#vergänglichkeit

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Meine Omi ist schon vor fünfundzwanzig Jahren mit zweiundachtzig Jahren verstorben. Dennoch ist sie immer bei mir wenn ich ihre Lebensweisheiten brauche und an sie denke.
Als meine Zwillingsschwester Maya und ich noch Kinder waren, hat sie schon mit uns über die Vergänglichkeit aller Dinge und wie diese zum natürlichen Kreislauf des Lebens gehören, gesprochen.
Sie war gelernte Krankenschwester und pflegte ihren Mann, der mit knapp sechzig Jahren an Knochenmark-Krebs erkrankte, bis zum Ende bei sich zu Hause. Leider konnten wir zwei diesen Opa nie kennen lernen, denn er verstarb nur wenige Tage vor unserer Geburt.
Omi glaubte an Seelenwanderung und begrüßte ihren verstorbenen Ehemann jeden Morgen nach dem Aufstehen auf dem schwarz-weißen Passbild-Fotostreifen, der über dem Abreißkalender befestigt war. Immer mit einem gut gelaunten „guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen und guten Morgen", tippte sie mit dem Zeigefinger auf jedes der vier Bildchen und lächelte dabei.
 
Der Gedanke an Seelenwanderung war mir als Kind manchmal etwas unheimlich. Die Vorstellung, dass wir im Himmel lachend auf einer riesigen Schaukel sitzen, gefiel mir da schon besser. 😉  Und weil sie so offen und selbstverständlich mit uns über die Vergänglichkeit und den Tod gesprochen hat, verkrafte ich heute meine Diagnose Krebs vermutlich besser, als manch anderer. Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Warum fürchten wir uns eigentlich so sehr, dass wir nicht "darüber" sprechen? Warum haben wir eine solche Angst vor dem Tod? Viele sagen, dass sie sich nicht direkt vor dem Tod fürchten aber vor Krankheit, Schmerzen und Leiden. Klar, das möchte keiner erleben, doch wir können uns unser Schicksal nicht aussuchen. Kann der Tod nicht dann erst recht eine Erlösung sein? Meine Omi hat uns Kindern das gerne mal ganz pragmatisch erklärt: "Ich muss euch doch nicht leid tun, wenn ich sterbe. Mir geht es dann gut und mir tut dann nichts mehr weh! Darüber müsst ihr doch nicht traurig sein."

Also warum sprechen wir nicht über die eigentlich natürlichste Sache der Welt!?! Alles ist vergänglich, ohne die Tatsache würden wir nicht existieren. "Als wären wir ein Blatt an einem Baum, wir verwelken, fallen vom Baum auf die Erde, werden dann Erde, die der Baum im Frühling braucht um neue Blätter sprießen zu lassen."

Vor allem mit unseren Liebsten sollten wir über unsere Gedanken an die Vergänglichkeit reden. Wir können uns unsere eigenen Bilder, Wünsche und Vorstellungen davon machen, wie wir uns das sogenannte "Licht" vorstellen, was uns wohl im Jenseits, im Himmel oder auf der anderen Seite erwartet. Ob wir da bleiben, als Seele herum ziehen oder wiedergeboren werden. Jeder wie er es mag, glauben und sich vorstellen möchte.

Noch wichtiger finde ich, wie sich die Welt der Hinterbliebenen weiter dreht. Über die Trauer, das uns ein Mensch im Alltag fehlen wird, das wir es vermissen werden, diesem Menschen die Hand zu geben, ihn zu drücken oder ihn einfach nur anzurufen.  So ein Schmerz scheint anfangs beinah unendlich. Doch wird es irgendwann langsam weniger, mit der Zeit, langsam immer weniger...

Ich bin in meiner Situation immer wieder unendlich und tief traurig, müsste ich früher als gewünscht gehen. Doch dieser offene Umgang mit diesem Thema in der Familie,  hat für mich etwas sehr beruhigendes.

"Das schönste was ein Mensch hinterlassen kann, ist das Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken."