Wenn der Krebs dich zu Boden kickt, stehe langsam wieder auf und sag ihm, dass er wie ein Schwächling tritt!

Ja, es ist schon laaange her seit dem ich den letzen Blog Beitrag veröffentlicht habe! Der Grund dafür ist aber ein guter – mein Buch will überarbeitet werden und dafür brauche ich als Anfänger unglaublich viel Zeit. Neben der Arbeit, der Familie, dem Haushalt und den lieben Vierbeinern, kommt  jetzt bereits der Sport  zu kurz… trotzdem möchte ich folgendes erzählen:

Ich, dem Leben wieder etwas hinterherächeld, beschließe während dem Einkauf im Elbe Einkaufszentrum mir etwas Gutes zu tun und betrete kurzentschlossen das Friseurgeschäft, an dem ich gerade vorbei gehe. Der netten Dame am Empfang schildere ich meine Vorstellungen und Wünsche und gemeinsam schauen wir nach einem passenden Termin, als plötzlich ein Pärchen an mir vorbeihuscht. Ich schaue ihnen nach und siehe da: es sind die Schnuggis!!!

Mit einem Handtuchturban auf dem Kopf husch Herr Schnuggi mit Gattin an mir vorbei. Ich brauche einen Augenblick sie wieder zu erkennen und mein etwas zögerliches „Hallo!“ können sie dann leider schon nicht mehr hören. Völlig überrascht frage ich die junge Friseurin hinter dem Tresen, ob sie mir sagen kann wo die beiden hingehen. „Nur eben kurz zur Toilette beim Italiener nebenan.“, informiert mich ihre Kollegin, die eben um die Ecke schaut.
Kurz erkläre ich woher und unter welchen Umständen ich das Ehepaar kennen gelernt habe und frage, ob es ok sei, hier auf sie zu warten. Freundlich stimmen beide sofort zu.
Es dauert eine Weile bis die Schnuggis in den Salon zurückkehren. Als sie das Geschäft betreten lächelt er mich breit an: „Welch Überraschung, wie geht es Ihnen und so lange Haare!“ Lachend drück ich seine Hand zur Begrüßung, während Frau Schnuggi ohne einen Blick an mir vorbeigeht. „Wie geht es ihr“, frage ich sofort und er winkt ab. „Es ist schlimm, leider ganz schlimm.“ Weiter erzählt er, dass die Behandlung gegen den Enddarmkrebs nicht gut angeschlagen hat, was eben leider der Grund für den hektischen Besuch bei der Toilette nebenan war. Auch ihre Demenz hat sich verschlechtert, so dass sie immer öfter wütend wird und sich an vieles nicht erinnern kann.
Die Friseurin fordert uns freundlich auf unser Treffen nach hinten zu den Frisier-Plätzen zu verlegen, damit sie mit ihrer Arbeit beginnen und den Terminplan einhalten kann. Nur kurz gehe ich mit. In dem hinteren Raum  steht Frau Schnuggi und ihr kurzes Silbergraues Haar steht ihr richtig gut. Es erinnert mich an meine Zeit kurz nach der Chemo. Vorsichtig gehe ich auf sie zu, lege kurz meine Hand auf ihren Unterarm: „Hallo, sie sehen toll aus. Wissen sie noch woher wir uns kennen?“ Ganz kurz lächelt sie: „Nein, tut mir leid, mir geht es heute nicht so gut“. Dabei schaut sie an mir vorbei, fast hilfesuchend zu ihrem Mann. Ich drehe mich zu ihm um und er hebt etwas verloren die Schultern.

Ja, auch dass ist der Stoff aus dem die Geschichten des Lebens geschrieben werden. Es ist traurig, berührend und manchmal einfach Scheisse, aber die Schnuggis nehmen ihr Schicksal an und er gibt sein Bestes für seine große Liebe gut auszusehen und da zu sein, egal was passiert.

Jemanden zu finden, der bedingungslos an deiner Seite steht, ist heut vermutlich ein Zufalls-Glückstreffer. So flexibel wie nie zuvor, haben wir beinahe unbegrenzte Möglichkeiten unser Leben zu gestalten, alles steht uns offen – schwer sich dabei für eine Sache verbindlich zu entscheiden und das dann noch lebenslang… Aber für viele von uns kommt  der Zeitpunkt, an dem wir nicht mehr jung, dynamisch, gutaussehend und vor allem gesund sind. Wir werden älter und irgendwann alt. Ist das nun Fluch oder Segen? Am Ende kann das nur jeder selbst für sich beantworten.

Vor dem Krebs viel es mir schwer Hilfe anzunehmen und mich auch mal  an einer starken Schulter anzulehnen. Das „Warum“ ist heute egal, denn ich bin heute dankbar für diese Erfahrung und möchte nichts missen.

Den Schnuggis wünsche ich von ganzem Herzen noch viele schöne gemeinsame Stunden, in denen sie diese Krankheit vielleicht noch für ein paar Augenblicke vergessen können.

07.07.2019 Lieber spät als nie!

Es ist ein klarer Sommermorgen. Es ist früh und Nebelschwaden hängen tief über den Wiesen. Der Himmel färbt sich langsam pastell-blau bis plötzlich ein orange leuchtender Streifen am Horizont zu sehen ist. Die Weizenfelder heben sich hell und golden ab. Die Farben am Firmament mischen sich mehr und mehr von blau, orange zu hell rosa, bis die über dem Nebelband herausragendem Baumwipfel von der aufgehenden Sonne gelb angeleuchtet werden. Die Wassersprenger auf den Feldern kündigen wieder einen heißen Tag an. Fünf Uhr morgens und wir sind bereits seit bald einer Stunde unterwegs in den ersten Urlaub seit meiner Krebserkrankung. Malte fährt und ich sehe mir diesen Sonnenaufgang voller Freude an. Wie sehr ich das vermisst habe, dieses Eintauchen in das Hier und Jetzt, einfach weil gerade nichts zu tun ist. Es ist wie ein inneres Ankommen, bei sich sein und ruhen. Für diesen Moment erscheint
nichts um dich herum wichtig zu sein. Ich habe es vermisst, dieses Gefühl, denn ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so alleine mit mir und meinen Gedanken war.
Es ist schon erstaunlich wie rasch man selbst nach einem Schicksalsschlag wie meinem wieder in die alltäglichen Tretmühlen gelangt. Dabei wollten ich doch mehr für uns, mehr gemeinsam, mehr genießen und mehr dankbar sein! Und doch ist da schon wieder, „noch schnell dies, noch schnell jenes, noch schnell das, bevor…“. Das bedeutet wohl ich bin wieder integriert! Integriert in die arbeitende, soziale Gesellschaft. Ob ich dafür nicht dankbar bin? Ja, natürlich bin ich das! Aber die Frage sei erlaubt: „Ist es denn wirklich das, was ich mir wünsche?“ Stell dir vor du hättest nur noch ein bis vier Jahre zu leben – vielleicht, mit etwas mehr als die durchschnittlichen Portion Glück, aber auch noch länger. Irgendwie blöd, irgendwie auch nicht. Es ist noch nicht „das letztes Mahl“, aber schonmal eine Tischreservation.
Das mag der Grund sein, warum es vorkommt, dass Partnerschaften und Ehen eine Krebserkrankung nicht überstehen. Krebs verlässt vielleicht den Körper, jedoch nicht dein Leben, deine Seele, dein Verstand. Und das gilt beinahe genauso für betroffene Lebenspartner. Wenn dir die Endlichkeit plötzlich so deutlich vor Augen geführt wird, können sich die Prioritäten der eigenen Wünsche verschieben. Denn eins ist klar, auch in der Ehe gibt es nicht nur gemeinsame Ziele und manchmal sind es auch Jugendträume, die an solchen Wendepunkten des Lebens wieder zum Vorschein kommen. Was tun, wenn das dann auf einmal nicht mehr zusammen passt oder eine Seite sich schlicht nicht im Stande sieht mit der Diagnose Krebs zu leben? Schließlich kennen wir unsere Partner oft nur aus vermeintlich „gute Zeiten“,  solche Krisen bringen auch gerne neue Charakterzüge ans Tageslicht, was natürlich nicht immer schön ist!
Ich habe das Glück vieler meiner Träume, sowohl beruflich wie auch privat, schon gelebt zu haben und einen Partner an meiner Seite zu wissen, der tatsächlich in guten, wie in schlechten Zeiten zu mir steht. Aber worauf ich hinaus möchte ist, dass man niemanden dafür verurteilen sollte, wenn Er oder Sie ehrlich zu seinen/ihren Schwächen, Zielen und Träumen steht. Auch wenn der Zeitpunkt denkbar ungünstigen erscheint, denn dafür gibt es womöglich nie den richtigen Zeitpunkt. Wie meine Omi gerne sagte: “Lieber spät, als nie.“

05.05.2019 – das Ding mit dem Leben

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und es zieht mich förmlich nach draußen. Der Baumbestand rund ums Haus treibt zur Zeit ordentlich aus und hinterlässt einiges Grünzeug auf dem Boden. Schnell ist der Handfeger geholt und ich gehe in die Hocke um das Häufchen aufzufegen – AUA! Ein Ziehen geht links an Kreuz vorbei. Unsicher, ob ich wieder hoch komme, lasse ich alles liegen und kämpfe mich vorsichtig Zentimeter für Zentimeter hoch. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – es zieht, aber ich kann mich bewegen. Pünktlich zum Osterwochenende fange ich mir einen Hexenschuss ein, was weiter nicht tragisch, teilweise schmerzhaft, vor allem aber einschränkend ist. Sich nicht nach Lust und Laune bewegen zu können, fällt mir besonders schwer. Mit Trainer Nils machen wir diesmal also kein Kraft-, sondern Gymnastikübungen für den Rücken. Hört sich nach Rentnersport an – von wegen! Denn am nächsten Tag lenkt der Muskelkater mehr von dem Rückenleiden ab und einen weiteren Tag später wandern die Verspannung zur anderen Seite. Mit etwas Vorsicht, Geduld und leichten Übungen für den Rücken bin ich nach ein paar Tagen wieder uneingeschränkt dabei.
Neugierig lasse ich mich unter dem Motto #fahrtzusammen von MOIA zur Arbeit fahren. Für fünf Euro von Bahrenfeld bis nach Bramfeld. Die App herunterladen, Kontaktdaten und eine Kreditkarte hinterlegen und schon kann es losgehen. Der Standort und das Ziel sind schnell eingegeben, dann wird gefragt wann ich bereit bin aufzubrechen: Jetzt, 5+ Min., oder 10+ Min. Die angegebene Fahrzeit ist zugegeben sehr optimistisch lädt mich aber dazu ein 10+ Min. zu wählen. So hab ich noch Zeit mein Frühstück in Ruhe zu packen und das Pupertier zu knuddeln. MOIA verspricht eine Ein- und Ausstieg-Stelle von maximal 250 m des gewünschten Standortes und hält das auch ein. 200 Meter von meiner Haustür kann ich zusteigen und genauso nah an meinem Ziel ist die Ausstieg-Stelle. Die App sagt mir sogar wann ich losgehen soll um pünktlich an der Haltestelle zu sein. Das allerdings sehe ich das erst, als ich zehn Minuten zu früh an dem angegebenen Standort stehe… Mit dem Gedanken, dass ich natürlich rechtzeitig zur Arbeit kommen möchte, tiegere ich die Straße auf und ab und halte dabei nonstop mein Handy in der Hand. 7:20 Uhr noch nichts zu sehen – doch da, in der App wird mir plötzlich das MOIA Fahrzeug auf dem Bildschirm angezeigt, wie es sich langsam auf mich zubewegt. Ich stelle ich mich sichtbar an die Straße und steige kurz darauf ein. Wie in einem Mini-Bus öffnet und schließt die Tür automatisch. Ein weiterer Fahrgast befindet sich im Fahrzeug und nach dem mich der Fahrer begrüßt und freundlich nach meinen Namen fragt, nehme ich auf einem der großzügigen Sitzen platz. „Anschnallen bitte“ und dann kann es los gehen. Bereits jetzt ist mir klar, dass das mit der Zeit eng wird und tatsächlich komme ich am Ende nicht ganz pünktlich an. Wendemanöver, zusätzliche Aus- und Einstiegswünsche können den Weg, ohne dass du es weißt, verlängern, doch mit den gewonnenen Erfahrungswerten lässt sich das bei Bedarf entsprechend planen. Für zehn Minuten früher losgehen sitze ich nun in einem gemütlichen, kleinen E-Bus, lasse mich fahren und kann dabei für meinen Blog oder in die Einkaufsliste unserer Familien-App Bring! schreiben, die ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen kann.
Noch bei der Arbeit spühre ich erste Anzeichen einer Blasenentzündung und schütte wie ein Kamel Wasser und warmen Tee in mich hinein! Doch innerhalb von wenigen Stunden entwickelt sich das leichte Ziehen zu Schmerzen, die meinen ganzen Körper mit Schüttelfrost verkrampfen lassen. Es ist Freitag, 18:30 Uhr – was denn sonst… Eine viertel Stunde später entschließe ich zur Notfall Praxis in der Stresemannstraße zu fahren. Ungläubig fahre ich langsam am Eingang vorbei zu den Parkplätzen. Eine zehn Meter lange Schlange von wartenden Menschen steht draußen! Ich parke den Wagen und überlege gleich wieder nach Hause zu fahren. Aber mein Zustand rät mir das Anstellen in Anbetracht des Wochenendes in Kauf zu nehmen. Langsam gehe ich auf das Eingangsschild zu und sehe, dass die Praxis erst um 19:00 Uhr öffnet. Ok alles klar, das dauert nicht mehr lange und immerhin ist das Wartezimmer nicht schon überfüllt.
Vorbei an Familien mit Kleinkindern, ältere Menschen mit Gehhilfen und Anderen, stelle ich mich in die Reihe dazu. Es ist wieder kalt geworden und der Wind zieht fies unter meinen Mantel. Immer wieder halten Autos neben der Warteschlange, um noch mehr angeschlagene Menschen aussteigen zu lassen. Fußgänger, die vorbei gehen, schauen fragend und erstaunt. Sogar ein kleiner Junge kommentiert spontan: „Mama, ist das eine Demo?“ Jetzt schüttel ich mich kurz, aber vor Lachen! Eine knappe Stunde später hole ich mir ein sogenanntes Einmal-Antibiotika aus der Apotheke und fahre nach Hause. Ich mache mir Sorgen…
Seit Tagen schwanke ich zwischen „alles wird gut“ und „ich hab ein mieses Gefühl“. Die Müdigkeit, der Hexenschuss und jetzt noch die Blasenentzündung. Alles Dinge, die einen ganz „normalen“ Ursprung haben können und dennoch, kurz vor den Nachsorgeuntersuchungen bin ich sensibel, höre sehr in mich hinein und bleibe dabei bemüht positiv zu sein.
Am 17. Mai 2019 habe ich mein nächstes Shooting. MRT, CT und dann heißt es warten. Warten auf die Nachricht, die mir die Leichtigkeit eines Schmetterlings schenkt, oder mich im Sturzflug auf den Boden eines Rezidivs landen lässt. Sehen wir es als eine regelmäßige Übung an, das Schicksal anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Ändern können wir den Augenblick nicht. Auch wenn wir zu gerne daran festhalten, daran zu glauben das Ruder in den Händen zu halten. Wenn wir das Leben begreifen wollen,  sollten wir nicht an die Vergangenheit denken und nicht die Zukunft verplanen. Wir verstehen und finden uns selbst, indem wir in der Gegenwart ankommen.

31.03.2019 Yeswecan-cer

Die ersten Wochen, in denen ich nun wieder in Lohn und (anteilig) Brot stehe, haben mir gezeigt, dass es mit bald 49 Jahren, inklusive Chemotherapie, ein ziemlich hartes Stück Arbeit ist wieder einzusteigen – einzusteigen in die Welt der Gesunden. Nach täglich viereinhalb Stunden Einarbeitung und der anschließenden Gassirunde gibt es nur eines, was ich noch machen kann – mich hinlegen! Dabei reichen die 20 Minuten Powernapping bei weitem nicht mehr aus. Erst nach einer guten Stunde bin ich in der Lage meine bleischweren Glieder wieder vom Sofa zu heben – vom Sofa zu rollen beschreibt das Szenario besser! Mit Kaffee und einem Müsliriegel versuche ich mich ins Leben zurück zu holen, um die restlichen to do’s zu erledigen. Das Ganze erreicht den Höhepunkt, als ich freitags nach sechseinhalb Stunden Arbeit und dem firmeninternen Freitags-Mädels-Prosecco ins Wochenende starte. Um 22:00 Uhr liege ich komatös, aber glücklich, im Bett und nach zehn Stunden Schlaf stehe ich wieder mitten im Leben. 😁
Nun steigt die Kunst regelmäßig Sport zu treiben, täglich frisch zu kochen und das Anti-Stress-Management mit den täglichen Anforderungen zu vereinbaren, auf ein nächstes Level! Ich muss mich wirklich darauf konzentrieren nicht zu viel von mir zu verlangen, nicht ungeduldig und damit gestresst zu werden. Zumal die Chemotherapie erst ein Dreiviertel-Jahr her ist…
Es ist die Vorstellung, die wir haben, wie die Dinge sein sollen, die uns daran hindert den Augenblick zu sehen, zu entspannen und zu genießen.
Fido ist seit diesem Monat fünf Jahren bei uns und seine Nasenstubser, seine bedingungslose Liebe und die nichtvorhandene Fähigkeit komplex zu denken, hilft mir immer wieder selbst achtsam zu sein. Mich auf den Moment einzulassen ohne darüber nachzudenken, was ich mir noch alles vorgenommen habe, was noch kommen könnte oder sollte. Einfach nur im Hier und Jetzt sein und auf meine Bedürfnisse, aber auch auf die der Anderen einzugehen. Ich bin sicher, hier wird sich bald ein Trainings-Effekt bemerkbar machen!
Bemerkbar und bemerkenswert ist auch „unser“ Hinz&Kunzt-Verkäufer (für aller Nicht-Hamburger: das ist die Hamburger Obdachlosenzeitung) bei REWE um die Ecke. Seit zehn Jahren steht er täglich beim Eingang, erinnert die Kunden immer mit einem freundlichen „Hallo“ zuvorkommend daran die Parkscheibe nicht zu vergessen und verkauft dabei seine Zeitungen. Beim Verlassen des Ladens hört man von ihm  zum Abschied „noch einen schönen Tag“. Er spielt in meinem und ich in seinem Leben maximal eine Statistenrolle, haben aber in unserer „Daily Soap“ beinahe täglich einen kurzen Auftritt. Bis er vor kurzem, mich wegen meiner optischen Veränderungen angesprochen hat. Mit einem osteuropäischen Akzent fragt er mich, „Alles gut? Sie sehen anders aus.“ Und ich erzähle ihm kurz meine Diagnose K Geschichte. Er nickt und wünscht mir mit einem Lächeln weiter alles Gute. Als wir uns ein paar Tage später wieder durchs Leben spazieren, winkt er mir zu und fragt: „Kennen sie Zinnkraut?“ Dabei holt er aus einer seiner großen Tasche ein Buch über Heilkräuter von Maria Treben heraus. „Sie müssen trinken Zinnkraut-Tee zwei Mal vor dem Essen, damit der Krebs nicht wieder kommt. Das ist wichtig, dass er nicht wieder kommt!“ Gerührt, dass er sich meinetwegen Gedanken gemacht hat, bedanke ich mich von Herzen bei ihm.
Zu Hause angekommen informiere ich mich über Maria Treben und über ihre Thesen zum Thema Heilkräuter. Dabei stolpere ich im sozialen Netz auch über Berichte zu Alternativmedizin in denen davon berichtet wird, dass Menschen nicht an Krebs sondern an der Chemo- und Strahlentherapie sterben: „Bereits jeder Dritte stirbt heute an Krebs! Und jedem Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als das Martyrium einer Chemo- oder Bestrahlungstherapie über sich ergehen zu lassen.“ Und dann steht da „die effektivsten natürlichen Behandlungsmethoden gegen Krebs FINDEST DU HIER.“ Weiter werde ich darüber informiert, dass Chemos nicht funktioniert und ich werde gewarnt, dass Patienten die mit einer Chemotherapie behandelt wurden, viel schneller und schmerzhafter sterben als andere. „Diejenigen, welche anerkannte Behandlungen durchführten, lebten durchschnittlich nur noch drei bis fünf Jahre nach der Diagnose und viele sterben schon nach ein paar Wochen.“ So Dr. Hardin B. Jones von der Berkeley Universität in Kalifornien.
Menschen die solche Berichte in den sozialen Medien posten erhalten dann von vielen anderen „Schlaubergern“ bejahende Kommentare wie, „ja, das ist ein Dreckszeug“ oder „ich hab meiner besten Freundin versucht die Chemo auszureden, aber sie ließ sich leider nicht davon abbringen.“ Es wird sich quasi anerkennend auf die Schultern geklopft oder bei Gegenmeinungen auch gleich verbal gekoppt. Wie sich dabei Krebskranke fühlen, die sich aktuell vor, während oder nach einer Chemo- und/oder Strahlentherapie befinden, wenn sie solche Beiträge zu lesen bekommen, scheint dabei egal.
Ende Juni vergangenen Jahres endete meine Chemotherapie die ich über acht Zyklen erhielt. Ich lebe, es geht mir gut und ich hoffe dass es so bleibt! Solche Artikel sind bei der riesigen Vielfalt von Krebsarten die es gibt, verunsichernd und schon gar keine Hilfe! Es gibt so viele Aspekte zum Nutzen- , Risikofaktor bei der Diskussion um die richtige Behandlung für den Patienten! Dabei sollten die Erkrankten in ihrer Entscheidung unterstützt und nicht belehrt werden. Nur so können Krebspatienten das ebenso lebenswichtige Vertrauen mit dem notwendigen Glauben an den Erfolg ihrer Therapie verinnerlichen. Ich für meinen Teil hatte gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Als die Diagnose stand, musste es gleich am nächsten Tag mit der Therapie  losgehen. Dabei teilten mir auch unsensible Besserwisser ungefragten Meinung mit und glaubten mir damit „zu helfen“. Doch ich vertraute den Ärzten und vor allem mir selbst. Die Chemo habe ich gut und ohne Martyrium überstanden und meine Zuversicht lasse ich mir weder von solchen Artikeln noch von anderen Meinungen nehmen!
Dass man aber mit lebensrettenden Medikamenten spekuliert und damit eine Milliardenindustrie unterhält ist  leider eine Tatsache, indiskutabel und unfuckingfassbar! Darauf einen Zinnkraut Tee! 😊

17.03.2019 das Leben ist ein Buch…

Was hatten wir für eine tolle Reise mit schönen Begegnungen, auf einem wirklich tollen Schiff. Bleiben werden aber vor allem die vielen schönen Mama-Sohn Momente!
Gemeinsam haben wir Neues entdeckt, sind vielen und wundersamen Menschen begegnet und haben noch mehr gelacht. Als alte „AIDA Hasen“ fühlten wir uns vor allem im Theatrium wie zu Hause. Dabei die vielen ehemaligen Arbeitskolleginnen und Kollegen bei der Einarbeitung der neuen Cast zu treffen, war wie eine kleine Zeitreise. Dabei wurde ich von Josh daran erinnert, wie selbst kleine Augenblicke den Grundstein für ein ganzes Leben bilden können. Wäre ich als Teenager damals nicht beim Jazzdance-Kurs der Schule geblieben, obwohl meine Zwillingsschwester ausstieg, wäre ich später vermutlich nicht Tänzerin geworden, und somit würde es diese Reise für uns vielleicht gar nicht geben…😃 Das macht wieder klar wie wichtig es ist achtsam zu sein, zu hinterfragen: „was will ich wirklich?“ und darauf zu vertrauen die richtige Entscheidung zu treffen.
Ich glaube fest daran, dass wir oft eine zweite Chance bekommen. Doch manchmal ist es auch wie an Bord: bestimmten Passagieren (oder Dingen) begegnest du immer wieder, andere wiederum siehst du nur ein einziges Mal und dann nie wieder.
Wenn ein Schiff ablegt und langsam den Hafen verlässt, verlassen wir mit ihm den sicheren Boden unter unseren Füßen und lassen den Ort, Menschen und Geschehenes hinter uns. Wenn es dann auf das große, weite Meer hinaus geht, der Wind aufkommt, der dir ins Gesicht weht, kribbelt es im Bauch und du spürst, dass eine neue Reise beginnt. Eine Reise, von der du nie genau weißt, was dich erwartet – es ist das Gefühl von Abenteuer und Freiheit! „Das Leben ist ein Buch und wer nicht reist, ließt davon nicht eine einzige Seite “. (Augustinus Aurelius)
Geht eine Reise dann zu Ende, ist es immer ein Abschied, aber auch der Anfang von etwas Neuem, dem wir nun mit den gewonnenen Erfahrungen begegnen können.
Mir ist dabei wieder einmal bewusst geworden, wie bedeutend es ist Ziele zu haben und der Weg dahin bereits ein Teil des Zieles ist. Das einzig Wichtige ist, den Weg von Herzen und mit guten Absichten zu gehen.
Nicht wirklich die besten Absichten hatte ich in Bezug auf die Ernährung. Wie Josh es beschreiben würde, gab es den „geilen Scheiss“ 24/7 auf dieser schwimmenden Kleinstadt. Also nehme ich neben den vielen schönen Momenten auch mindestens zwei Kilo Hüftgold und zusätzlich leider eine Erkältung mit! Da mein nicht enden wollender, innerer Sommer mich weiter begleitet, was sich in Kombination mit der Klimaanlage an Bord nur suboptimal auswirkt… aber wer jammert denn schon über einen Schnupfen?!?😉
Mit einem sehr dezent gebräunten Teint starten wir morgen in einen neuen Abschnitt unseres Lebens. Ich beginne meinen neuen Job und der Sohnemann vermutlich in seine letzten Monate als Schüler. Schon durch die etwas turbulente Zeit in den vergangenen Wochen und mit der Kreuzfahrt rückte meine Krebserkrankung immer weiter in den Hintergrund. Sie ist allgegenwärtig und doch immer weniger präsent. Da sind noch die Gelenkschmerzen, die Schweissausbrüche, die Chemolocke und natürlich die Erinnerungen. Sie ist ein Teil von mir und von uns als Familie geworden, mit der wir heute glücklicher Weise sehr gut leben können.

28.02.2019 Kontrollverlust

Ich will nur ein bisschen was Gutes für mich tun und gehe abends zum Pilates-Kurs. Da kommt ein kleines, motiviertes Muskelpacket als Vertretung in den Raum, weil der eigentliche Trainer im Stau steht… nach einer Viertelstunde erklärt der Vertretungstrainer während einer Übung, „da könnten die Beine etwas brennen“ und ich frage mich „welche Beine“?!? Denn schon zu diesem Zeitpunkt kämpfe ich damit meine Beine überhaupt noch zu spüren! Gegen Ende des Kurses bin ich kurz vor dem totalen Kontrollverlust meiner Extremitäten – ALTER und ich glaubte ich bin fit! Immerhin waren zwei junge Mitstreiterinnen genauso am Arsch – das entschädigt mich jetzt noch ein wenig.😁
Also nimmt das Leben mit Muskelkater wieder Fahrt auf.  Dabei war, ist und wird das Schreiben weiter Balsam für meine und vielleicht auch für die eine oder andere Seele sein. Möglicherweise ist es eine Antwort auf die Frage „warum bin ich hier“? Meine Gedanken und Gefühle in Worte zu packen, dass sie in Bildern die Leser/innen daran teilhaben lässt, begeistern und fesselt mich einfach immer wieder. Die Idee ein Buch zu schreiben hatte ich tatsächlich schon in meinen Zwanzigern. Doch als kleine Spinnerei mit viel zu viel Aufwand verbunden, habe ich diesen Gedanken immer wieder husch über Bord geworfen. Erst die Krebserkrankung hat mich mit ihren durchaus auch positiven Nebeneffekten wieder zum Schreiben geführt.
Dieser Blog ist meine Herzenssache. So kann ich meine Geschichten teilen und mit euren Nachrichten, gedrückten Daumen und Wünschen seit ihr mit ein Grund dafür, dass ich (noch) da bin – wo ich heute bin!
Nun gehe ich wieder einmal „an Bord“ und es wird mir eine Freude sein euch von meiner kleinen Kreuzfahrt zu berichten. Vor allem weil ich eine liebe und geschätzte Tanz Kollegin aus meiner AIDAcara Show Ensemble Zeit nach über 20 Jahren auf Fuerteventura wieder sehen werde! #kreischalarm
Im Anschluss geht es gleich mit meinem Arbeits-Revival weiter. Damit liegt eine unglaublich spannende und aufregende Zeit vor mir, wovon ich euch zukünftig monatlich hier im Blog berichten werde. Die Idee mit dem Buch werde ich dabei wieder aufnehmen – mal sehen was daraus wird!

24.02.2019 eine geile Woche!

Angefangen mit einem sehr sportlichen Montag, erfuhr ich am Tag darauf von meiner Onkologin, dass die Ergebnisse meiner Nachsorgeuntersuchung allesamt unverändert gut sind.  Der Stein meiner Erleichterung war vermutlich bis zu meinen Lieben in die Schweiz zu hören. Dann am Mittwoch drehte sich alles um das Assessment, zu welchem unser Pupertier im Rahmen eines umfangreichen Auswahlverfahrens für einen Ausbildungsplatz eingeladen wurde. Stolz wie Oskar fuhr ich Josh morgens hin, um ihn drei Stunden später erleichtert, glücklich und zufrieden mit seinen Leistungen in die Arme zu schließen. Er war mit Abstand der jüngste Teilnehmer und schon am nächsten Abend sollte er die finale Antwort erhalten. Also stürzten wir uns am Donnerstag in Beschäftigung – Malte in die Arbeit, Joshua in die Schule inklusive Deutsch-Test und ich zu einem Kaffee-Treffen mit einem ehemaligen Schüler der Musicalschule. Wie zu alten Zeiten quatschen wir im Café May Nähe der Reeperbahn über das Leben, Schicksalsschläge und darüber wie viel schlauer wir in den vergangenen Jahren geworden sind.😁

Pünktlich um 17:00 Uhr sitzen wir zu Hause und lassen das Telefon nicht mehr aus den Augen… doch eine Stunde später versuchen wir uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass der erlösende Anruf vielleicht doch erst am kommenden Tag kommen könnte.  Ich gehe zum Trockenraum im Keller, hole die Wäsche und als ich drei Minuten später wieder in die Wohnung komme,  höre ich wie Josh telefoniert. Vorsichtig luscher ich um die Ecke – er lächelt und zeigt mit dem Daumen nach oben – er hat den Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann erhalten! „Wow“, das ist großartig, doch die Entscheidung ob es für unseren Großen nun einen weiteren Schritt in die Erwachsenenwelt geht oder ob er in gewohnter Umgebung weiter am Abi arbeiten möchte, ist noch nicht ganz entschieden. Es bleibt also spannend! Mit Trainer Nils trainieren wir anschließend gemeinsam das angestaute Adrenalin wieder raus.

Die Woche ist aber noch nicht um und so hatte ich am Freitag einen Termin bei meinem zukünftigen Arbeitgeber. Kurz nach zehn Uhr morgens unterzeichnete ich meinen neuen Arbeitsvertrag. Es ist so toll, dass ein Arbeitgeber einem Krebspatienten in Remission die Möglichkeit gibt, wieder Teil der arbeitenden Gesellschaft zu sein. Erleichtert, bestärkt und mit einer riesigen Freude im Bauch schaue ich auf die kommenden Wochen. Zur Krönung steht in etwas mehr als einer Woche eine Reise mit der AIDAnova auf die Kanaren an – Mutti und Sohnemann genießen Sommer, Sonne und Meer, bevor es ab Mitte März in den neuen und ganz normalen „daslebenistschön“ Wahnsinn geht!