Noch eine Runde!

Überraschend gut geschlafen, war ich auch morgens noch erstaunlich ruhig – bis eine halbe Stunde vor dem Termin… Joshua hat erst ab der dritten Stunde Schule, ich fahre ihn hin, liegt ja auf dem Weg und auch er bemerkt meine steigende Anspannung. Ich versuche ruhig und gelassen zu wirken und sag ihm, dass bestimmt alles gut sein wird. Schließlich kam ja auch noch kein Anruf – ich werte das mal als gutes Zeichen. 😊 Meine Nervosität wächst, als ich in der kurzen Warteschlange vor der Anmeldung in der Tagesklinik stehe. Im Flur grüßen mich die Krankenschwestern beim Vorbeigehen und plötzlich denke ich: „Die Blicke bedeuten nichts Gutes.“ Selbst die Schwester, die mich seit Ende der Chemotherapie kaum beachtet, sieht mich heute an und lächelt mir kurz zu. „Du redest dir das ein!“ versuche ich mich zu beruhigen, doch dieses beklemmende Gefühl steigt im Wartezimmer weiter bis es kaum noch auszuhalten ist. Mein Puls rast, ich atme unregelmäßig und verkrampfte mich so, dass die Angst spürbar meinen Nacken hochzieht. Oh mein Gott, was mache ich nur, wenn der Krebs mich nicht loslassen will?!? Meine Augen füllen sich mit Tränen, ich blinzel, schau hoch an die Decke und versuche das alles irgendwie runter zu schlucken.
Ich sitze da, trotz Jacke ist mir kalt, doch ich versuche mich zusammen zu reissen. Ich atme ein und aus, 🎵 „…doch jeder Atemzug hängt am seidenen Faden…“, klingt es in meinem Kopf. Der Song, der mich beim Tod meines Bruders begleitet hat. Er ist leider viel zu früh an Lungenkrebs gestorben und wieder füllen sich meine Augen mit Tränen und ich versuche weiter diese Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

Noch beim Einschlafen gestern empfand ich, dass die Angst – das Miststück – zwar eine ständige Begleiterin, aber die Lebensfreude und Zuversicht einfach stärker ist! „Scotti, bitte beam mich zurück, dahin wo ich weiß, dass alles gut sein wird!“

Eine Dreiviertelstunde ist vorbei und ich warte noch immer. Das wirklich Gemeine in dieser zermürbenden Wartezeit sind die Vorwürfe von seinem eigenen, manchmal fiesen Klugscheißer-Ich: „Hättest du mal dies gemacht oder jenes gelassen und wenn der Krebs zurück kommt, hast du vermutlich immer noch nicht verstanden worum es geht!“ Der strengste Richter sind oft wir selbst… In Gedanken nehm ich mich in den Arm, vergebe mir und trete meinem inneren Kritiker (und jedem anderen) in den Arsch! Plötzlich bin ich wie wachgerüttelt und da meldet sich auch mein Kampfgeist zurück. „Sollten diese Krebsscheißerchen wieder kommen, gibt es einfach einen neuen Plan!“
Vielleicht nochmal Chemo oder Bestrahlung? Eigen-oder Fremd-Stammzellen Transplantation?
Auf jeden Fall ist das Lied auch bei einem Rezidiv noch nicht zu Ende!

Da steht meine Ärztin in der Tür und sagt meinen Namen. Mit einem Klos im Hals stehe ich auf, gehe auf sie zu und wir begrüßen uns. „Scheiße! Auch sie lächelt so mitleidig-gequält“, schiesst es mir durch den Kopf. Wir betreten das Behandlungszimmer und ich höre, „also um den Spannungsbogen zu nehmen, die Ergebnisse sind alle gut! Es gibt nichts, was uns ansatzweise beunruhigen muss!“ Ich weiß nicht, ob ich heulen oder lachen soll. Ich darf noch eine Runde auf dem Lebens-Karussell mitfahren!

Eine Antwort auf „Noch eine Runde!“

  1. Pfuiiiiiiiiii…………oooooommmmmm
    So sorry wegen deinem Brüder…….
    Übrigens meine Freunde kommen von 14 bis 20 März. So davor oder danach unser Haus hat wieder platz😉

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