Wie? 2019 ist vorbei?

Da hatte ich im Januar doch eben erst die Koffer für die “Überraschungs-Reha“ gepackt und nun steht Silvester vor der Tür?
Ich erinnere mich, wie wir Klinikinsassen dort im Oberharz in der  Ü30 Disco „Flair“ getanzt haben, als gäbe es kein Morgen. Ebenso wie ich wegen der Verschreibung falscher Medikamente beinahe vom Glauben abgefallen bin und wie ich mich zum Ende der Reha über die erneute Ablehnung der Empfehlung zur Teilhabe am Arbeitsleben grün geärgert habe.

In der Zwischenzeit machten meine Haare im kurzen Pudellook immer mehr Party ohne mich und im Februar durfte ich, eingekleidet in einen Traum aus hellblau, zur nächsten Nachsorgeuntersuchung. In diesen Tagen bibberte ich nicht nur wegen der Eiseskälte, ich bibberte den Ergebnissen entgegen, denn es stand neben meinem Leben der erste Schritt in die Normalität auf dem Spiel.

Glücklicherweise ging alles gut und bevor es wieder losging, in der Welt der Arbeitenden, fuhr ich im März mit Josh auf hoher See dem Sonnenuntergang und einem neuen Job entgegen. Nach der großartigen Mama-Sohn-Reise kam es tatsächlich noch besser: nach dem eingereichten Widerspruch wurde dem Antrag auf Weiterbildung nun doch zugestimmt. Das war eine große Genugtuung, auch wenn ich es nicht mehr brauchte. Dennoch war es der Beweis, dass es sich immer lohnt für etwas zu kämpfen, woran man glaubt.

Durch die neuen Herausforderungen erschöpft, aber happy, flogen der April und Mai des Jahres förmlich an mir vorbei, genau wie die Rezidiv-Ängste. Ja, diesmal machten sich erst kurz vor dem nächsten “Fotoshooting“ ein paar Sorgen in mir breit. Wieder unbegründet, wie sich herausstellte und so zog mit dem Sommer auch die Routine in unser Leben ein.

An einem klaren Sommermorgen im Juni fuhren wir an den hellgoldenen Weizenfeldern vorbei, die sich vom noch tief blauen Himmel abhoben. Es war sehr früh morgens und die Wassersprenger auf den Feldern kündigen wieder einen heißen Tag an. Wir waren auf dem Weg in unseren ersten Urlaub seit der Chemotherapie und mir wurde klar, wie wenig Zeit ich in den vergangenen Monaten für mich hatte. Ich vermisste die Tagträume und die damit verbundene innere Ruhe. Erst jetzt kam ich wieder einmal dazu einzutauchen in das Hier und Jetzt, wo einfach nichts anderes wichtig zu sein schien. Erstaunlich, wie schnell man selbst nach einem Schicksalsschlag wie meinem wieder in die alltäglichen Tretmühlen des Lebens gelangt. Das bedeutet wohl ich bin wieder integriert. Integriert in die arbeitende Gesellschaft.

Nach wunderbaren Tagen in den Alpen ging mit dem schönen Sommerurlaub auch die Arbeit an meinem Herzensprojekt zu Ende. Das Manuskript über mein Jahr mit Krebs war fertig und ich meinem Ziel ein großes Stück näher.

Das feierten wir im Juli mit einem spontanen Besuch bei der Beach Volleyball Tour in St. Peter-Ording. Ohne Pupertier und Hundetier, dafür mit meinem Lieblingsmensch, mit viel Lieblingsmusik und Lieblingsgetränken. Ja, die schönen Momente begleiten uns ein Leben lang und das ist gut so.

Denn im August ging mein Streit mit der Versicherung, betreffend meiner Berufsunfähigkeit, in die nächste Runde. Auf diese Weise lernte ich, dass es Versicherungen gibt, die nur Sinn machen, wenn man dazu auch eine Rechtsschutzversicherung abgeschloßen hat. Denn im Gegensatz zu dir, geht es den Versicherungen NICHT darum da zu sein, wenn mal was ist.

Als maximal OK empfand ich auch das, was sich ab September so auf meinem Kopf entwickelte und so betrat ich kurzentschlossen ein Friseurgeschäft. Der netten Dame am Empfang schilderte ich meine Haarproblematik, als plötzlich ein Pärchen an mir vorbeihuschte. Ich schaute ihnen nach – es waren die Schnuggis! Als sie kurz darauf in den Salon zurückkehrten, lächelte Herr Schnuggi mich breit an: „Welche Überraschung!“ Freudig drückte ich ihn und erfuhr, wie schlecht es um die Gesundheit seiner Liebsten steht. Langsam ging ich auf Frau Schnuggi zu. Ihr kurzes silbergraues Haar stand ihr richtig gut. Es erinnerte mich an meine Zeit kurz nach der Chemo und vorsichtig legte ich meine Hand auf ihren Unterarm: „Hallo, sie sehen toll aus! Wissen sie noch woher wir uns kennen?“ Ganz kurz lächelte sie: „Nein, tut mir leid, mir geht es heute nicht so gut“. Dabei schaute sie an mir vorbei, hilfesuchend zu ihrem Ehemann. Ich drehte mich zu ihm um und er hob nur verloren die Schultern. Leider sind auch dies die Geschichten, die das Leben schreibt. Mal wunderschön, berührend oder traurig, aber manchmal auch einfach nur Scheiße.

Langsam wurde es kühler und mit dem Regen, der im Oktober an die Fenster prasselte vielen auch die Blätter – und einer meiner Zähne! Tatsächlich brach der durch die  Chemo vermutlich etwas porös gewordene Stiftaufbau einer Krone neben meinen Schneidezähnen ab und eine riesige Zahnlücke klaffte mitten in meinem Gesicht. Demnach verschickte ich einige Wochen später mit einer Zahnprothese bewaffnet das Exposé zu meiner Buch- bzw. Hörbuch-Idee an die Verlage. Die Daumen gedrückt, die Augen zusammen gekniffen: „Eins, Zwei, Drei“ und weg damit.

Auf eine lange Wartezeit eingestellt, erhielt ich überraschenderweise gleich im November eine Antwort aus Berlin. Ein Hörbuchverlag, ich konnte es kaum glauben, würde meine Geschichte publizieren wollen. Das war so aufregend, da stand die nächste Untersuchung in der radiologischen Abteilung ganz im Schatten dieser Neuigkeit.

Die Freude verblasste bei der Besprechung der Untersuchungsergebnisse ein wenig. Nicht wegen der onkologischen Ergebnisse, viel mehr weil die Kieferchirurgin, auf Grund der Rezidiv-Gefahr mir kein Zahnimplantat einsetzten wollte, weil die Behandlung bis zum Abschluss über mehrere Monate geht. Sollte der Krebs wiederkommen und die Behandlung noch nicht abgeschlossen sein, wär das ziemlich ungünstig.

Zusätzlich erhielt ich von meiner Rentenversicherung die Ablehnung auf meinen Reha-Antrag. Gerne hätte ich im kommenden Frühling, nach einem Jahr in der Arbeitswelt, meine Leistungsfähigkeit noch etwas verbessert, um die alltäglichen Belastungen besser zu verkraften.

Tja, hätte, könnte, würde, müsste…

Du – 2019 – bist an mir vorbeigeflitzt, dass ich dir nur noch staunend hinterhersehen kann. Jetzt steht das nächste Jahrzehnt vor der Tür und ich habe zwei (vielleicht sogar drei) spannende Projekte vor mir. Denn wer mich kennt weiß: nicht viel quatschen einfach mal machen – könnte ja gut werden! In diesem Sinne wünsche ich der Menschheit die Kraft auf den gesunden Menschenverstand und auf das Mitgefühl zu hören – auf ein glückliches neues Jahr!

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