Wenn der Krebs dich zu Boden kickt, stehe langsam wieder auf und sag ihm, dass er wie ein Schwächling tritt!

Ja, es ist schon laaange her seit dem ich den letzen Blog Beitrag veröffentlicht habe! Der Grund dafür ist aber ein guter – mein Buch will überarbeitet werden und dafür brauche ich als Anfänger unglaublich viel Zeit. Neben der Arbeit, der Familie, dem Haushalt und den lieben Vierbeinern, kommt  jetzt bereits der Sport  zu kurz… trotzdem möchte ich folgendes erzählen:

Ich, dem Leben wieder etwas hinterherächeld, beschließe während dem Einkauf im Elbe Einkaufszentrum mir etwas Gutes zu tun und betrete kurzentschlossen das Friseurgeschäft, an dem ich gerade vorbei gehe. Der netten Dame am Empfang schildere ich meine Vorstellungen und Wünsche und gemeinsam schauen wir nach einem passenden Termin, als plötzlich ein Pärchen an mir vorbeihuscht. Ich schaue ihnen nach und siehe da: es sind die Schnuggis!!!

Mit einem Handtuchturban auf dem Kopf husch Herr Schnuggi mit Gattin an mir vorbei. Ich brauche einen Augenblick sie wieder zu erkennen und mein etwas zögerliches „Hallo!“ können sie dann leider schon nicht mehr hören. Völlig überrascht frage ich die junge Friseurin hinter dem Tresen, ob sie mir sagen kann wo die beiden hingehen. „Nur eben kurz zur Toilette beim Italiener nebenan.“, informiert mich ihre Kollegin, die eben um die Ecke schaut.
Kurz erkläre ich woher und unter welchen Umständen ich das Ehepaar kennen gelernt habe und frage, ob es ok sei, hier auf sie zu warten. Freundlich stimmen beide sofort zu.
Es dauert eine Weile bis die Schnuggis in den Salon zurückkehren. Als sie das Geschäft betreten lächelt er mich breit an: „Welch Überraschung, wie geht es Ihnen und so lange Haare!“ Lachend drück ich seine Hand zur Begrüßung, während Frau Schnuggi ohne einen Blick an mir vorbeigeht. „Wie geht es ihr“, frage ich sofort und er winkt ab. „Es ist schlimm, leider ganz schlimm.“ Weiter erzählt er, dass die Behandlung gegen den Enddarmkrebs nicht gut angeschlagen hat, was eben leider der Grund für den hektischen Besuch bei der Toilette nebenan war. Auch ihre Demenz hat sich verschlechtert, so dass sie immer öfter wütend wird und sich an vieles nicht erinnern kann.
Die Friseurin fordert uns freundlich auf unser Treffen nach hinten zu den Frisier-Plätzen zu verlegen, damit sie mit ihrer Arbeit beginnen und den Terminplan einhalten kann. Nur kurz gehe ich mit. In dem hinteren Raum  steht Frau Schnuggi und ihr kurzes Silbergraues Haar steht ihr richtig gut. Es erinnert mich an meine Zeit kurz nach der Chemo. Vorsichtig gehe ich auf sie zu, lege kurz meine Hand auf ihren Unterarm: „Hallo, sie sehen toll aus. Wissen sie noch woher wir uns kennen?“ Ganz kurz lächelt sie: „Nein, tut mir leid, mir geht es heute nicht so gut“. Dabei schaut sie an mir vorbei, fast hilfesuchend zu ihrem Mann. Ich drehe mich zu ihm um und er hebt etwas verloren die Schultern.

Ja, auch dass ist der Stoff aus dem die Geschichten des Lebens geschrieben werden. Es ist traurig, berührend und manchmal einfach Scheisse, aber die Schnuggis nehmen ihr Schicksal an und er gibt sein Bestes für seine große Liebe gut auszusehen und da zu sein, egal was passiert.

Jemanden zu finden, der bedingungslos an deiner Seite steht, ist heut vermutlich ein Zufalls-Glückstreffer. So flexibel wie nie zuvor, haben wir beinahe unbegrenzte Möglichkeiten unser Leben zu gestalten, alles steht uns offen – schwer sich dabei für eine Sache verbindlich zu entscheiden und das dann noch lebenslang… Aber für viele von uns kommt  der Zeitpunkt, an dem wir nicht mehr jung, dynamisch, gutaussehend und vor allem gesund sind. Wir werden älter und irgendwann alt. Ist das nun Fluch oder Segen? Am Ende kann das nur jeder selbst für sich beantworten.

Vor dem Krebs viel es mir schwer Hilfe anzunehmen und mich auch mal  an einer starken Schulter anzulehnen. Das „Warum“ ist heute egal, denn ich bin heute dankbar für diese Erfahrung und möchte nichts missen.

Den Schnuggis wünsche ich von ganzem Herzen noch viele schöne gemeinsame Stunden, in denen sie diese Krankheit vielleicht noch für ein paar Augenblicke vergessen können.

16.05.2019 kalte Füße

Mein Immunsystem scheint weiter zu schwächelnden, denn die Blasenentzündung hat sich ihren Platz auf meiner Bühne zurück erkämpft. Nicht mit ganz so vielen Pauken und Trompeten, aber laut genug! Es ist Dienstag Abend, „ich muss morgen nach der Arbeit, nochmal zur Hausärztin“, geht es mir durch den Kopf, aber Mittwoch nachmittags sind die Praxen ja geschlossen – typisch! Blöde Blasenentzündung-Bitch! Meine Rettung sind die verständnisvollen Schwestern und meine Ärztin aus der MVZ Tagesklinik des Asklepios Krankenhauses in Altona, sowie eine liebe Kollegin, die für ein Stündchen meinen Job übernimmt, damit ich rechtzeitig in der Klinik sein kann.
Während ich im Wartezimmer sitze begegne ich einigen vertrauten Gesichtern. Auch die bitterlich weinende Frau eines aus Indien stammenden Patienten, der nun leider verstorben ist, kenne ich. Erst bei meiner letzten Nachsorge habe ich ihn hier noch mit seiner Familie gesehen. Er war nie alleine bei der Therapie, seine Frau und seine Tochter waren immer dabei. Manchmal auch ein wenig zum Leidwesen der Schwestern und einzelner MitpatientInnen. Wenn viel los war, so dass Stühle knapp wurden, oder sie trotz Erkältung anwesend sein wollten, mussten sie sich auch mal von ihrem Ehemann und Papa verabschieden und im Warteraum Platz nehmen bis die Infusionen zu Ende waren – nun mussten sie sich wieder verabschieden, diesmal für immer.
Die Tatsache, wie plötzlich das Selbstverständliche vorbei sei kann, wird uns öfter als „normal“ vor Augen geführt und lässt uns inne halten. Um dich herum freut sich alles, dass du den Krebs besiegt hast und du hast Angst, dass er wieder kommen könnte. Dabei quält dich auch noch das schlechte Gewissen, weil du dich aus diesem Grunde manchmal nicht mitfreuen kannst…
Aber wir kämpfen, versuchen mitzuhalten und hoffen dabei einfach unsere Träume und Wünsche noch weiter leben zu dürfen.
Schon morgen geht es für mich wieder zum Fotoshooting der „inneren Werte“ und ich kriege jetzt schon kalte Füße, wenn ich an die Tage bis zur Befundbesprechung denke! Ich kann also gerade Daumendrücker, positive Gedanken und eine Menge Glück gebrauchen. Damit ich mich erstmal wieder mitfreuen kann!
Was ist dein großer Wunsch, dein Traum oder was wolltest du immer schon mal machen? Ich finde mit einem Bus ein paar Monate unterwegs zu sein, Europa zu bereisen, Land und Leute kennen zu lernen, wandern, schreiben, mal im Hotel, mal im Bus zu übernachten, das fühlt sich nach Leben, Freiheit und ganz nach meinem Geschmack an. 😊

05.05.2019 – das Ding mit dem Leben

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und es zieht mich förmlich nach draußen. Der Baumbestand rund ums Haus treibt zur Zeit ordentlich aus und hinterlässt einiges Grünzeug auf dem Boden. Schnell ist der Handfeger geholt und ich gehe in die Hocke um das Häufchen aufzufegen – AUA! Ein Ziehen geht links an Kreuz vorbei. Unsicher, ob ich wieder hoch komme, lasse ich alles liegen und kämpfe mich vorsichtig Zentimeter für Zentimeter hoch. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – es zieht, aber ich kann mich bewegen. Pünktlich zum Osterwochenende fange ich mir einen Hexenschuss ein, was weiter nicht tragisch, teilweise schmerzhaft, vor allem aber einschränkend ist. Sich nicht nach Lust und Laune bewegen zu können, fällt mir besonders schwer. Mit Trainer Nils machen wir diesmal also kein Kraft-, sondern Gymnastikübungen für den Rücken. Hört sich nach Rentnersport an – von wegen! Denn am nächsten Tag lenkt der Muskelkater mehr von dem Rückenleiden ab und einen weiteren Tag später wandern die Verspannung zur anderen Seite. Mit etwas Vorsicht, Geduld und leichten Übungen für den Rücken bin ich nach ein paar Tagen wieder uneingeschränkt dabei.
Neugierig lasse ich mich unter dem Motto #fahrtzusammen von MOIA zur Arbeit fahren. Für fünf Euro von Bahrenfeld bis nach Bramfeld. Die App herunterladen, Kontaktdaten und eine Kreditkarte hinterlegen und schon kann es losgehen. Der Standort und das Ziel sind schnell eingegeben, dann wird gefragt wann ich bereit bin aufzubrechen: Jetzt, 5+ Min., oder 10+ Min. Die angegebene Fahrzeit ist zugegeben sehr optimistisch lädt mich aber dazu ein 10+ Min. zu wählen. So hab ich noch Zeit mein Frühstück in Ruhe zu packen und das Pupertier zu knuddeln. MOIA verspricht eine Ein- und Ausstieg-Stelle von maximal 250 m des gewünschten Standortes und hält das auch ein. 200 Meter von meiner Haustür kann ich zusteigen und genauso nah an meinem Ziel ist die Ausstieg-Stelle. Die App sagt mir sogar wann ich losgehen soll um pünktlich an der Haltestelle zu sein. Das allerdings sehe ich das erst, als ich zehn Minuten zu früh an dem angegebenen Standort stehe… Mit dem Gedanken, dass ich natürlich rechtzeitig zur Arbeit kommen möchte, tiegere ich die Straße auf und ab und halte dabei nonstop mein Handy in der Hand. 7:20 Uhr noch nichts zu sehen – doch da, in der App wird mir plötzlich das MOIA Fahrzeug auf dem Bildschirm angezeigt, wie es sich langsam auf mich zubewegt. Ich stelle ich mich sichtbar an die Straße und steige kurz darauf ein. Wie in einem Mini-Bus öffnet und schließt die Tür automatisch. Ein weiterer Fahrgast befindet sich im Fahrzeug und nach dem mich der Fahrer begrüßt und freundlich nach meinen Namen fragt, nehme ich auf einem der großzügigen Sitzen platz. „Anschnallen bitte“ und dann kann es los gehen. Bereits jetzt ist mir klar, dass das mit der Zeit eng wird und tatsächlich komme ich am Ende nicht ganz pünktlich an. Wendemanöver, zusätzliche Aus- und Einstiegswünsche können den Weg, ohne dass du es weißt, verlängern, doch mit den gewonnenen Erfahrungswerten lässt sich das bei Bedarf entsprechend planen. Für zehn Minuten früher losgehen sitze ich nun in einem gemütlichen, kleinen E-Bus, lasse mich fahren und kann dabei für meinen Blog oder in die Einkaufsliste unserer Familien-App Bring! schreiben, die ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen kann.
Noch bei der Arbeit spühre ich erste Anzeichen einer Blasenentzündung und schütte wie ein Kamel Wasser und warmen Tee in mich hinein! Doch innerhalb von wenigen Stunden entwickelt sich das leichte Ziehen zu Schmerzen, die meinen ganzen Körper mit Schüttelfrost verkrampfen lassen. Es ist Freitag, 18:30 Uhr – was denn sonst… Eine viertel Stunde später entschließe ich zur Notfall Praxis in der Stresemannstraße zu fahren. Ungläubig fahre ich langsam am Eingang vorbei zu den Parkplätzen. Eine zehn Meter lange Schlange von wartenden Menschen steht draußen! Ich parke den Wagen und überlege gleich wieder nach Hause zu fahren. Aber mein Zustand rät mir das Anstellen in Anbetracht des Wochenendes in Kauf zu nehmen. Langsam gehe ich auf das Eingangsschild zu und sehe, dass die Praxis erst um 19:00 Uhr öffnet. Ok alles klar, das dauert nicht mehr lange und immerhin ist das Wartezimmer nicht schon überfüllt.
Vorbei an Familien mit Kleinkindern, ältere Menschen mit Gehhilfen und Anderen, stelle ich mich in die Reihe dazu. Es ist wieder kalt geworden und der Wind zieht fies unter meinen Mantel. Immer wieder halten Autos neben der Warteschlange, um noch mehr angeschlagene Menschen aussteigen zu lassen. Fußgänger, die vorbei gehen, schauen fragend und erstaunt. Sogar ein kleiner Junge kommentiert spontan: „Mama, ist das eine Demo?“ Jetzt schüttel ich mich kurz, aber vor Lachen! Eine knappe Stunde später hole ich mir ein sogenanntes Einmal-Antibiotika aus der Apotheke und fahre nach Hause. Ich mache mir Sorgen…
Seit Tagen schwanke ich zwischen „alles wird gut“ und „ich hab ein mieses Gefühl“. Die Müdigkeit, der Hexenschuss und jetzt noch die Blasenentzündung. Alles Dinge, die einen ganz „normalen“ Ursprung haben können und dennoch, kurz vor den Nachsorgeuntersuchungen bin ich sensibel, höre sehr in mich hinein und bleibe dabei bemüht positiv zu sein.
Am 17. Mai 2019 habe ich mein nächstes Shooting. MRT, CT und dann heißt es warten. Warten auf die Nachricht, die mir die Leichtigkeit eines Schmetterlings schenkt, oder mich im Sturzflug auf den Boden eines Rezidivs landen lässt. Sehen wir es als eine regelmäßige Übung an, das Schicksal anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Ändern können wir den Augenblick nicht. Auch wenn wir zu gerne daran festhalten, daran zu glauben das Ruder in den Händen zu halten. Wenn wir das Leben begreifen wollen,  sollten wir nicht an die Vergangenheit denken und nicht die Zukunft verplanen. Wir verstehen und finden uns selbst, indem wir in der Gegenwart ankommen.

20.04.2019 happy Auferstehung

Mit ganz viel Lust auf die Arbeit und all das Neue hätte ich nicht gedacht, wie schwer mir dies teilweise doch fallen wird. Es ist weiter ganz schön anstrengend wieder in der Welt der Gesunden mitzuspielen, denn ja – es braucht heute alles etwas länger…😉 Dabei vermisse ich ehrlich gesagt ein wenig die Zeit für mich selbst, für meine Gedanken, das Schreiben oder die erarbeitete Gelassenheit, das Schicksal anzunehmen wie es ist. Nun heißt es wieder mit Hektik, dem Druck und dem ganz normalen Alltagswahnsinn umzugehen. Dabei treten meine Rezidiv-Ängste anfangs deutlich in den Hintergrund und das ist gut so. All das versuche ich mit meiner Erfahrung, der richtigen Balance und vor allem genügend Zeit zu meistern.
Apropos Zeit: Kurz nachdem ich wieder ins Arbeitsleben eingestiegen bin, erhielt ich Post von der Rentenversicherung. In Bezug auf den Einspruch gegen die Ablehnung meines Antrages zur Teilhabe am Arbeitsleben, kam nun, zwei Monate nach der zweiten Reha, ein neuer Bescheid: meinem Antrag wird stattgegeben! Tja, Danke, aber nun nein leider nein Danke. Denn jetzt hab ich einen Job! 😊Dennoch freue ich mich darüber: 1. Dass ich in so kurzer Zeit einen neuen Arbeitgeber gefunden habe! 2. war/bin und bin ich davon überzeugt, dass eine Weiter- oder Fortbildung genau das Richtige gewesen wäre auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen und ich 3. durch den Einspruch erfolgreich gegen diesen bürokratischen Behördenwahnsinn war!!! Also wichtiges Memo: Es lohnt sich immer für das zu kämpfen woran man glaubt!!!
Passend dazu erhielt ich prompt von meinem neuen Arbeitgeber eine Schulung zur betrieblichen Altersvorsorge. Grundsätzlich ist das eine wirklich gute Sache, aber lohnt es sich für mich, egal wieviel Steuern ich dabei spare, einen Betrag x für die Rente zur Seite zu legen? „Entschuldigung – meine Erwartung das Rentenalter zu erreichen ist leider deutlich geringer und obwohl ich mit einem, durch den Arbeitgeber geförderten Betrag gut Steuern sparen könnte, muss ich in erster Linie etwas ausgeben, wovon ich erstmal nichts habe… Vielleicht sollte ich mir davon doch lieber monatlich eine schöne Maniküre und Pediküre gönnen?!?😊
Es mag negativ klingen, ist es aber nicht. Es ist leider realistisch, dass es aktuell eine gute fifty-fifty Chance auf eine normale Lebenserwartung gibt und umso besser, wenn es dann so kommt! In der Zwischenzeit tue ich mein Möglichstes dem Leben mit Freude, Respekt, Demut und ganz viel Liebe zu begegnen! Die Steinzeitmenschen mussten auch jeden Tag damit rechnen, dass ein Säbelzahntiger um die Ecke kommt… 😁
Die nächste Nachsorgeuntersuchung Ende Mai 2019 bringt dann hoffentlich keine Gefahr, sondern wieder nur gute Nachrichten, denn schon kurz darauf könnten wir ein Jahr krebsfrei feiern! Doch heute feiern wir das Fest der Auferstehung und erinnern uns daran, dass wir alle Fehler machen und wenn wir eine zweite Chance erhalten, nutzen wir sie und machen das Beste daraus!
Veränderung wird nur hervorgerufen durch aktives Handeln, nicht durch Meditation oder Beten allein. – Dalai Lama

31.03.2019 Yeswecan-cer

Die ersten Wochen, in denen ich nun wieder in Lohn und (anteilig) Brot stehe, haben mir gezeigt, dass es mit bald 49 Jahren, inklusive Chemotherapie, ein ziemlich hartes Stück Arbeit ist wieder einzusteigen – einzusteigen in die Welt der Gesunden. Nach täglich viereinhalb Stunden Einarbeitung und der anschließenden Gassirunde gibt es nur eines, was ich noch machen kann – mich hinlegen! Dabei reichen die 20 Minuten Powernapping bei weitem nicht mehr aus. Erst nach einer guten Stunde bin ich in der Lage meine bleischweren Glieder wieder vom Sofa zu heben – vom Sofa zu rollen beschreibt das Szenario besser! Mit Kaffee und einem Müsliriegel versuche ich mich ins Leben zurück zu holen, um die restlichen to do’s zu erledigen. Das Ganze erreicht den Höhepunkt, als ich freitags nach sechseinhalb Stunden Arbeit und dem firmeninternen Freitags-Mädels-Prosecco ins Wochenende starte. Um 22:00 Uhr liege ich komatös, aber glücklich, im Bett und nach zehn Stunden Schlaf stehe ich wieder mitten im Leben. 😁
Nun steigt die Kunst regelmäßig Sport zu treiben, täglich frisch zu kochen und das Anti-Stress-Management mit den täglichen Anforderungen zu vereinbaren, auf ein nächstes Level! Ich muss mich wirklich darauf konzentrieren nicht zu viel von mir zu verlangen, nicht ungeduldig und damit gestresst zu werden. Zumal die Chemotherapie erst ein Dreiviertel-Jahr her ist…
Es ist die Vorstellung, die wir haben, wie die Dinge sein sollen, die uns daran hindert den Augenblick zu sehen, zu entspannen und zu genießen.
Fido ist seit diesem Monat fünf Jahren bei uns und seine Nasenstubser, seine bedingungslose Liebe und die nichtvorhandene Fähigkeit komplex zu denken, hilft mir immer wieder selbst achtsam zu sein. Mich auf den Moment einzulassen ohne darüber nachzudenken, was ich mir noch alles vorgenommen habe, was noch kommen könnte oder sollte. Einfach nur im Hier und Jetzt sein und auf meine Bedürfnisse, aber auch auf die der Anderen einzugehen. Ich bin sicher, hier wird sich bald ein Trainings-Effekt bemerkbar machen!
Bemerkbar und bemerkenswert ist auch „unser“ Hinz&Kunzt-Verkäufer (für aller Nicht-Hamburger: das ist die Hamburger Obdachlosenzeitung) bei REWE um die Ecke. Seit zehn Jahren steht er täglich beim Eingang, erinnert die Kunden immer mit einem freundlichen „Hallo“ zuvorkommend daran die Parkscheibe nicht zu vergessen und verkauft dabei seine Zeitungen. Beim Verlassen des Ladens hört man von ihm  zum Abschied „noch einen schönen Tag“. Er spielt in meinem und ich in seinem Leben maximal eine Statistenrolle, haben aber in unserer „Daily Soap“ beinahe täglich einen kurzen Auftritt. Bis er vor kurzem, mich wegen meiner optischen Veränderungen angesprochen hat. Mit einem osteuropäischen Akzent fragt er mich, „Alles gut? Sie sehen anders aus.“ Und ich erzähle ihm kurz meine Diagnose K Geschichte. Er nickt und wünscht mir mit einem Lächeln weiter alles Gute. Als wir uns ein paar Tage später wieder durchs Leben spazieren, winkt er mir zu und fragt: „Kennen sie Zinnkraut?“ Dabei holt er aus einer seiner großen Tasche ein Buch über Heilkräuter von Maria Treben heraus. „Sie müssen trinken Zinnkraut-Tee zwei Mal vor dem Essen, damit der Krebs nicht wieder kommt. Das ist wichtig, dass er nicht wieder kommt!“ Gerührt, dass er sich meinetwegen Gedanken gemacht hat, bedanke ich mich von Herzen bei ihm.
Zu Hause angekommen informiere ich mich über Maria Treben und über ihre Thesen zum Thema Heilkräuter. Dabei stolpere ich im sozialen Netz auch über Berichte zu Alternativmedizin in denen davon berichtet wird, dass Menschen nicht an Krebs sondern an der Chemo- und Strahlentherapie sterben: „Bereits jeder Dritte stirbt heute an Krebs! Und jedem Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als das Martyrium einer Chemo- oder Bestrahlungstherapie über sich ergehen zu lassen.“ Und dann steht da „die effektivsten natürlichen Behandlungsmethoden gegen Krebs FINDEST DU HIER.“ Weiter werde ich darüber informiert, dass Chemos nicht funktioniert und ich werde gewarnt, dass Patienten die mit einer Chemotherapie behandelt wurden, viel schneller und schmerzhafter sterben als andere. „Diejenigen, welche anerkannte Behandlungen durchführten, lebten durchschnittlich nur noch drei bis fünf Jahre nach der Diagnose und viele sterben schon nach ein paar Wochen.“ So Dr. Hardin B. Jones von der Berkeley Universität in Kalifornien.
Menschen die solche Berichte in den sozialen Medien posten erhalten dann von vielen anderen „Schlaubergern“ bejahende Kommentare wie, „ja, das ist ein Dreckszeug“ oder „ich hab meiner besten Freundin versucht die Chemo auszureden, aber sie ließ sich leider nicht davon abbringen.“ Es wird sich quasi anerkennend auf die Schultern geklopft oder bei Gegenmeinungen auch gleich verbal gekoppt. Wie sich dabei Krebskranke fühlen, die sich aktuell vor, während oder nach einer Chemo- und/oder Strahlentherapie befinden, wenn sie solche Beiträge zu lesen bekommen, scheint dabei egal.
Ende Juni vergangenen Jahres endete meine Chemotherapie die ich über acht Zyklen erhielt. Ich lebe, es geht mir gut und ich hoffe dass es so bleibt! Solche Artikel sind bei der riesigen Vielfalt von Krebsarten die es gibt, verunsichernd und schon gar keine Hilfe! Es gibt so viele Aspekte zum Nutzen- , Risikofaktor bei der Diskussion um die richtige Behandlung für den Patienten! Dabei sollten die Erkrankten in ihrer Entscheidung unterstützt und nicht belehrt werden. Nur so können Krebspatienten das ebenso lebenswichtige Vertrauen mit dem notwendigen Glauben an den Erfolg ihrer Therapie verinnerlichen. Ich für meinen Teil hatte gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Als die Diagnose stand, musste es gleich am nächsten Tag mit der Therapie  losgehen. Dabei teilten mir auch unsensible Besserwisser ungefragten Meinung mit und glaubten mir damit „zu helfen“. Doch ich vertraute den Ärzten und vor allem mir selbst. Die Chemo habe ich gut und ohne Martyrium überstanden und meine Zuversicht lasse ich mir weder von solchen Artikeln noch von anderen Meinungen nehmen!
Dass man aber mit lebensrettenden Medikamenten spekuliert und damit eine Milliardenindustrie unterhält ist  leider eine Tatsache, indiskutabel und unfuckingfassbar! Darauf einen Zinnkraut Tee! 😊

17.03.2019 das Leben ist ein Buch…

Was hatten wir für eine tolle Reise mit schönen Begegnungen, auf einem wirklich tollen Schiff. Bleiben werden aber vor allem die vielen schönen Mama-Sohn Momente!
Gemeinsam haben wir Neues entdeckt, sind vielen und wundersamen Menschen begegnet und haben noch mehr gelacht. Als alte „AIDA Hasen“ fühlten wir uns vor allem im Theatrium wie zu Hause. Dabei die vielen ehemaligen Arbeitskolleginnen und Kollegen bei der Einarbeitung der neuen Cast zu treffen, war wie eine kleine Zeitreise. Dabei wurde ich von Josh daran erinnert, wie selbst kleine Augenblicke den Grundstein für ein ganzes Leben bilden können. Wäre ich als Teenager damals nicht beim Jazzdance-Kurs der Schule geblieben, obwohl meine Zwillingsschwester ausstieg, wäre ich später vermutlich nicht Tänzerin geworden, und somit würde es diese Reise für uns vielleicht gar nicht geben…😃 Das macht wieder klar wie wichtig es ist achtsam zu sein, zu hinterfragen: „was will ich wirklich?“ und darauf zu vertrauen die richtige Entscheidung zu treffen.
Ich glaube fest daran, dass wir oft eine zweite Chance bekommen. Doch manchmal ist es auch wie an Bord: bestimmten Passagieren (oder Dingen) begegnest du immer wieder, andere wiederum siehst du nur ein einziges Mal und dann nie wieder.
Wenn ein Schiff ablegt und langsam den Hafen verlässt, verlassen wir mit ihm den sicheren Boden unter unseren Füßen und lassen den Ort, Menschen und Geschehenes hinter uns. Wenn es dann auf das große, weite Meer hinaus geht, der Wind aufkommt, der dir ins Gesicht weht, kribbelt es im Bauch und du spürst, dass eine neue Reise beginnt. Eine Reise, von der du nie genau weißt, was dich erwartet – es ist das Gefühl von Abenteuer und Freiheit! „Das Leben ist ein Buch und wer nicht reist, ließt davon nicht eine einzige Seite “. (Augustinus Aurelius)
Geht eine Reise dann zu Ende, ist es immer ein Abschied, aber auch der Anfang von etwas Neuem, dem wir nun mit den gewonnenen Erfahrungen begegnen können.
Mir ist dabei wieder einmal bewusst geworden, wie bedeutend es ist Ziele zu haben und der Weg dahin bereits ein Teil des Zieles ist. Das einzig Wichtige ist, den Weg von Herzen und mit guten Absichten zu gehen.
Nicht wirklich die besten Absichten hatte ich in Bezug auf die Ernährung. Wie Josh es beschreiben würde, gab es den „geilen Scheiss“ 24/7 auf dieser schwimmenden Kleinstadt. Also nehme ich neben den vielen schönen Momenten auch mindestens zwei Kilo Hüftgold und zusätzlich leider eine Erkältung mit! Da mein nicht enden wollender, innerer Sommer mich weiter begleitet, was sich in Kombination mit der Klimaanlage an Bord nur suboptimal auswirkt… aber wer jammert denn schon über einen Schnupfen?!?😉
Mit einem sehr dezent gebräunten Teint starten wir morgen in einen neuen Abschnitt unseres Lebens. Ich beginne meinen neuen Job und der Sohnemann vermutlich in seine letzten Monate als Schüler. Schon durch die etwas turbulente Zeit in den vergangenen Wochen und mit der Kreuzfahrt rückte meine Krebserkrankung immer weiter in den Hintergrund. Sie ist allgegenwärtig und doch immer weniger präsent. Da sind noch die Gelenkschmerzen, die Schweissausbrüche, die Chemolocke und natürlich die Erinnerungen. Sie ist ein Teil von mir und von uns als Familie geworden, mit der wir heute glücklicher Weise sehr gut leben können.

24.02.2019 eine geile Woche!

Angefangen mit einem sehr sportlichen Montag, erfuhr ich am Tag darauf von meiner Onkologin, dass die Ergebnisse meiner Nachsorgeuntersuchung allesamt unverändert gut sind.  Der Stein meiner Erleichterung war vermutlich bis zu meinen Lieben in die Schweiz zu hören. Dann am Mittwoch drehte sich alles um das Assessment, zu welchem unser Pupertier im Rahmen eines umfangreichen Auswahlverfahrens für einen Ausbildungsplatz eingeladen wurde. Stolz wie Oskar fuhr ich Josh morgens hin, um ihn drei Stunden später erleichtert, glücklich und zufrieden mit seinen Leistungen in die Arme zu schließen. Er war mit Abstand der jüngste Teilnehmer und schon am nächsten Abend sollte er die finale Antwort erhalten. Also stürzten wir uns am Donnerstag in Beschäftigung – Malte in die Arbeit, Joshua in die Schule inklusive Deutsch-Test und ich zu einem Kaffee-Treffen mit einem ehemaligen Schüler der Musicalschule. Wie zu alten Zeiten quatschen wir im Café May Nähe der Reeperbahn über das Leben, Schicksalsschläge und darüber wie viel schlauer wir in den vergangenen Jahren geworden sind.😁

Pünktlich um 17:00 Uhr sitzen wir zu Hause und lassen das Telefon nicht mehr aus den Augen… doch eine Stunde später versuchen wir uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass der erlösende Anruf vielleicht doch erst am kommenden Tag kommen könnte.  Ich gehe zum Trockenraum im Keller, hole die Wäsche und als ich drei Minuten später wieder in die Wohnung komme,  höre ich wie Josh telefoniert. Vorsichtig luscher ich um die Ecke – er lächelt und zeigt mit dem Daumen nach oben – er hat den Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann erhalten! „Wow“, das ist großartig, doch die Entscheidung ob es für unseren Großen nun einen weiteren Schritt in die Erwachsenenwelt geht oder ob er in gewohnter Umgebung weiter am Abi arbeiten möchte, ist noch nicht ganz entschieden. Es bleibt also spannend! Mit Trainer Nils trainieren wir anschließend gemeinsam das angestaute Adrenalin wieder raus.

Die Woche ist aber noch nicht um und so hatte ich am Freitag einen Termin bei meinem zukünftigen Arbeitgeber. Kurz nach zehn Uhr morgens unterzeichnete ich meinen neuen Arbeitsvertrag. Es ist so toll, dass ein Arbeitgeber einem Krebspatienten in Remission die Möglichkeit gibt, wieder Teil der arbeitenden Gesellschaft zu sein. Erleichtert, bestärkt und mit einer riesigen Freude im Bauch schaue ich auf die kommenden Wochen. Zur Krönung steht in etwas mehr als einer Woche eine Reise mit der AIDAnova auf die Kanaren an – Mutti und Sohnemann genießen Sommer, Sonne und Meer, bevor es ab Mitte März in den neuen und ganz normalen „daslebenistschön“ Wahnsinn geht!