer bin. Bis auf den vergangenen Samstag Abend, meinem bis jetzt persönlichem Highlight!  Schon während dem Frühstück wurde über den wöchentlichen Besuch im „Flair“ gemunkelt. DER Ü 30 Club e.V. in Clausthal-Zellerfeld! Das Lokal öffnet immer wieder und ausschließlich samstags seine Pforten und schickt dafür extra einen Fahrer zur Klinik um tanzwillige Leute abzuholen und sie kurz vor Sperrstunde da auch wieder abzuladen. Ohne genau zu wissen worauf ich mich da einlasse, verabrede ich mich mit Elke und Gabi, zwei netten Onko-Frauen, um dieses Abendeuter live mitzuerleben. Schon beim Eingang verlassen wir das Jahr 2019 und finden uns in einem verqualmten Lokal der Achtziger mit Schützenfest-Charakter und Schwarzlicht wieder! Wir setzen uns an die Theke und  beobachten, wie minütlich die Psychos und Onkos hereinströmen und dabei die runden Stehtische unter aufgespannten Sonnenschirmen besetzen. Dabei komme ich schon aus dem Staunen kaum heraus. Der DJ steht noch hinter der Theke, es läuft Disco-Fox und die ersten Tanzpärchen drehen sich im Takt der Musik. Wie die drei Damen vom Grill sitzen Elke, Gabi und ich an der Theke, nippen an unserem Prosecco und grinsen über das bunte Treiben. Dabei beten wir inständig, dass das Musikprogramm auch noch etwas für solo Disco-Tänzerinnen zu bieten hat! Schon eine halbe Stunde später wurde unser Wunsch mit Helene, gefolgt von Nena, Macarena und „a little bit of Monica“ erhört. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, als sich bei dem Titel „Leinen los“ von Santiano zehn Psychos in Reih und Glied auf den Boden schmeißen und zu rudern beginnen. Die anschließende Polonaise konnte das nicht mehr toppen!
Auf die Frage von Elke, ob hier wohl auch Einheimische sind, zeigte ich auf das Grüppchen am Ende der Theke, welches mir durch ein normales, ruhiges Verhalten auffiel. Der ganze und etwas ausgeflippte Rest kam aus der Klinik. Aber die Stimmung war ausgelassen lustig und kurz vor Mitternacht kam der kleine, rote Bus und brachte uns Insassen wieder nach Hause. Dort angekommen zog es mich erst unter die Dusche und dann unter die Bettdecke. Dinge gibts, die gibts gar nicht…

10.01.2019 sensible Zeiten

Kennt ihr das? Ihr kriegt bei einer eher belanglosen Frage ein Nein als Antwort und könntet plötzlich losheulen?!? Dabei fragt man sich noch warum man jetzt so nah am Wasser gebaut ist, doch dieses Gefühl lässt sich nicht aufhalten… So ging es mir gestern Abend als ich im Fitnessstudio fragte, ob ich mein Theraband-Training auch ohne Einführung in einer Ecke des Studios machen könnte…
Der Tag hatte gut, mit einem Schneespaziergang begonnen und ging mit zwei teilweise interessanten Seminaren weiter. Weil man hier in der Klinik aus Platzgründen Essenszeiten zugewiesen bekommt, bin ich bereits um 17:30 Uhr beim Abendbrot und will danach endlich meine überfällige Sporteinheit machen. Motiviert stehe ich vor dem Tresen des Fitnessraumes, doch die Antwort des Mitarbeiters auf meine Frage war – ihr ahnt es, war ein NEIN und die Begründung (ohne Einweisung kein Versicherungsschutz) konnte ich wirklich voll und ganz verstehen.
„Nicht schlimm, die Übungen kann ich auch auf dem Zimmer machen“, lächle ich etwas gequält und verabschiede mich. Noch auf dem Flur füllen sich meine Augen mit dicken Tränen und ich beschließe meinen Rückweg über das kleine Treppenhaus anzutreten. Ich weiß nicht was mit mir los ist. Dann höre ich hinter mir eine Stimme rufen. Ich stoppe auf der zweiten Treppe, drehe mich um und da steht der Neinsager. Es tat ihm offensichtlich leid und er versucht sich nochmal zu erklären. „Der Boden darf sich jetzt gerne öffnen“, denke ich, denn jetzt darf ich ihm mit Tränen gefüllten Augen noch einmal sagen, dass wirklich alles ok ist. Klar, dass hat er mir bestimmt abgenommen.
Gegen 20:30 Uhr bin ich mit meinem Training durch, liege am Boden und entspanne mich. Jetzt geht es mir besser. Die neue Situation hier und die immer wiederkehrende Angst eines Rückfalls, braucht ein Ventil und da ist Sport eine gute Medizin. Heilend soll auch das Kurzzeitfasten oder Intervallfasten sein, 16 Stunden fasten, 8 Stunden normale Mahlzeiten zu sich nehmen. Ich habe noch nie gefastet, doch mit den hier zugewiesen Essenszeiten passt das gut und darum versuche ich das einfach. Also habe ich heute um 18:00 Uhr das letzte mal gegessen und morgen lasse ich das Frühstück ausfallen. Dabei sind ungesüßter Tee, Wasser, sogar ein schwarzer Kaffee ok und um 11:30 Uhr darf ich dann zum Mittagessen. Das müsste doch zu schaffen sein!
Als der Wecker geht um 08:00 Uhr geht mache ich mich fertig für den ersten Termin um 09:15 Uhr zur Elektrotherapie für Hände und Füße. Die Nacht war unruhig, also mache ich mir, noch etwas müde, um kurz vor neun einen Tee in der Pantryküche meines Stockwerkes. Auf dem Weg zur Therapie gönne mir noch einen Espresso, hungrig bin ich tatsächlich nicht. Später im Seminar zur Angstbewältigung macht sich der Hunger aber bemerkbar. Umso mehr freue ich mich auf mein Mittagessen und dass ich mein erstes Kurzzeitfasten geschafft habe!

08.01.2019 eine Bahnfahrt…

Morgens 07:00 Uhr am Hauptbahnhof Hamburg – der frühe Vogel… na, ihr wisst schon! Es ist dunkel, stürmisch und es regnet. Mit Reisetasche und Rucksack bepackt verabschiede ich mich nur flüchtig von Malte, ich will nicht weinen, was mir aber schwer fällt.  Die Informationen auf der Anzeigetafel sehe ich wegen der aufsteigenden Tränen verschwommen, aber ich reiße mich zusammen. Es ist noch etwas Zeit und ich halte an einem Kaffee-Shop. Mit einen Cappuccino und ein Croissant bewaffnet stolpere ich die Treppe zum Gleis hinunter. „Man, bin ich schon lange nicht mehr Bahn gefahren“, schießt es mir durch den Kopf. Ich versuche mir einen Weg durch die vielen Menschen zu bahnen und erreiche den Punkt an dem ungefähr Wagen 7, mit meiner Sitzplatzreservierung 123 halten sollte. Dann eine Durchsage: „Die Wagen des ICE 973 verlaufen heute in umgekehrter Reihenfolge.“ Weil das mein Zug ist mache ich mich auf den Weg, ein Stück zurück. Dabei kreuze ich wieder die gleichen Mitreisenden, die nun in die entgegengesetzte Richtung gehen. Kaum zum Stillstand gekommen, folgt die nächste Ansage: „ICE 973 fährt mit plus zwanzig Minuten Verspätung ein.“ Ungläubig schaue ich auf die Tafel und da steht es in Laufschrift: +20 Minuten. Damit ist klar, dass ich in Hannover den Anschluss-Zug nach Goslar nicht schaffen werde und schon weiß ich wieder warum ich so selten Bahn fahre!
Langsam wird es heller und der Regen prasselt gegen die Scheiben. Ich lass mir meinen Cappuccino und das Croissant in einem IC, der kurz nach der Verspätungsmeldung eintraf, schmecken. Meinen Anschluss in Hannover verpasse ich dennoch und schlendere gemütlich durch die Gerüche von frischgemahlenem Kaffee, Brötchen, Pizza und Grillwürste. Menschenmassen ströhmen immer wieder hektisch von den ankommenden Zügen die Treppen hinunter in die große Bahnhofshalle. Es herrscht hektisches Treiben und trotz des miesen Wetters gehe ich mehr als rechtzeitig zum angekündigten Bahnsteig. 09:48 Uhr Abfahrtszeit für den RE10 nach Goslar. „Hm, ausgerechnet nochmal eine Verspätung“,  und sehe in diesem Augenblick wie einige, ebenfalls wartende Personen plötzlich das Gleis verlassen. Mein Blick geht zur blauen Tafel, da hat sich nichts verändert. Zwei Frauen schauen sich ebenfalls fragend um. „Gab es eine Durchsage?“ Auch sie hatten nichts verständliches gehört, aber kurzentschlossen folgen wir der Herde, die schon einen kleinen Vorsprung hat. Unten in der Halle angekommen verlieren wir den Anschluss und kontrollieren die großen Informationsbildschirme. Immer noch Gleis 7, nichts hat sich verändert. Gerade als wir unsicher wieder zurück gehen wollen, ändert sich die Information auf Gleis 4! Den schweren Rücksack auf dem Rücken, die große Reisetasche in der Rechten renne ich die Treppen hoch und höre dabei wie sich eine Bahn in Bewegung setzt. Es ist der RE10 nach Goslar. Der nächste, das weiß ich ja schon, geht in einer Stunde! Fassungslos und den Tränen nahe gehe ich zum Reisezentum der Deutschen Bahn und hole ein Fahrgastrechte-Formular, womit man den Fahrpreis zurückerstattet bekommen kann. Auf welchem Bahnsteig der nächste Zug fährt kann mir die Mitarbeiterin nicht sagen. Gibt mir aber den Tipp, mich unter einen der Lautsprecher zu stellen, denn manchmal seinen die Durchsagen zu leise.

Eine gute Stunde später sitze ich tatsächlich im RegionalExpress und eine weitere Stunde später im Bus-Shuttle zum Rehazentrum Clausthal-Zellerfeld. Zusammen mit drei Patientinnen bilden wir das letzte Neuling-Grüppchen. Das Haus ist groß und hell, die begrüßende Mitarbeiterin erklärt uns sehr freundlich das Wichtigste und kurz darauf sitzen wir beim Mittagessen. Gisela aus Papenburg, Ulrike aus Emden und eine „Friesen-Sister“, also eine Frau mit ähnlicher Frisur, deren Name und Herkunft ich mir leider nicht merken konnte. Danach trennen sich unsere Wege und ich beziehe mein Zimmer. Die letzte Tür in einem langen Flur des dritten Stockwerks ist meine. Angenehm überrascht sehe ich mich kurz in dem geräumigen, hellen Raum und dem Badezimmer um. „Wow, schön ruhig mit Blick auf Wald und See“. Zeit auszupacken bleibt mir nicht. Der Pflegedienst, EKG und mein zugewiesener Arzt erwarten mich in dieser Reihenfolge.
Ich habe ein gutes Gefühl. Die Mitarbeiter/innen sind durchweg nett, der Arzt hat zugehört und mich unter anderem in die Reha-Leistungsgruppe (Sport für Fortgeschrittene) sowie zum Therapiesingen eingeteilt und nun beschließe ich den Abend mit Mandalazeichnen. Es gibt also viel Neues zu entdecken!

07.01.2019 Koffer packen

Nach wunderschönen, ruhigen und gemütlichen Tagen wird heute bei vielen wieder angepackt und bei mir mal wieder Koffer gepackt! Zwei bis drei Wochen Reha in Clausthal-Zellerfeld stehen ab morgen auf dem Plan. Trotz der bereits vor kurzem  durchgeführten Reha besteht die Rentenversicherung darauf. Warum und wie das sein kann? Weil ich bei der Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (Weiterbildungen) beantragt habe und nun überprüfen werden soll, ob ich die persönlichen (gesundheitlichen) Anforderungen dafür erfülle. Weil die erste medizinische Reha automatisch über einen Träger der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung ging, die extra und ausschließlich für onkologische Rehabilitationsmaßnahmen ins Leben gerufen wurde, interessiert das die Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See trotzdem nur wenig, bis gar nicht.  Wirklich verstehen tue ich das alles nicht und umso neugieriger bin ich auf den Beratungs- und Informationstermin Ende Januar, bei dem mir hoffentlich ein Licht aufgeht.

Natürlich gibt es Schlimmeres und es hat viel Gutes sich noch einmal nur auf sich konzentrieren zu können, aber ich lasse meine Lieben nur ungern schon wieder alleine. Also packe ich die Koffer und fahre diesmal mit der Bahn zum Rehazentrum Oberharz, in den angekündigten Schnee. In der Hoffnung, dass die Nächte diesmal erholsamer werden, kommen neben Mützen und Handschuhen diesmal auch mein Nackenkissen und der Schlaftee mit. Auf einen Besuch von Malte, Josh und Fido muss ich diesmal leider verzichten und auch die Lichterketten für eine gemütlich Atmosphäre im Zimmer muss laut Hinweis der Klinik zu Hause bleiben. In Vorbereitung habe ich mich schon einmal mit den Therapieangeboten auseinander gesetzt. Neben der üblichen Sport- und Physiotherapie, gibt es die Psychologische- sowie die Ergotherapie, in der auch Konzentrationstraining angeboten wird. Da wird ein Schwerpunkt meiner Ziele sein. Denn seit mir nach kurzer Zeit beim lesen das Buch fast aus den Händen-, oder mein Kopf beinahe auf die Tastatur fällt, weil mich eine Art Sekundenschlaf überkommt, gibt es da erhöhten Trainingsbedarf! Aber auch meine kleinen, mal etwas größeren, psychologischen Achterbahnfahrten möchte ich besser und schneller bewältigen können. Gerade erlebe ich wieder eine Phase in der mir jedes körperliche Kinkerlitzchen Sorge und Angst macht.  Doch meine größte Hoffnung gilt einer Ärztin/Arzt, der oder die Verständnis für meine Anliegen hat und mich in diesen nach Möglichkeit unterstützt.

Schon ein wenig aufgeregt freue ich mich natürlich auch auf neue, schöne und hoffentlich lustige Geschichten von denen ich berichten kann.

Du, 2018

„Du, 2018“ erzählst von dem Moment, welcher im Guten wie im Schlechten in meinem Leben alles veränderte. Von dem Ereignis, das auf einmal alles verschoben und meinem Leben plötzlich eine völlig andere Richtung gegeben hat.

„Du, 2018“ hast für einigen Trubel in meinem Leben gesorgt! Im Februar hast du mich eiskalt erwischt, um mich mit einer Krebserkrankung in den Frühling zu begleiten. Da, wo nun überall langsam neues Leben entstand, musste ich erstmal Blätter lassen. Denn nur so gab es eine Hoffnung auf das Morgen. Später in diesem wunderschönen, nicht enden wollenden Sommer wurde ich Runde für Runde schwächer, bis die ersten Regentropfen ankündigten, dass es nun Zeit zur Regeneration war. Wie nach einem warmen Sommerregen gewann ich ganz langsam wieder an Energie und Kraft. Begleitet von wenigen Gewitterstürmen, die mich durchschüttelten, geht es nun weiter vorwärts in eine geklärte und hoffnungsvolle Zukunft.

Schon lange hatte ich nicht mehr so viel Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens, für meine Familie und mich. Doch das Wichtigste – ich lebe! Der Preis dafür war hoch, hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt.

„Du, 2018“ hast viel genommen und gegeben. Du hast mich in der Schule des Lebens gelehrt, die Dinge anzunehmen, die das Schicksal für mich bereithält und das Beste daraus zu machen. Dankbar zu sein für die Liebe und die Zeit, die ich noch hier sein darf!

Wir werden krank, werden verletzt und treffen manchmal falsche Entscheidungen. Wir leiden und lieben, verlieren manchmal den Boden unter unseren Füßen und finden dann irgendwann neue Wege, die uns weiterbringen. Dabei dürfen wir nur eines nie vergessen: das Schönste, was wir erleben können, ist die Liebe. Die Liebe zum Leben, zu sich selbst, zu den Dingen, die wir tun und die Liebe zu einem anderen Lebewesen!

„Du, 2018“ neigst dich nun dem Ende zu und treibst deine Geschichten, Schicksale und Ereignisse, wie eine Welle langsam auf das offene Meer, in die Ewigkeit hinaus. Dabei sitze ich hier, schaue dir nach und bin von Dank erfüllt für die lieben Menschen in meinem Leben, die mir in stürmischen Zeiten beigestanden und mich aufgefangen haben. Auch wenn der innerer Kompass manchmal noch nicht ganz zu funktionieren scheint, lasst uns den Augenblick genießen, denn „Du, 2018“ bist der Augenblick und somit das Leben.

19.12.2018

Ein ein besonderer Tag und ein weiteres Ereignis, auf das ich mich seit Wochen freue, steht heute an. Es ist wie eine kleine Reise in die Vergangenheit, wobei ich dort angekommen, die meisten Menschen nicht kenne und die mir damals so Vertrauten in der Zwischenzeit leider etwas fremd geworden sind.
Hier an diesem Ereignis geht es um die erfolgreiche Arbeit von vor ein paar Jahren und das lässt mich ein wenig wehmütig, stolz, aber auch nachdenklich werden. Wir identifizieren uns oft mit dem, was wir im Job leisten und natürlich mit dem, was wir dafür erhalten. Manche verwirklichen sich dabei, gehen in ihrer Arbeit auf und leben beinahe für die Arbeit. Diese Gedanken verunsichern mich und ich stelle fest, dass es um Beruf, Berufung und Familie auf eine gesunde Art und Weise unter einen Hut zu bringen, den Blick für das richtige Maß, für die wichtigen Dinge im Leben und eine gestandene Persönlichkeit braucht. Dieses hohe Gut hat auf jeden Fall der Mann, der gestern im Hamburger Rathaus das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hat. Mein ehemaliger Chef, Prof. Norbert Aust. Zehn Jahre konnten wir mit der Gründung der Musiktheaterschule Hamburg School of Entertainment kreativ, schaffend und bildend tätig sein. Auch als Vorgesetzter hatte er doch immer etwas väterliches und hielt die Fäden in der Hand, ohne sein Team an der kurzen Leine zu führen. Ließ auf diese Weise Raum Dinge entstehen zu lassen und nahm dabei die Angst vor dem Unbekannten. Ich glaube ein besseres Rezept für Erfolg gibt es nicht!

Ein früherer Schicksalsschlag hält ihn und seine Familie wie ein unsichtbares Band mit Respekt, Demut, Lebensfreude und Liebe zusammen und auch heute, wo die Kinder schon Erwachsene sind, hat man das Gefühl, dass es nichts auf dieser Welt gibt was daran etwas ändern könnte.
Mit seinen Ideen und Visionen hat er so viel für die Hamburger Kultur und Touristik erreicht und lässt nun alle, die ihm bei seinen Projekten begleiteten haben und wichtig sind, hier an dieser Verleihung des Bundesverdienstkreuzes teilhaben. Weil wie er sagt, „jedem von uns mindestens eine Ecke davon gehört“. Ganz und gar nicht regelkonform überreicht der Kultursenator im Raum neben dem großen Saal des Rathauses Norbert Aust diese anerkennende Auszeichnung. Normalerweise findet diese Veranstaltung in Berlin statt und falls doch mal in Hamburg, dann gemäß Protokoll im kleinen Rittersaal mit entsprechend angepasster, maximaler Anzahl an Gästen. Dass es auch mal ganz anders geht, sehen wir heute. Doch das funktioniert vermutlich nur, wenn man Norbert Aust heißt und die persönlichen Werte wichtiger sind, als sich protokollkonform zu geben. Das lässt er auch in seiner Dankesrede jeden spüren, vor allem seine geliebte Familie. Spontan fällt mir die Weisheit „neben jedem erfolgreichen Mann, steht eine starke Frau“ ein – ja, ich meine NEBEN und es gibt wohl wenige Paare bei denen das so zutrifft, wie bei den beiden!

Beeindruckt von den großartigen Räumlichkeiten des Restaurants „Parlament“, welches im Keller des Rathauses ist, genießen wir bei dem anschließenden Mittagessen eine tolle Atmosphäre, schöne Erinnerungen und die Tatsache, an einem besonderen Tag mit besonderen Menschen zusammen zu sein.