Freiheit für die Unersetzlichkeit

Mal ehrlich, was empfindest du dabei, wenn dir jemand sagt: „Sie sind nicht so wichtig, als dass Sie nicht ersetzt werden könnten“? Im ersten Moment Vermutlich Verletzung, Enttäuschung und/oder Wut. Dabei kommt es sicher darauf an, wer dir das, und in welcher Situation sagt – oder doch nicht? 

Wir alle wollen lieben und vor allem geliebt werden – doch wofür? Für unsere Leistungen, unser Engagement unsere arbeitsamen Prioritäten oder vielleicht doch lieber unser selbst Willen? Und wessen Anerkennung und Zuneigung ist uns denn wirklich wichtig? Die von Arbeitskollegen und -Kolleginnen, von Vorgesetzten, Freunden, Bekannten oder die der Familie?
Fakt ist: wir können es nicht allen recht machen. 

Ganz schön viele Fragen und ziemlich persönlich, auch emotional und ein leichter Druck ist auch dabei, denn wer will schon so arrogant wirken und aussprechen, dass man sich selbst für unersetzlich hält? Im Gegenzug mag vermutlich auch keiner von sich behaupten, dass man sich für nicht so wichtig und darum ersetzlich hält.

Ok, jetzt aber mal ganz sachlich, schlicht und bodenständig – wir wären doch alle gar nicht hier, wären Menschen unersetzlich – das wäre ja ein sehr kurzes Gastspiel geworden und ich vermute mal stark, dass die Erde die Menschheit überleben wird. Also wollen wir bei der aktuellen Klimadebatte nun die Welt, oder uns selber den Arsch retten? Hmmm, egal, ich schweife ab. Niemand behauptet, dass mit der Ersetzbarkeit gleichzeitig die Daseinsberechtigung in Frage gestellt wird.

Aber was haben wir eigentlich davon, wenn wir uns den Status „unersetzlich“ in unserem Umfeld erarbeiten? Wird unser Ego gestreichelt, weil wir uns erst dann wichtig und richtig fühlen?

Wer leidenschaftlich und ehrgeizig bei der Arbeit ist – sollte im Auge behalten: wer zum Erfolg eines Unternehmens beitragen will, sollte dafür sorgen, dass es auch läuft, wenn man kurzfristig, aus welchen Gründen auch immer, nicht präsent sein kann. Führen bedeutet teilen, vertrauen, und delegieren. Und tatsächlich verhält es sich auch nicht viel anders im privaten Leben.

Vom Beginn des Elterndaseins, bis zum Großeltern-Job tragen wir die Kraft der Liebe in unseren Herzen, auch wenn uns der Partner und die Kinder manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen. Wir kämpfen wie Löwen und wofür? Dafür, dass die Brut stark und überlebensfähig wird, auch wenn wir irgendwann nicht mehr für sie da sein können. Und dieses Irgendwann kann genauso schnell da sein, wie wir uns ständig vornehmen, später mal die Dinge zu machen, die uns Spaß machen… Augenzwinkerndes Smiley.

Aber wünschen wir unseren Lieben nicht ein schönes und glückliches Leben, auch wenn wir nicht mehr für sie da sein können? Ich für meinen Teil hoffe, dass mein Mann nochmal eine tolle Partnerin findet, sollte mein Weg doch früher als gewünscht woanders hinführen. Darüber haben wir nicht stundenlang gesprochen, aber er weiß es. Klar, dass wir dies auch unserem Jungen angemessen zu vermitteln versuchen, denn der Mensch plant bekanntlich sein Leben und das Schicksal lacht sich schlapp… 

Das anzunehmen ist nicht leicht, doch es ist eine Chance zu erkennen, wie viel Druck wir loslassen könnten, wie erleichternd und beruhigend es sein kann zu wissen, dass wir mit unserer Anwesenheit nicht die Verantwortung für das Glück dieser Welt auf den Schultern tragen. 

Die Erkenntnis darüber, dass wir Dinge tun sollten, für die wir bestimmt sind, die uns interessieren, inspirieren und uns beschäftigen, ohne dass es sich nach „Arbeit“ anfühlt, kann ein Leben verändern und in neue Wege leiten. Schon als Kinder möchten wir ein selbstbestimmtes, freies Leben führen, Neues entdecken und so bald wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Doch wie finden wir heraus wozu wir bestimmt sind? 

Nach dem Schulabschluss weiß das Herz oft noch nicht recht, was es will, die Eltern allerdings schon: „Kind, lerne etwas Vernünftiges“. Nach der Höheren Handelsschule (ich hatte also auf meine Eltern gehört) fand ich mit einundzwanzig Jahren die Antwort auf die Frage „warum bin ich hier?“ Denn nun war ich stark genug meiner Leidenschaft, dem Tanzen, zu folgen. Und genau auf diesem Weg zur Musicaltänzerin, erlangte ich eine weitere, neue Erkenntnis über das Leben:
In diesem, unserem Universum, auf diesem Planeten bin ich nicht mehr oder weniger wichtig als ein Sandkorn in einem unendlich großen, wunderschönen Sandstrand – ich erkannte, dass es gut ist, sich selbst und das Leben nicht immer so ernst zu nehmen. Das gab mir ein befreiendes, entspanntes und irgendwie auch beruhigendes Gefühl. 

Wir bestimmen wie viel Bedeutung wir all den Dingen in unserem Alltag zukommen lassen. Ist es wirklich so, dass nur du die eine oder andere Aufgabe machen kannst? Dreht sich die Erde nicht weiter, wenn der Staub mal eins, zwei Tage länger liegen bleibt? Was geschieht, wenn du auf dem Heimweg, mal eine Station früher aussteigst um den Rest zu Fuß zu gehen?

Probiere es doch einfach mal aus und ich freue mich, wenn du mir erzählst, was passiert ist.

SelbstBewusst

Ist der Schein die Eigentlichkeit der Menschen? Wenn der eigene Körper nie was zu sagen hat, sondern wie selbstverständlich einfach funktionieren muss, wenn wir ehrgeizig unserer Karriere und einem perfekten Äußeren hinterherjagen und wir uns nur wichtig fühlen, wenn wir immer busy sind, hat das irgendwann Folgen. 

Wir werden unzufrieden, spüren dass uns etwas fehlt, aber auch dafür gibt es eine Lösung – Konsum. Wir versuchen uns glücklich zu futtern und shoppen was die Kreditkarte hergibt. Mit der anschließenden Erkenntnis, dass nach der kurzfristigen Genugtuung die Unzufriedenheit geblieben ist.

Auch Meditation, Yoga und Selbstfindungsgruppen können gegen diese frühzeitig eingeprägte Unzufriedenheit mit sich und seinem Körper nicht wirklich helfen. Denn bei allem was wir an Selbstoptimierung so unternehmen bleibt es bei den Äußerlichkeiten. 

Doch selbst wenn wir unseren Körper lange mies behandeln und nicht beachten, macht er das eine ganze Zeit lang mit. Er ist imstande sich ständig von den beträchtlichsten Strapazen zu erholen, trägt uns überall hin und lässt uns andere Menschen lieben.

Dafür sollten wir doch mal auf unseren Körper hören und ihm die Chance geben uns zu zeigen, was er braucht. Das Einzige was wir dafür brauchen ist Zeit und etwas weniger Ablenkung.

Klar, passt das nicht in ein Leben auf der Überholspur, uns wird lieber vorgeführt, dass es schnellere, wenig aufwendigere Lösungen gibt: Fettabsaugen, Falten weg spritzen, Lippen auffüllen oder detoxen bis einem schwindelig wird. Aber macht es uns liebenswerter, wenn ein Arsch wie der Andere aussieht?

Ich bin mir sicher, dass wir uns so besser kennen und achten lernen. Wir weniger gestresst und glücklicher sind und wir dann diesen ganzen Quatsch mit Schönheitsoperationen sowie übermäßigen Konsum nicht mehr brauchen.

Denn gibt es etwas Schöneres als eine sich “sich selbst bewusste“ Ausstrahlung?  

©Sandra Polli Holstein

Gleichstellung, Diversity, Gender-Mainstreaming

Tatsache ist, wir sind genetisch unterschiedlich und das ist der Grund, warum Frauen gebären und das männliche Sperma das Geschlecht des Kindes entscheidet. Das ist so und daran wird sich auf natürlichem Weg nichts ändern. 

Gleichzeitig gibt es Leute, die behauptet wir Menschen sind genetisch alle gleich. Da fragt man sich vermutlich, „wo war ich, als das bekannt wurde?“ Dann gibt es diejenigen, die für die Gleichstellung von Transmenschen stehen und zusätzlich werden Stimmen laut, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden wollen. Das würde dann bedeuten, wenn ich mich morgens weiblich fühle, gehe ich auf die Damentoilette und wenn ich etwas später mein „Geschäft“ verrichten möchte, gehe ich gegebenenfalls männlich kacken. Nun, das wäre vermutlich „Genderfluid“ – warum sich festlegen, wenn man doch alles haben kann. 

Dem aber noch nicht genug, es gibt auch noch Menschen, die den Standpunkt vertreten, dass wir alle Geschlechtlos sind – ganz ehrlich: das ist eigentlich eine gute Idee! So könnten wir uns das ganze endlos erscheinende Palaver schenken. 

Es spielt keine Rolle, wieviel über Gleichberechtigung, Gender-Mainstreaming und Diversity gesprochen wird, solange die Realität nicht mitberücksichtigt wird, wird es kaum zu einer, für die Mehrheit, zufriedenstellenden Lösung kommen. Im Gegenteil – vielleicht laufen wir sogar Gefahr uns selbst ein Bein zu stellen. Wie lange kämpft beispielsweise der Frauen-Leistungssport schon um mehr Anerkennung? 

Da sind diese Sprüche, mal lustig, mal vollkommen daneben, wie: „decken, decken – nicht Tisch decken. Mann decken, so ist es richtig.“ Und die grundsätzliche Herabwürdigung ihrer Leistungen, die zu gravierenden Nachteilen für Frauen im Spitzensport führen können. 

Sollten beispielsweise Stephan – ein von Kinderbeinen an begeisterter und talentierter Basketballspieler, in seiner heranwachsenden Zeit bemerken, dass er im falschen Körper geboren ist, sich dann dazu entschließen eine Frau zu werden und später als Stephanie, Ambitionen im Basketball Leistungssport hat, wo würde sie dann spielen? 

Laut Wikipedia unterscheiden sich Männer und Frauen anatomisch in Körpergröße, Gewicht, Muskelmasse und Körperbau. Männer sind im Schnitt größer und schwerer als Frauen. Während der Körperbau bei Frauen rumpfbetont ist, sind bei Männern die Extremitäten betont. Frauen haben kleinere Atemwege, und auch ihre Herzen und Lungen sind kleiner, die Herzfrequenz somit höher. Auch die Blutmenge und der Wert des Sauerstofftransporteurs Hämoglobin sind im Verhältnis niedriger als bei Männern und Frauen haben einen höheren Anteil an Fettgewebe und weniger Muskelmasse. Das bedeutet, das Männer im Leistungssport im Schnitt 10 bis 20 % mehr körperliche Leistungsfähigkeit erreichen. Weiter steht, dass es nicht möglich ist ein einheitliches Maß für die Leistungsfähigkeit des Menschen aufzustellen. 

Ja, es gibt unterschiedliche Messverfahren der Geschlechtsüberprüfung, die jedoch in keiner einheitlichen und konsequenten Regelung beschrieben, beziehungsweise durchgeführt wird. Da es im Leistungssport oft auch um sehr viel Geld geht, lässt sich erahnen, wohin das führen könnte – vermutlich zu nicht wirklich Gutem für den Frauensport.

Die Dokumentation YES SHE CAN – FRAUEN VERÄNDERN DIE WELT stellt Frauen vor, die mit dem aktuellen Status Quo in Deutschland nicht einverstanden sind. Denn Gleichberechtigung heißt nicht automatisch Chancengleichheit – das gilt für berufstätige Frauen in Deutschland auch nun seit mehr als 40 Jahre nach der gesetzlichen Gleichstellung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz. Die Dokumentation zeigt Frauen, die jeden Tag versuchen, die Arbeitswelt individueller zu machen. Die ihren Erfolg nicht von Vorurteilen beeinflussen lassen. Diese Frauen sprechen vielen aus dem Herzen und hinterlassen gleichzeitig Fragen. 

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland schon lange deutlich hinterher: fehlende Gleichstellung in Vorständen, der ewige Konflikt zwischen Familie und Karriere und veraltete Stereotypen… die Liste der Herausforderungen ist lang. Es ist allgemein bekannt und dass nicht erst seit gestern, aber es mangelt an der Umsetzung. Warum? 

Vielleicht sollte mal nicht nur an die Ziele gedacht werden. Vielleicht sollten nicht nur erfolgreiche Unternehmerinnen und Frauen in Führungspositionen gezeigt werden und mit ziemlicher Sicherheit hilft es auch nicht nur eine Quotenregelung durchzuboxen – vielleicht sollte mal über mögliche, realistische und umsetzbare Wege nachgedacht werden. 

Wo werden die Mütter abgeholt, die in Teilzeit arbeiten, weil der Partner den besser bezahlten Job hat? Wo sind die Männerstimmen, die Taten sprechen lassen und die Aufgaben einer Hausfrau gerne übernehmen? Wo sind die Hintergrundinformationen über die so beeindruckenden Karrierefrauen zu ihrem Familienstand, mit denen normale Frauen sich identifizieren können? Leben Oma und Opa in der Nachbarschaft, werden Nanny´s, oder Haushalthilfen beschäftigt, oder haben sie einen Partner der tatsächlich in Teilzeit arbeitet und die restlichen Aufgaben eines Haushaltes übernimmt? 

Interessant wäre auch die ehrliche Antwort der Männerwelt, wenn sie sich für das gleiche Gehalt zwischen einer Managerposition eines mittelständigen Familienunternehmens (Hausfrau/Hausmann) und einer Managerstelle in einem anderen Unternehmen (HR / Finance / IT / ect.) entscheiden müssten. Welche Position würde es werden? 

Es hilft nicht über eine optimale Geschlechter- oder auch Geschlechterlose Arbeitswelt zu diskutieren, ohne den Ist-Zustand zu berücksichtigen. Helfen könnte ein Grundeinkommen für Hausfrauen oder Hausmänner, damit Familien selbst entscheiden können, wer wie viel Zeit in Beruf beziehungsweise in die Familie investiert, ohne dabei auf ein zweites Gehalt verzichten zu müssen. Eltern möchten keine Kinder in die Welt setzen, um sie so früh und so lange wie möglich in der Kita unterzubringen, damit genügend Geld verdient werden kann. 

Zusätzlich wäre es zielführend Unternehmen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie mit Führungskräften in Teilzeit agieren können, ohne damit Schwierigkeiten in strukturellen Abläufen und einen finanziellen Mehraufwand zu haben. Denn, wie soll sich ein Unternehmen für die eigentlich passende Managerin entscheiden, wenn diese offen und ehrlich angibt, in den kommenden 2 – 3 Jahren eine Familie zu gründen? Solange diese Antwort auf solche Fragen allein den Arbeitgeber*innen überlassen wird – erhält die Gleichberechtigung und Chancengleichheit in der Arbeitswelt nicht die Entwicklungsmöglichkeit, die ihr zustehen würde. In der Genderthematik darf man sich vermutlich auf einen nicht enden wollenden Weg begeben. Hier sollte achtsam mit dem Aufwand, Nutzen Faktor und vor allem mit den möglichen Konsequenzen umgegangen werden. 

©Sandra Polli Holstein

Die eigentlich natürlichste Sache der Welt

Warum sprechen wir nicht über die eigentlich natürlichste Sache der Welt? Vermutlich weil wir Menschen den Tod mit dem Ende verbinden und ihn so als das Gegenteil des Lebens sehen. Dabei ist der Tod die einzige Garantie, die wir mit unserer Geburt bekommen. Alles andere ist das Leben, das völlig offen mit unserer Individualität gestaltet werden will. Und doch erscheint vielen das Lebensende abstrakt und häufig fürchten wir uns vor ihm, weil es keine Antwort auf Fragen, wie „was passiert danach?“ oder „wie fühlt sich das Sterben an?“ gibt. Die Gedanken an das Sterben lösen traurige und damit negative Gefühle in uns aus. Der Tod zeigt uns immer wieder die Vergänglichkeit unseres Lebens und während wir viele Dinge in unserem Leben steuern können, sind wir dem Tod machtlos ausgeliefert. Ob durch eine schwere Krankheit, wie meine Krebserkrankung oder einen unglücklichen Treppensturz, wann und wie er kommt, finden wir erst heraus, wenn er da ist. Diese Ungewissheit über unsere Endlichkeit ruft sicherlich auch bei mir Unbehagen hervor.

Auch wie wir als Kinder mit dem Thema konfrontiert wurden, vielleicht sogar in frühen Jahren schon einen großen Verlust erleben mussten, lässt uns das Thema, verständlicher Weise, lieber vermeiden. Durch die schmerzhafte Vorstellung einen geliebten Menschen zu verlieren, möchten wir uns mit dem Sterben nicht weiter auseinandersetzen. So wird das Thema in der Familie ausgeblendet und ist sicher auch selten ein Thema, welches wir bei einem gemeinsamen Abend mit Freunden besprechen. 

Wann sprechen wir heute über den Tod?

Die Diagnose einer schweren Krankheit bei einem nahestehenden Menschen oder ein plötzlicher Verlust, lässt uns oft geschockt und hilflos zurück. Es fällt schwer solche Schicksalsschläge anzunehmen. Wir fühlen uns wie gelähmt, wissen nicht damit umzugehen und empfinden es natürlich oft als ungerecht. Die Frage, „warum ich, er oder sie?“ lässt und anfangs kaum los. Dazu kommt, dass wir in unserer hektischen Zeit, in der immer und überall Multitasking gefordert wird, uns kaum die notwendige Zeit zu trauern nehmen können. Und so verdrängen wir wieder und sind auch als Eltern gerne überfordert, wenn unsere lieben Kleinen anfangen sich Gedanken über das Sterben zu machen und beginnen Fragen zu stellen. Es ist so, als ob der Tod nicht in unserem Lifestyle zu passen scheint, dabei gehört er kompromisslos zum Leben dazu. Können wir lernen mit dem Tod umzugehen?

Meine Oma ist schon vor fünfundzwanzig Jahren mit zweiundachtzig verstorben. Dennoch ist sie immer bei mir, wenn ich ihre Lebensweisheiten brauche und an sie denke. Sie war Krankenschwester und Sterbeamme und pflegte ihren Ehemann, der mit knapp sechzig Jahren an Knochenmarkkrebs erkrankte, bis zu seinem Ende bei ihnen zu Hause. Leider konnten meine Zwillingsschwester und ich unseren Opa nie kennenlernen. Er verstarb nur wenige Tage vor unserer Geburt.

Das mag der Grund sein, warum Oma schon früh mit uns Kindern über die Vergänglichkeit aller Dinge und das dies zum natürlichen Kreislauf des Lebens dazugehört, gesprochen hat.

Oma glaubte auch an Seelenwanderung und begrüßte ihren verstorbenen Ehemann jeden Morgen mit einem gut gelaunten „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen und guten Morgen“. Dabei tippte sie mit dem Zeigefinger auf jedes, der vier schwarz-weiß Bildchen auf dem Fotostreifen, der über dem Abreißkalender befestigt war. Der Gedanke an Seelenwanderung war mir etwas unheimlich. Die Vorstellung hingegen, dass wir im Himmel lachend auf einer riesigen Schaukel sitzen, gefiel mir da schon besser. Und weil sie so offen und selbstverständlich über den Tod gesprochen hat, verkrafte ich heute meine Krebsdiagnose vermutlich besser als manch anderer.

Viele sagen, dass sie sich nicht direkt vor dem Tod fürchten, aber vor Krankheit, Schmerzen und Leiden. Natürlich möchte das niemand erleben, doch wir können uns unser Schicksal nicht aussuchen und ist der Tod in solchen Fällen nicht erst recht eine Erlösung?

Unsere Oma hat uns das gerne pragmatisch erklärt: „Ich muss euch doch nicht leidtun, wenn ich sterbe. Mir geht es dann gut und Schmerzen habe ich auch nicht mehr. Darüber könnt ihr euch freuen und ich werde immer in euren kleinen Herzen sein.“ Alles ist vergänglich. Ohne diese Tatsache würden wir nicht existieren und weiter erzählte sie: „Als wären wir ein Blatt an einem schönen Baum. Wir tanzen im Wind, spenden Schatten und irgendwann verwelken wir und fallen vom Baum auf die Erde. Dort schützen wir andere kleine Pflänzchen vor Kälte und Schnee, bis wir wenn es wärmer wird Humus werden, welcher der Baum im Frühling braucht, um neue Blätter sprießen zu lassen.“

Vor allem mit unseren Liebsten sollten wir über unsere Gedanken zur Vergänglichkeit sprechen. Wir können uns unsere eigenen Bilder, Wünsche und Vorstellungen davon machen, wie wir uns das Ende vorstellen. Was uns wohl im Jenseits, im Himmel oder auf der anderen Seite erwarten wird. Ob wir dortbleiben, als Seele herumziehen, oder wieder geboren werden. Jeder wie er mag. Doch die Welt der Hinterbliebenen dreht sich weiter. Und über diese Trauer, dass uns ein Mensch im Alltag fehlen wird, dass wir es vermissen werden, diesem Menschen die Hand zu geben, ihn zu drücken oder ihn einfach nur anzurufen, sollte mal gesprochen werden. Sonst lassen wir sie damit allein. So ein Schmerz scheint anfangs beinahe unerträglich, doch es wird irgendwann langsam weniger, mit der Zeit, langsam immer weniger.

Statt den Tod als Gegenteil des Lebens zu sehen, sollten wir ihn als festen Bestandteil unseres Lebens sehen. Das hilft sich mit der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, bewältigt Hürden und vor allem Angst. Denken wir über unser eigener Abschied nach, macht es uns traurig, weil wir an unsere Lieben, die wir zurücklassen denken. Doch wie so oft und bereits erwähnt: Reden hilft.

Als Kind habe ich von dem offenen Umgang mit dem Thema profitiert. Ein Gespräch mit einem begleitenden Buch kann sehr hilfreich sein. Das Thema nicht als Tabu zu behandeln, ermöglicht gerade angesichts bevorstehender Bestattungen von geliebten Familienangehörigen mehr Verständnis und eine bessere Verarbeitung des Verlusts.

Durch den Gedanken womöglich früher als „normal“ gehen zu müssen, bin in natürlich immer wieder unendlich traurig. Doch die Gespräche mit meiner Familie lassen mich wissen, dass sie das Schicksal annehmen und auch ohne mich zurechtkommen werden. Das hat etwas sehr Beruhigendes für mich. 

„Das schönste was ein Mensch hinterlassen kann, ist das Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.“

©Sandra Polli Holstein

Wir Frauen in der zweiten Lebensphase

Ein entspannendes Bad ist der Plan für den frühen Abend. Das Wasser dampft, es duftet nach Lavendel und ich ziehe meinen kuscheligen Pyjama aus. Unübersehbar präsentiert sich das leckere aber viel zu fette und süße Essen über meine Körpermitte. Auch der Sport ist während der gefühlt zweimonatigen Vorweihnachtszeit viel zu kurz gekommen, was der Optik nicht sehr dienlich ist. Langsam beuge ich mich vorsichtig nach vorne, um die Socken auszuziehen. Bei der Bewegung zieht es schon seit längerem leicht im Kreuz und ich schau mir nun bei der Gelegenheit meine Beine etwas genauer an. Die Kontaktlinsen hatte ich morgens gleich nach dem Aufstehen eingesetzt und jetzt frage ich mich wann genau meine Haut an den Oberschenkeln angefangen hat neben leichten Beulen auch noch trocken und mit feinen Falten an Elastizität zu verlieren? 

Just in diesem Augenblick erinnere ich mich daran, wie mein Sohn mich als Zehnjähriger mal fragte, „warum wackelt bei dir eigentlich alles?“ Meine Stimmung wird nicht besser, als ich mich auf die Waage stelle. Kein Wunder, dass der Bauchspeck sich unschön über den Verschluss der Jeans legt. Mit “love handles“ hat das nichts mehr zu tun. Die etwas deprimierende Situation erreicht den Höhepunkt als ich meine kürzlich notwendig gewordene Eckzahnprothese herausnehme. Ach herrje, wer behauptet alt zu werden ist nur schön, der lügt meiner Ansicht nach. Von wegen, „wir sind nicht mehr die jüngsten, das stört mich nicht im Geringsten.“ Das dachte ich vielleicht noch vor einigen Jahren, aber in der Zwischenzeit ist viel passiert und OFFENSICHTLICH habe ich mich verändert. Und nun?

Ja, wir sind in einem Alter, in dem wir Falten, graue Haare und die mehrgewordenen Kilos an unserem Körpern sehen. Die Wechseljahre kündigen sich an, oder sind vielleicht bereits aufgetaucht. Wenn uns dann die hübschen 25-jährigen begegnen, schwelgen wir gerne in Erinnerungen, wie zum Beispiel die Lieblingshotpants unsere braungebrannten Beine betonte… Ja, wir waren auch mal 25, die Welt schien uns zu Füßen zu liegen und nur auf uns zu warten. Doch genauso werden auch die heute 25-jährigen eines Tages in unserem Alter sein. Was sie mit Ihrer Jugend und ihrer Begeisterung an den Tag legen, legen wir unsere Weisheit und Lebenserfahrung hinein. Wir haben schon Kinder großgezogen, Haushalte geführt, Rechnungen bezahlt, gearbeitet, mit Krankheiten, Verlust und all dem anderen, was uns das Leben noch so zu bieten hat jongliert. Wir sind Persönlichkeiten, wir sind Heldinnen, wir sind Frauen. Auch wenn unsere Körper vielleicht nicht mehr das sind, was sie einmal waren, tragen sie unsere Herzen, unseren Charakter, unseren Mut und unsere Stärke. Und ja, emotional fühlen wir uns oft noch sehr viel jünger – dabei bin ich so bei 35 stehen geblieben. Wir hätten vermutlich alle gerne wieder diese unbekümmerte Gelassenheit, diese Spontanität und die rosarote Brille auf. Doch dafür wissen wir heute einfach zu viel. Mit dem Wissen, was wir alles geschafft haben, werden wir dieses neue Kapitel unseres Lebens mit Liebe, Demut und Stolz betreten. Und wir sollten uns nicht schlecht darüber fühlen, älter zu werden. Es ist ein Privileg, dass so vielen verwehrt wird. 

©Sandra Polli Holstein

Poetry des Lymphoms

So ein Lymphom ist wie ein Phantom, nicht greifbar und unsichtbar ist das eine oder andere Symptom. Nicht wie ein Hämatom, mehr wie eine große Portion Emotion, die dich warnt – es ist leider keine Illusion. 

Die Diagnose ist wie eine Explosion, hier hilft kein Silikon und genauso wenig wie bei Vodafone erhältst du eine Reaktion, denn die Erde dreht sich weiter, nur nicht mehr ganz so heiter. Bei dieser Krebs Variation brauchst du Regel nicht mal eine Operation und dabei gibt es kein Pardon bei dieser Mission gesund zu werden, auch wenn du denkst dein Leben liegt in Scherben. 

Nach meiner Version ist die Zeit mit der Chemoinfusion wie eine Exkursion durch sich selbst, mit einer ständigen Option auf die Endstation – es ist noch nicht das “letzte Mahl“, aber schon mal eine Tisch Reservation. Von hier an hat die Reise mehr Höhen und tiefere Tiefen und die ständige Diskussion mit Versicherungen, Behörden und der Alterspension, lässt mich kotzen vor lauter Administration!  

Hätte ich eine Million, startete ich eine Aktion den Menschen zu helfen, klar zu kommen in dieser schweren Situation, das wäre sinnvoll und eine schöne Passion. (Ich glaub ich geh damit nach Washington.)  

Wenn dann die Ärztekommission sagt, dass alles überstanden ist, braucht es Zeit, viel Zeit zu glauben es ist keine Fiktion, denn die ständige Kollision mit der Angst ist eine Last, mit der sich auch die Rehabilitation befasst. Heilen lässt sich das Lymphom mit Glück, jedoch lässt es eine Wunde auf der Seele zurück.  

Wovon eine gute Portion Humor dich schützen kann, ist vor einer Depression und bei jeder Station, die dich das Alles schwer ertragen lässt, denke daran, dass du lebst und du mit etwas Selbstkoordination es schaffen kannst daran zu glauben, dass sich das alles schon lohnt. 

Darum gib Acht auf dich und gehe es langsam an, deine Integration in die Welt der Gesunden-Sektion und gönne dir eine gute Portion von allem was du brauchst denn es ist wichtig, dass du deinem Gefühl vertraust. 

©Sandra Polli Holstein

Mentor, Mutmacher, Männer

Meist ist von Anfang an die Mama Hauptbezugsperson für Babys. Die Geburt ist eine Grenzerfahrung, mit der die Mutter ein Leben lang angeben kann, dass sie das geschafft hat. Schließlich quetscht sie einen kleinen Menschen durch ihre Vagina. Das kann ein Mann halt einfach nicht nachmachen. Danach füttert sie das Kleine, schenkt Geborgenheit und Trost und verbringt die meiste Zeit mit ihm. Mütter sind für ihren Babys ein sicherer Ort, sie geben emotionalen Halt und die ersten Blicke und die kleinen Gesten werden von ihr als erstes wahrgenommen und erwidert. 

Doch bei den Mamas nehmen manchmal auch die Beschützerinstinkte überhand und schränken so die eigenständige Entfaltung und Entdeckung ihrer Kinder ein. Bei mir war das genauso. Ständig hatte ich das Gefühl alles unter Kontrolle haben zu müssen, um im Notfall sofort einschreiten und helfen zu können. Väter sind für Kinder wie eine Brücke zur Außenwelt und prägen ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstständigkeit sehr. Wenn Mama der Ruhepol und eher die Vorsichtige ist, steht Papa von Beginn an eher für Spiel, Spaß und Abenteuer. Für Ermutigung und auch für Sicherheit. Er vermittelt ein positives Selbstwertgefühl, zeigt, dass man vor bestimmten Dingen keine Angst haben braucht und stärkt das Urvertrauen seiner Kinder. Väter trauen mehr zu, (was gerne mal mit Faulheit verwechselt wird), bestätigen die Kinder in ihrem Tun und unterstützen damit das Selbstbewusstsein ihres Sprösslings. Babys und Kinder haben also im Idealfall beide Bezugspersonen für eine gesunde soziale Entwicklung.

Bis vor einigen Jahren herrschte wirklich noch die Auffassung, dass Väter gar keinen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben. Noch immer gibt es viele Klischees und unter uns Mamas wird auch mal über den Vater als nutzlosen Kerl gelästert. Die überwiegende Mehrheit der Väter ist anders. Sie wollen für ihre Kinder da sein und geben ihr Bestes. So möchten viele Männer nicht nur irgendwo im Niemandsland zwischen Akteur und Besucher sein. Sie wollen wirklich Teil der Geburt sein, möchten sich wie die Krankenschwestern oder Hebammen auch um die Mama und das Kleine kümmern. Darum ist hier der Ruf nach mehr Unterstützung und Information gerechtfertigt, denn heute ist klar, die Vaterrolle ist genauso wichtig für die Kinder, wie der emotionale Halt der Mutter.

Best case ist der Vater ein Teil vor, während und nach der Geburt. Doch wie werden die zukünftigen Papas darauf vorbereitet? Woher bekommen sie den wichtigen Input als Mann auf dem Weg zum Vater?

Wir wissen alles über Mütter, es gibt Tonnen von Studien; aber über Väter wissen wir kaum etwas, da gibt es wohl eher die Haltung, das kommt dann von ganz allein. Aber ist es in Ordnung, einen werdenden Vater mit dem Wunder der Geburt und dem was da noch kommt alleinzulassen? Was macht das mit uns und wer nimmt die Männer mal zur Seite für ein „wir müssen mal reden“ Gespräch? So offen und ehrlich können die zukünftigen Großeltern das vermutlich nicht vermitteln, denn damals waren die Zeiten einfach anders. Hier ein paar Informationen, die vielleicht helfen die Geburt mit hoffentlich viel positivem Mindset zu meistern: 

Bei einer Vaginalgeburt sollte allen Beteiligten, die sowas nicht regelmäßig mitmachen erklärt werden, dass es auf dem Weg ein neues Leben auf die Welt zu bringen, ganz schön brachial zu gehen kann. Wie du als Mann darauf reagierst, wirst du erst wissen, wenn es soweit ist, darum – reden hilft! 

Während der Körper sich auf die Geburt vorbereitet, findet eine Entleerung statt, damit sich alle Körperfunktionen auf die Geburt beschränken. Bei dieser Entleerung fließt Blut, manchmal ganz schön viel Blut, aber auch der Darm und die Blase entleeren sich und wenn´s gut läuft ist bei dem ganzen Herauslassen dann auch ein Baby dabei. 

Die Schmerzen können möglicherweise sehr reizbar und aggressiv machen. Es fallen vielleicht Worte, die am besten einfach nicht persönlich genommen werden sollten. Keiner erwartet Heldentaten vom werdenden Papa. 

Ratsam ist es, dass auch du ausreichend isst und trinkst, denn so eine Geburt kann lange dauern und auch in dieser „Nebenrolle“ bist du unverzichtbar. Keiner, am wenigsten die zukünftige Mutter, möchte sich auch noch um ihren kollabierten Mann Sorgen machen müssen. Der richtige Platz im Kreissaal kann also auch auf Höhe des Kopfes der Gebärenden sein, vor allem wenn “Mann“ die Körperlichkeit einer Geburt vielleicht nicht so gut wegstecken kann, wie er vor zehn Monaten eingesteckt hat. 

Diese Zeit ist eine Achterbahn der Gefühle: Glücklich, überfordert, voller Vorfreude und eben ängstlich. Vielleicht haben auch Väter so etwas wie eine Wochenbettdepression. Väter können doch auch Ängste haben und benötigen möglicherweise Hilfe, genauso wie eine Frau mit solchen Depressionen zu tun haben kann und zur frischen Mama sagt ja auch keiner, dass sie sich mal nicht so anstellen soll. 

Aber auch heute ziehen sich noch viele Papas in der ersten schwierigen Babyzeit zurück. Als Mann wieder bei der Arbeit, wohin viele bald zurückkehren, gilt es vermutlich immer noch als unmännlich, über Probleme in dieser ersten Babyphase zu sprechen. Obwohl sich auch in seinem Leben alles verändert hat. Heute weiß man, dass sich Väter während einer Schwangerschaft genauso verändern. Das Gehirn verändert sich, die Hormone und die Psyche – einfach alles. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass bereits während dieser Zeit der Testosteronspiegel des Mannes deutlich sinkt. Auch ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, schließlich gibt es ja nicht wie bei der Mutter eine körperliche Verbindung. Aber das ist ein wirklich so, unabhängig von Kulturen und sozialen Gruppen. Dennoch keine Angst liebe Männer, der Testosteronspiegel steigt nach der Geburt wieder an.

Der Vater ist für Mädchen, wie Jungs in zweierlei Hinsicht ein Vorbild: Er prägt als erste männliche Person im Leben der Kinder das gesamte spätere Beziehungsleben. Für die Söhne ist der Vater eine Leitfigur – sie orientieren sich an dessen Verhalten, auch gegenüber Frauen und erhalten durch ihn die Definition von Männlichkeit. Wenn der Vater die Mutter respekt- und liebevoll behandelt, werden sie es mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso tun.  Als Papa genießt du also einen großen Einfluss auf die Entwicklung und Zukunft deiner Kinder. Daher ist es wirklich wichtig, egal in welcher Familienkonstellation dafür zu sorgen, genug Zeit für die Kleinen zu investieren und diese mit viele Spaß und Freude zu nutzen. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als zu merken, dass Kinder zu dir aufschauen und du das Wichtigste in ihrem Leben bist. 

©Sandra Polli Holstein

Du mein Leben

“Du mein Leben“ erzählst von all den Momenten, die im Guten, wie im Schlechten mein Leben gestaltet haben. Von Ereignissen, die auf Routinen verschoben und meinem Leben manchmal plötzlich eine völlig andere Richtung gegeben haben.

“Du mein Leben“ hast für stetigen Trubel gesorgt. Im Winter erwischst du mich eiskalt, um mich mit neuer Hoffnung in den Frühling zu begleiten. Da, wo nun überall langsam neues Leben entsteht, muss ich manchmal erst Blätter lassen. Denn nur so gestaltet sich ein Leben mit den Wünschen für das Morgen. Später im wunderschönen Sommer wird die Energie langsam schwächer, bis die ersten Regentropfen ankündigten, dass es nun Zeit zur Regeneration ist. Wie nach einem warmen Sommerregen gewinne ich langsam wieder neue Kraft. Begleitet von wenigen Gewitterstürmen, die mich durchschüttelten, geht es nun weiter vorwärts in eine geklärte und hoffnungsvolle Zukunft.

Viel zu oft hatte und habe ich nicht genügend Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens, doch das Wichtigste ist, dass ich lebe. Der Preis dafür war manchmal hoch, hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt.

“Du mein Leben“ hast genommen und gegeben. Du hast mich in der Schule des Lebens gelehrt, die Dinge anzunehmen, die das Schicksal für mich bereithält, um das Beste daraus zu machen. Dankbar zu sein für die Liebe, die ich bekomme und die Zeit, die ich hier sein darf. Wir werden krank, werden verletzt und treffen manchmal falsche Entscheidungen. Wir leiden und lieben, verlieren manchmal den Boden unter unseren Füßen und finden dann irgendwann neue Wege, die uns weiterbringen. Dabei dürfen wir nur eines nie vergessen: das Schönste, was wir erleben können, ist die Liebe. Die Liebe zum Leben, zu sich selbst, zu den Dingen, die wir tun, und die Liebe zu einem anderen Lebewesen.

„Du mein Leben“ neigst dich dieses Jahr nun dem Ende zu und treibst die Geschichten, Schicksale und Ereignisse wie eine Welle langsam auf das offene Meer, in die Ewigkeit hinaus. Dabei sitze ich hier, schaue dir nach und bin von Dank erfüllt für die lieben Menschen in meinem Leben, die mir in stürmischen Zeiten beigestanden und mich aufgefangen haben. Auch wenn der innere Kompass manchmal nicht zu funktionieren scheint, lasst uns den Augenblick genießen, denn „Du mein Leben“ bist der Augenblick und somit das Leben.

©Sandra Polli Holstein

Chemotherapie und die Angst daran zu sterben

Warum entscheiden sich Patient*innen gegen eine Chemotherapie?

Bis zu 19 % lehnen bei der Diagnose Krebs eine Chemotherapie ab. Die Ablehnung der Krebsbehandlung stellt Ärzte und Angehörige oft vor ein größeres Problem. Denn die Ablehnung der Therapie reduziert in der Regel die Überlebensdauer nach der Diagnose. Doch woran liegt es, dass Patient*innen eine Chemotherapie ablehnen? Wenn Erkrankte diese konventionelle Krebstherapie ablehnen oder abbrechen, fühlen sich Familie, Freunde und die behandelnden Ärzte häufig unsicher und besorgt. Vor allem wenn das Nutzen, Risiko Verhältnis eine Chance auf Heilung verspricht. 

Die Gründe für eine ablehnende Haltung sind vielschichtig. Neben psychischen Angstörungen oder Depression, werden höhere Religiosität, abhängiger Persönlichkeits- und Lebensstil (zum Beispiel Mitglieder einer Sekte) und negative Erfahrungen bei Verwandten und/oder Bekannten, oft genannt. Einer der Hauptgründe sind jedoch die Ängste von behandlungsbedingten Nebenwirkungen, Spätfolgen und Langzeitschäden, die eventuell andere Erkrankungen hervorrufen und lebensverkürzend sein könnten. Denn es ist allgemein bekannt, dass eine Chemotherapie nicht nur die bösen Zellen tötet. Dabei spielt das Alter der Betroffenen auch eine wichtige Rolle. 

Was Sie über die Alternativen wissen sollten.

Doch was ist die Alternative? Die meisten Ablehner*innen befürworten komplementäre und alternative Krebsmedizin. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass ihnen biologische oder alternative Heilverfahren helfen. Sie hoffen auf eine sanfte, nebenwirkungsarme Medizin, die kein Haarausfall, keine Übelkeit und Schmerzen verursachen. Doch was sind eigentlich komplementäre und alternative Methoden? Nach einer Definition des US-amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituts werden hier Methoden verstanden, die nicht dem medizinischen Standard entsprechen und entweder an Stelle (alternativ) oder zusätzlich (komplementär) zur Standardbehandlung angewendet werden. Beispielsweise gibt es Studien, die bei einer begleitenden Misteltherapie einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität zeigen. Für viele andere Methoden und Mittelchen lässt sich eine Wirksamkeit jedoch bisher nicht belegen – und Risiken, wie eine sich gegenseitig aufgebende Wirkung, sind in Kombinationen nicht auszuschließen. 

Gefährlich wird es, wenn an sogenannten Wunderheilungen geglaubt wird. Sogenannte Heiler*innen die Patienten erzählen, dass die Ursache ihrer Krebserkrankung ausschließlich psychisch begründet ist. Die Psyche kann mit Sicherheit sehr viel, jedoch ist bei Zellteilung und Gen Mutationen die Grenzen erreicht. Richtig gefährlich und strafbar ist das Verschreiben von Miracle Mineral Supplement (MMS). Welches im Internet auf unseriösen Seiten in geringer Dosierung als Wundermittel, unter anderem gegen Krebs oder Corona angepriesen wird. Hier handelt es sich jedoch um Chlordioxid, eine hochreaktive chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff. Dieses Zeug ist stark reizend und wird industriell zur Desinfektion und zum Bleichen von Textilien verwendet. 

Ich selbst habe für Recherchen eine Dr. med. Ärztin besucht, die mir zur Einnahme von MMS geraten hat. Darüber wird es bald einen TV-Beitrag zu sehen geben. 

Was Sie über die konventionelle Chemotherapie wissen sollen.

Anders ist es bei einer schulmedizinischen Chemotherapie: Nutzen und Wirksamkeit wurden in klinischen Studien belegt und auch zu den Nebenwirkungen gibt es genaue Informationen. Im Gegensatz zu Operation und Strahlentherapie ist die Chemotherapie eine systemische Behandlung. Der gesamte Organismus und nicht nur einzelne Stellen des Körpers werden durch die Aufnahme ins Blut, mit Tabletten, Spritzen oder Infusionen erreicht. Sie ist gerade bei fortgeschrittenen Krebsstadien geeignet, wenn sich schon Tochtergeschwülste (Metastasen) im Körper verteilt haben. Diese systemische Wirkung ist aber leider auch der größte Nachteil der Chemotherapie: Sie greift auch gesunde Zellen an. Die sind allerdings besser gerüstet, weil sie sich in der Regel nicht so häufig teilen.

Wie bei jedem Medikament kommt es auch hier zu Nebenwirkungen. Doch im Gegensatz zu der immer noch weit verbreiteten Meinung, gibt es durch die Krebsforschung heute Wirkstoffkombinationen, die viel weniger Nebenwirkungen hervorrufen und es wurden Begleitmedikamente entwickelt, mit denen die Beeinträchtigung der Patient*innen deutlich verringert werden. 

Während meiner Chemotherapie wurde ich natürlich mit jedem Zyklus immer schwächer und ich verlor auch alle Haare. Doch ich konnte und wollte am normalen Leben teilhaben, hatte immer Appetit, kein Durchfall, ging Einkaufen, zum Yoga und zu Konzerten. Und wenn wir mal ehrlich sind, wie lange musste vielleicht der eigene Körper schon wie selbstverständlich einfach funktionieren, wenn der Mensch ehrgeizig einer Karriere und einem perfekten Äußeren hinterherjagt? Wenn man immer gehetzt, die Fast Food Sünden versucht mit Sport bis zur völligen Erschöpfung wieder gut zu machen, hat das auch irgendwann Folgen. Doch selbst wenn wir unseren Körper lange mies behandeln und ihn nicht beachten, macht er das eine ganze Zeit lang mit. Er ist imstande sich ständig von den beträchtlichsten Strapazen zu erholen, trägt uns überall hin und lässt uns andere Menschen lieben.

Dafür war und bin ich meinem Körper sehr dankbar und ich habe darauf vertraut, dass ich auf ihn höre und ihm geben was er braucht, wird er sich auch bestmöglich von den Strapazen der Chemotherapie erholen. 

Was unser Immunsystem dazu beitragen kann.

Wer sich für Alternativen interessiert gehört bei weitem nicht gleich zur Aluhutfraktion. Es gibt viele Hinweise, dass die Psyche auch einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat und je nachdem hilfreich oder hinderlich sein kann. Wir wissen auch über den negativen Effekt von Stress auf das Immunsystem. Dagegen führen positive Gedanken zu Emotionen, die in den Teilen des Gehirns gesteuert und verarbeitet werden, die unser Überleben kontrollieren. Unser Immunsystem kann durchaus Tumorzellen erkennen und vernichten. Diese “Terroristen“ entwickeln allerdings Mechanismen, um sich dieser Abwehr zu entziehen. Ein gesundes Immunsystems reicht daher zum Schutz vor Krebs und zur Krebsbekämpfung nicht aus. Das ist der Grund warum auch Menschen, die sich gesund ernähren, genügend Sport treiben und mit ihrem Leben sehr zufrieden sind, ebenso davon betroffen sind, wie durchgehend gestresste Manager*innen, Fastfood Junkies oder Abhängige.

Viele Patient*innen haben vielleicht auch die Sorge, dass nicht alle Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. Sie sollten bei Bedenken und Fragen immer das Gespräch suchen. Sowohl mit dem Fachärzt*innen für Onkologie, wie auch mit der Komplementär-Medizinischen Beratung, die u.a. von vielen Universitätskrankenhäusern wie auch vom Krebsinformationsdienst angeboten wird.

Sind wir von Schicksalsschlägen betroffen, wird gerne nach einem Grund dafür gesucht. Wir möchten wissen, woran es liegt, um die Umstände entsprechen zu verändern, damit alles wird wieder gut wird. Auch wenn die Forschung weiß, dass ein gesunder Lebensstil Krebs und noch viele andere Krankheiten vorbeugen kann, gibt es jedoch Krebsarten, vor denen man sich nach bisherigem Kenntnisstand kaum aktiv schützen kann. Leider schwingt für viele Patient*innen da auch so ein kleiner versteckter Schuldvorwurf mit. Als hätten sie irgend etwas falsch gemacht. Persönlich finde ich es sehr wichtig, dass Aufklärung und Prävention niemand und niemals ein schlechtes Gewissen haben sollte, an Krebs erkrankt zu sein. 

Meine Erfahrungen und wie ich mit der Diagnose Krebs lebe, erfahren Sie in meinem Buch “rumgeKREBSt mit Chemo, Charme und Schabernack“, erschienen 2021 im Marion Glück Verlag.
(Quellen: Deutsches Krebsfroschungszentrum und viele Gespräche mit Betroffenen.)

©Sandra Polli Holstein

Auch SuperheldInnen brauche Pausen

Vielleicht kennst Du als arbeitender Elternteil diese oder ähnliche Tage: morgens, nachdem der Wecker dich aus dem Bett klingelt, stehst Du auf, gehen ins Bad, um anschließend das Frühstück und die Lunchboxen für die Familie vorzubereiten. Anschließend vielleicht noch schnell mit dem Hund raus oder ein anderes Haustier versorgen, Kinder fertig machen, eventuell reicht es noch für einen kurzen Check im Spiegel und dann schnell ins Auto oder zur Bahn – ist schon wieder so spät geworden.
In der Kita verabschiedest Du husch den Nachwuchs und unterdrücken den Hauch von schlechtem Gewissen, aber die Zeit sitzt dir im Nacken, denn im Job erwartet dich gleich ein Meeting. Natürlich bleibst Du bis zum letzten Moment auf der Arbeit, die Kolleg*innen könnten sonst schief gucken. In der letzten Minute holst Du das Kind gerade noch rechtzeitig von der Kita ab und ahnst schon, dass gleich das Flehen nach dem Spielplatz kommt. Doch der Einkauf steht an und die Wäsche muss gemacht werden, sonst kann der Sprössling morgen das Lieblingsshirt nicht anziehen. Also versprichst Du beim Einkauf eine kleine Leckerei zu kaufen und später vielleicht doch noch auf den Spielplatz zu gehen.
Nachdem die Einkäufe nach Hause geschleppt und der Nachwuchs auch irgendwie angekommen ist, wartet eventuell schon der Hund auf seine Gassirunde. Eigentlich müsste noch Staub gesaugt und das Klo sauber gemacht werden – das Heim soll schließlich schön und vor allem sauber sein. Je nach dem, was die Uhrzeit sagt und wie es um den Gemütszustand der jungen Brut steht, entscheidest Du dich für eine halbe Stunde Spielplatz oder Legospiele. Dabei überlegst Du schon mal, was es heute zum Abendessen geben könnte. Tiefkühlpizza wäre eine Erleichterung, aber als verantwortungsvoller Elternteil und gesundheitsbewusster Mensch ist das ein „no go“. Wenn das Essen fertig ist und alle endlich am Tisch sitzen, schickst Du ein kleines Stoßgebet nach oben, dass es bitte allen schmecken möge – blöd, wenn das Gebet nicht erhört wird. Wenn Du nicht alleinerziehend bist, übernimmt vielleicht der oder die Partner*in das Bettfertigmachen der Kinder, damit Du in dieser Zeit die Küche wieder auf Vordermann bringen kannst. Ansonsten bleibt beides an dir hängen. Der Hund muss nochmal raus und sollte zusätzlich etwas für den morgigen Kitaausflug vorbereitet werden müssen, fällt die Lieblingssendung vermutlich flach und Du so gegen zweiundzwanzig Uhr ins Bett.
Dabei war an diesem Tag weder ein Kind noch ein Haustier krank, die Hausverwaltung hatte keinen Ablesetermin angemeldet und der Tank Ihres Autos war heute morgen auch nicht leer. Aber auch das hätten Menschen wie Du geschafft, denn es sind Wundermenschen – die schaffen alles.

Pausen? Fehlanzeige. Die Tage sind bei vielen Menschen so durchgetaktet, dass sie erst im letzten Augenblick bemerken – etwas stimmt da nicht…

… und dann ist manchmal plötzlich ein Schicksalsschlag da, der alles verändert. „Mach weniger, ruh dich aus und lass die Sachen doch einfach mal liegen“, sind die liebevoll gemeinte Ratschläge der Menschen um dich herum, die dir dann wieder in den Ohren klingen und du fragst dich vielleicht, „musste ich wirklich so krank werden, um mir zwischendurch eine so wohltuende Auszeit zu gönnen?!“

Nun fragen sich vermutlich viele, wann sie sich dafür auch noch die Zeit nehmen sollen, da sie jetzt schon das Gefühl haben, zu nichts mehr zu kommen. Und dann gibt es diejenigen, die sich fragen, wie andere Leute es schaffen, neben all den Verpflichtungen des Lebens noch Zeit für Freunde und Hobbys zu finden. 

Tatsächlich könnte die Lösung heißen, auf sinnlose Tätigkeiten zu verzichten, zum Beispiel stundenlanges scrollen auf Social Media und Co.

Es gibt eine Vielzahl von Studien, die belegen, dass es uns mit kleinen Pausen besser geht, wir glücklicher und viel entspannter sind. Wir brauchen uns dazu nur selbst zu beobachten. Lassen wir uns von etwas ablenken, lesen einen Artikel, über den wir zufällig stolpern, oder schauen zu, wie zwei Schmetterlinge über einer Wiese tanzen, werden wir sofort ruhiger und der innere Druck lässt nach. 

Also fange an dir kleine Pausen zu gönnen, denn es gibt gute Gründe dafür:

Pausen machen glücklich: Das könnte der Hauptgrund sein. Wer genug schläft, ruht, Zeit für sich hat, ist glücklicher. Wir sind achtsamer, kriegen mehr von unserm Umfeld mit und fühlen uns mehr. Das Leben scheint reicher, wenn wir Pausen haben und durchatmen können.  Zeit ist der wahre Luxus. 

Pausen machen gesund: Das weit bekannte Mittagstief – aber was kann den Energietank wieder auffüllen, außer literweise Bluthochdruck förderndes Koffein? Das Zauberwort hierfür heißt Mittagsschlaf, auch Powernapping genannt. 20 Minuten Mittagspause machen fitter für den Tag, als morgens 20 Minuten länger zu schlafen. Begleitet von einer Fantasiereise zum Entspannen, wird der Nap zu einer echten Wohltat. 

Pausen machen kreativ: Einfach mal nichts tun, lässt unsere Gedanken schweifen und wir werden empfänglicher für Ideen. Wer Kindern die Elektronik aus der Hand nimmt und sie einem Moment der Langeweile aussetzt, kann sehen, wie Kreativität entsteht: Erst wird gemault, dann sich gelangweilt und dann erwacht die Fantasie und Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Das wusste schon Albert Einstein. 

Wer nun überzeugt ist, kann in die Ferne schauen und über das Gelesene sinnieren – so herrlich ist das, wenn man es zulassen kann!

©Sandra Polli Holstein