29.10.2018

Mein Herz tanzt und mal weint es, mein Verstand rebelliert und lernt,  „Panta rhei“ heißt alles fließt. Wir können keinen Augenblick nochmal erleben, denn nichts bleibt wie es ist…
Durch die Reha emotional und wegen der Erkältung gesundheitlich ein wenig zurückgeworfen, plagte mich wieder mal diese fiese, kleine Angst, dass ich sogar davon träumte, irgend ein anderer blöder Krebs würde mir mein geliebtes Leben wieder schwer machen! Auch wenn mein Verstand immer wieder versuchte mir klar zu machen, dass es beinahe unmöglich ist nach einer so kurzen Zeit einer erfolgreichen Chemo ein Rezidiv oder eine andere Krebserkrankung festzustellen, gewann hier eindeutig das Kopfkino…
In der Tagesklinik schildere ich also meiner Ärztin meine Beschwerden und beim Thema Nachtschweiß wird sie hellhörig. Doch da mich dieses leidige schwitzen seit ungefähr Mitte der Chemotherapie schon begleitet gibt sie Entwarnung. „Aber wir haben ja vereinbart, dass sie vorbei kommen, wenn es etwas gibt, was sie beunruhigt. Also lassen Sie uns lieber einen Ultraschall machen.“ Eingeschmiert mit Gel vom Hals über die Achseln, runter zum Bauch und bis zu den Leisten verkündet sie am Ende freudig, dass alles wunderbar aussieht – es ist zwar keine Garantie, dennoch sehr beruhigend!
Um mein Immunsystem weiter zu stärken und meine wiedergewonnenen Kilos in Form zu halten, trainiere ich nun regelmäßig und nehme an Kursen im Fitness Studio teil. Zirkel-Training, Body Forming oder eben Zumba zeigen mir deutlich wie unsportlich ich bereits vor meinen blöden Krebsscheißerchen war. Ständig auf den Beinen, dauern auf dem Sprung und immer in Bewegung zu sein ist halt doch ein deutliches Zeichen dafür, dass du eben nichts Gutes für dich tust.
Natürlich kann es sein, dass ein Fitnessstudio auch länger als ein Jahr nach einer Krebserkrankung nicht das Richtige für Betroffene ist. Dabei ist es gut zu wissen, dass die Aussage „sie können den Vertrag nur pausieren lassen“, bei einer solch schweren Erkrankung nicht stimmt! Es gibt dabei in der Regel die Möglichkeit einer außerordentlichen Kündigung, hier im Stern Bericht werden Beispiele genannt und verschiedene Gründe erläutert.
Ich für meinen Teil bin gerne mal unter Leuten und auch wenn mir anfangs diese wahrgenommene Atmosphäre von Oberflächlichkeit etwas befremdlich war, gehe ich heute gerne hin. Es macht Spaß, fokussiert mich in meinen Zielen und lenkt gleichzeitig von doofen Gedanken ab.
Wer teilweise auch sehr abgelenkt ist, ist unser Pupertier. Was wir Eltern angeblich neben diesem stressigen Schulalltag so von ihm verlangen, grenzt wohl schon an das Unmögliche. Überraschender Weise kommt er, beim Thema Videos auf YouTube ansehen oder beim Spielen auf der PlayStation, irgendwie nie an seine Grenzen… nur wir Eltern – nämlich bei dem Versuch seine Kommunikationssprache die teilweise lautstark durch die geschlossene Kinderzimmer Tür dringt, zu verstehen!
Dabei oft erfolglos, versuchen wir in unserer Hilflosigkeit manchmal ein bisschen Aufmerksamkeit unseres Sprösslings zu erhalten.  Ohne Vorwarnung reißt Malte dann die wegen PlayStation spielen geschloßene Tür auf, ruft dabei laut „Digger, was geht?“ Oder „Alter, was läuft? Grüß mir die Igers!“ und fuchtelt dabei in Rapper-Manier wild mit den Armen herum! Dass Josh bei diesen Aktionen das Mikro seiner Kopfhörer nicht so schnell ausmachen kann und damit seine Kumpels die Peinlichkeit seiner Eltern miterleben können ist ehrlich herrlich und zum Quieken komisch – vor allem, wenn er leicht verzweifelt, aber mit einem Lachen im Gesicht darum bettelt, dass wir die Tür bitte wieder schließen sollen!

23.10.2018

Der Herbst ist der Frühling des Winters

Bei meinem letzten Termin bei der Reha-Ärztin erklärte sie mir, dass sie nach Rücksprache mit ihrem Kollegen aus rein medizinischer Sicht keine berufliche Rehabilitation verordnen kann. Allerdings ließ sie sich darauf ein im Bericht abschließend zu erwähnen, dass sie eine Wiederaufnahme der früheren Tätigkeit (Verwaltung/Administration) befürwortet. 😉 Meine etwas zynische Bemerkung im letzten Blog-Beitrag, dass Ärzte vielleicht einen Bonus pro Patient erhalten, der ohne weitere Maßnahmen entlassen wird, war  tatsächlich nicht so ernst gemeint. Doch wie wie ihr im folgenden, wirklich wichtigen Link lesen könnt, steckt hinter jedem Scherz ein Funke Wahrheit: https://www.nicht-spurlos.de/reha-entlassungsbericht-einspruch/

Da zwischenzeitlich auch die vorläufige Ablehnung der Rentenversicherung auf meinen beruflichen Reha-Antrag eingegangen ist, habe ich mir mit der Rückkehr in mein „normales“ Leben einige to-dos mitgebracht: Reha-Entlassungsschreiben an Kranken-, Zusatz- und Rentenversicherung senden (Hinweis: Die Fertigstellung des Abschlussberichtes kann bis zu drei Monaten dauern), Terminvereinbarung mit der Hamburger Krebsgesellschaft betreffend Einspruchserhebung der vorläufigen Ablehnung, Beschäftigung mit Meditation und natürlich weiter an meiner Fitness zu arbeiten.  Dazu habe ich nach allen Regeln des Klischees im Januar diesen Jahres einen Zweijahresvertrag in einem Fitnessstudio unterzeichnet. Meine Intuition sagte mir, dass ich was für meine Gesundheit machen sollte. Dass ich damit schon nicht mehr viel ausrichten konnte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht und nur wenige Wochen später war auch klar, dass ich meinen guten Vorsätzen erstmal auf anderen Wegen folgen musste.
Also lies ich meinen Vertrag pausieren – bis heute, wo ich an den großen Fenstern vor diesem Fitnessraum stehe und mit etwas Bangen auf den Beginn einer regulären Zumba Lektion à 60 Minuten warte. Die BodyPower Gruppe, die noch voll in Aktion ist, nimmt die militärischen Anweisungen des Trainers entgegen: „Tiefer, los gebt alles, hoch die Knie, WEITER!“ Mit großen Augen sehe ich zu, wie sie alle mit ihren letzen Kräften kämpfen und denke etwas besorgt an mein Reha-Sportprogramm der letzten drei Wochen…
Als es losgeht stelle ich fest, dass der BodyPower Trainer also auch Zumba unterrichtet und eine hübsche, junge Teilnehmerin aus der vorherigen Gruppe steht ebenfalls neben mir. „Wow“, sag ich zu ihr, „du machst noch eine Stunde?!“ Sie lächelt mich an und meint: „Ja, manche machen auch drei Workouts hintereinander.“😳 Zu meiner Zeit als Tänzerin und Trainerin war das mal mein Alltag, aber in der Freizeit???

Nun, nach 45 Minuten highspeed „wackelt mit di Hufte“ läuft’s bei mir – und zwar der Schweiß! Mit leichter Schnappatmung und einem außergewöhnlich, rot leuchtendem Zauber im Gesicht schleiche ich an die Seite des Raumes…
Erkenntnis des Tages: Ausdauer ist noch ausbaufähig und ich stelle mich nicht mehr in die vorderste Reihe! 😅

16.10.2018

Worum geht es hier verdammt nochmal eigentlich?

Leider habe ich mit der mir zugewiesen Ärztin nicht so viel Glück. Immer etwas von oben herab, ist sie bereits im Aufnahmegespräch nicht wirklich auf meine Anmerkungen zu meinem aktuellen Gesundheitsbefinden eingegangen. Gleich als es um die berufliche Zukunft ging erklärte ich ihr, dass ich als selbständige Hundefriseurin nicht mehr arbeiten werde. Ich erwähnte die gesundheitlichen und erklärte ihr die wirtschaftlichen Aspekte, doch sie war der Meinung dass ich später „eigentlich“ doch wieder in diesem Beruf arbeiten könnte. Auf meinen Wunsch für eine onko-psycholigische Beratung erhielt ich ein Gruppenseminar (Dauer gut eine Stunde) mit dem Thema „Bewältigung der Krankheit“ – fertig. Nachdem ich bei der Zwischenvisite erneut betonte wie sehr meine Gelenke, insbesondere mein Rücken schmerzt und ich kaum fünf Minuten sitzen oder liegen kann ohne dass es anfängt unangenehm zu werden, erhielt ich Schmerzmittel und einen Termin bei der Physio – das war dann aber schon das höchste der Gefühle! Auch die Frage nach einer Sportverordnung wurde mit: „Für sowas wie Crosstrainer etc.  können wir das nicht ausstellen“ abgetan.
Natürlich habe ich jetzt von der Abschlussvisite keine großen Erwartungen. Als erstes möchte sie den Therapieplan sehen, den ich ihr in der Mappe über den Tisch reiche. Mit einem: „Ich hasse es, wenn die so geknickt sind“, nimmt sie die Pläne entgegen. Da fühlt man sich doch gleich richtig wohl… Dann legt sie mir die Worte über den positiven Verlauf der Reha förmlich in den Mund, ein leicht kritisches „Naja“ meinerseits wird überhört, denn schließlich muss effizient abgearbeitet werden. Auf die Frage nach dem Abschlussbericht hält sie tatsächlich an ihrer Meinung fest, dass ich so in sechs Monaten wieder als Hundefriseurin arbeiten könnte. Nochmal erkläre ich ihr, dass ich das aus meiner nun erst einjährigen Erfahrung nicht so sehe und wie wichtig für mich eine Empfehlung für eine berufliche Reha (für eine Fortbildung im Bereich Verwaltung/Administration) ist. Sie ist schon auf dem Weg Richtung Tür und verabschiedet sich abschließend damit, dass sie noch nicht genau weiß was sie in den Bericht schreibt, da sie nochmal Rücksprache mit einem Kollegen darüber halten möchte…
Ob die Gute nur ansatzweise eine Ahnung davon hat, wie anstrengend dieser Job physisch und psychisch ist??? Einen womöglich ängstlichen Hund zu baden und fönen, der dann vermutlich noch zappelig auf dem Tisch steht, dann mit lärmenden Schermaschinen und sehr scharfen Scheren an ihm zu arbeiten, oft mit dem Zeitdruck im Nacken pünktlich fertig zu werden. Das ist leider kaum mit der inneren Ruhe eines Buddhisten zu schaffen, nicht ohne die notwendige Berufserfahrung. Der Gefahr von Infektionen durch Bisse, Kratzer, Haut- oder Ateminfektionen von feinen Tierhaaren, Pilze usw. ausgesetzt, kannst ich den Hunden leider auch nicht mehr mit der gleichen Souveränität gegenüber treten. Dazu kommt noch einmal eine berufliche Existenz zu gründen, einen neuen Kundenstamm aufzubauen, die ganze Finanzierung und damit der Druck genügend Geld zu verdienen. Das lässt doch die Frage in mir  aufkommen: „Worum geht es hier verdammt nochmal eigentlich?!?“ Erhalten die Ärzte hier etwa einen Bonus pro Patient, der ohne weitere Maßnahmen entlassen wird?
Auch wenn man eine Krebserkrankung oder ein Rezidiv (das Wiederkehren der Erkrankung) als zufällig einstufen könnte, gibt es genügen Studien darüber wie wichtig eine gesunde Lebensführung ist, um die Chancen gesund zu bleiben bestmöglich zu erhöhen. Als Patient möchte ich doch aktiv etwas für meine Gesundheit tun und nicht nur stur weiter machen wie zuvor und einfach zu hoffen dass alles gut geht.

Es geht hier um ein Menschenleben, um MEIN Leben, in dem ich nach bestem Wissen und Gewissen nicht mehr an Krebs erkrankten möchte, indem ich eine berufliche Zukunft habe die dazu passt!

13.10.2018

Jane Fonda Time!
Schon als die Mitarbeiterin bei der Sportberatung mich fragte, ob ich Aerobic machen möchte, rutschte mir ein euphorisches „Ja!“ über die Lippen!😁
Es hat dann allerdings noch über eine Woche gedauert, bis ich „Musikgymnastik“ auf dem Therapieplan stehen hatte – und was soll ich sagen, unsere Jane Fonda ist Mitte zwanzig und der hiesige Sport-Therapeut Tom. 😁
Irgendwie ganz schön mutig als Aerobic-Trainer inmitten einer Frauengruppe mit Durchschnittsalter Fünfzig+. 😂 Doch er macht seine Sache wirklich souverän und gut. So simpel und einfach die Lektion von knapp einer halben Stunde auch ist, hab ich richtig Spaß dabei! Von meiner Seite aus hätten wir gerne noch eine Runde „Stulpensport“ anhängen können und natürlich fallen mir auch gleich ein paar einfache Choreo-Schritte ein, die ich hinzufügen würde… 😅
Beinahe ein wenig beseelt spüre ich, dass ich seit langem mal wieder in meinem Element war und das fühlt sich so toll an, dass ich gleich noch eine Runde auf dem Crosstrainer absolviere!😊

So gut dieses Gefühl auch ist, welches von der Tatsache die Erkältung erfolgreich in die Flucht geschlagen zu haben noch unterstützt wird, lässt mein Körper mich hinterher gleich spüren, dass er eine Pause braucht.
Ein durchgehendes Ziehen auf der linken Halsseite mit verstärktem Schwitzen lassen mich nachdenklich werden. Menno! Kaum zwei Schritte vor muss ich wieder einen Schritt zurück.
Also beschließe ich am nächsten Tag nach dem morgendlichen Crosstrainer, der Sensi-Gruppe für die Hände und der Physiotherapie für meinen Rücken schonmal das Wochenende einzuläuten und auf das Krafttraining zu verzichten. Wieder einmal merke ich, wie schnell sich bei jedem Zwicken die Angst in mir breit macht, dass der Krebs wieder kommen könnte. Bisher habe ich die Frage: „Was passiert eigentlich bei einem sogenannten Rezidiv?“ wohl etwas verdrängt. Doch mittlerweile glaube ich, dass eine Antwort auf die Frage mich eher beruhigen als mehr beunruhigen würde. Auch auf welche Symptome ich denn achten sollte, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau. Unter: „Melden sie sich, wenn sie sich nicht fühlen.“, kann viel und gar nichts verstanden werden.  Darum werde ich bei der morgigen Abschlussuntersuchung versuchen näheres in Erfahrung zu bringen. Also ein Schritt nach dem anderen… 😊🍀🙏

09.10.2018

Bergfest!
Oft dachte ich: „Ich bin ganz gerne alleine.“ Manchmal dachte ich: „Ich bin stark genug.“ Selten dachte ich: „Mir fehlt etwas“…
Nach nun eineinhalb Wochen merke ich, wie schön die letzten Tage mit meinen Jungs waren und immer mehr wird mir bewusst, wie viel Halt, Geborgenheit und Sicherheit sie mir geben. Denn trotz all den Mit-Patient/innen und Therapien fühle ich mich irgendwie unvollständig und abends im Zimmer auch alleine mit dem weiteren Bewältigen meiner Erkrankung. Kaum durch Alltägliches abgelenkt, zu erschöpft und wenig motiviert an Abendveranstaltungen, wie Musik-, Tanz- oder Spiele Abende teilzunehmen, muss ich mich in dieser fremden Umgebung mit meinen Ängsten, Zielen, Höhen und Tiefen weiter auseinander setzen.
Dass es meinen Lieben zu Hause in diesem Augenblick ohne mich nicht wirklich besser geht, macht die ganze Sache nicht gerade leichter. 😉

Tatsächlich ist die Hälfte der Reha-Zeit jetzt schon um und ich frage mich, was nehme ich persönlich an Mehrwert für mich mit?
Und ganz ehrlich, es ist nicht so viel. Im Gegensatz zu den Kompromissen, die man natürlich machen muss, ist das Ergebnis letztendlich doch ziemlich überschaubar: Eine Info und einen Tipp vom Sozialdienst, das Vorhaben, dass ich mich mit Meditation noch mehr beschäftigen möchte und dass ich mit meinem Trainingsprogramm von „unserem“ Nils auf dem absolut richtigen Weg bin.

Was mir auch immer eingetrichtert hat, dass ich mich letztendlich nur auf mich selbst verlassen könne und ich tunlichst unabhängig bleiben sollte, dem kann ich heute entgegnen: „Was für ein Verlust, wenn du dieses Gefühl von anlehnen und fallen lassen nicht zulassen und erfahren kannst!“ Sicher, es gehört mehr Mut dazu als immer einen gewissen „Sicherheitsabstand“ einzuhalten, doch nur so erfahren wir Liebe.

Somit ist meine größte und wichtigste Erkenntnis, dass ich es vermutlich auch alleine schaffen könnte, ich es aber nicht alleine schaffen muss! ❣️ Es ist schön bald wieder ein Ganzes zu sein!

#ichliebedichmalte #ichliebedichjosh #ichliebemeinleben

07.10.2018

Ist Kaffee gleich Kaffee oder ist das kalter Kaffee?😉
Solche Diskussionen entstehen tatsächlich über zwei im Speisesaal stehende, klassische Fitermaschinen. Beim Ansatz meiner Bekannten Julia von der einen Maschine Kaffee zu zapfen ruft sogleich mein Hintermann: „Nein, nicht diesen, das ist der Schlechte!“ Etwas verdutzt schauen wir unsicher zur Mitarbeiterin hinter der Theke, die lächelnd entgegnet: „Mir schmeckt der!“ Julia antwortet schmunzelnd zurück: „Mir auch“, nimmt ihren vollen Becher und geht weiter. Nun stehe ich zwischen den Fronten. Höre meinen Hintermann weiter lästern, wie fürchterlich das Morgengetränk aus dieser Maschine schmecken soll, die Mitarbeiterin steht auch noch da und ich direkt vor der Maschine, einen Knopfdruck von meinem eigentlichen Ziel entfernt. Nun muss ich mich innert Sekunden entscheiden… ok, Becher drunter, Knopf gedrückt, fertig! Mit dem Grinsen der Mitarbeiterin vor mir und dem geschockte Blick des Mannes hinter mir, sage ich mit einem Lächeln: „Plörre bleibt ja Plörre und wer nicht wagt der nicht gewinnt!“

Beim Frühstück sitze ich einer Frau mit einer ganz seltenen Krebserkrankung gegenüber. Sie macht mir ein Kompliment für das Armband welches Malte und Joshua mir von ihrer Shopping-Tour mitgebracht haben. Zur Verschönerung des etwas öden, grauen Gummibandes für die *Port-Erkennung, trage ich es am gleichen Handgelenk. Sie erzählt mir, dass sie ihren Port bereits fünfzehn Jahren hat! Sie ist damals an Brustkrebs erkrankt und danach noch zweimal an einer beinah unbekannten Tumorerkrankung – einer Art Hautkrebs unter der Haut in der Region der Brust, die es jedoch nicht mehr gab… Über drei Monate wurde sie deutschlandweit „von Pontius zu Pilatus“ geschickt, weil sich kein Onkologe ihrer Erkrankung annehmen wollte oder konnte.
Glücklicherweise hat sich dann doch eine hilfreiche Therapie gefunden, die sie über sieben Wochen stationär am 19.02.2018 antrat. Das gleiche Datum an dem ich für einen gründlichen Check in die Notaufnahme ging und erstmal nicht wieder heraus kam… und so wird auch mein Port frühestens nach überstandenem zwei bis fünf Jahren Remissionszeit wieder entfernt werden.

Später sitze ich ein wenig in Gedanken versunken in meinem Zimmer, als plötzlich jemand an meiner Tür ist und versucht hereinzukommen. Der Knauf wird gedreht und an der Türklinke gerüttelt und geschüttelt. 😳
Als ich öffne schaut mich eine überraschte, schmächtige Frau mit Chemo-Friese, einigen Tattoos und vor allem mit großen Augen an. Ich lächle und meine: „Genau das mit dem falschen Stockwerk ist mir heute morgen auch passiert.“ Wir beide fassen uns lachend an den Kopf und verabschieden uns dann wieder. „Ich bin nicht alleine!!!“ 😂

Auf eine andere Art alleine bin ich allerdings ab heute leider doch wieder. Meine Lieben sind auf dem Nachhauseweg und so verbringe ich einen sonnigen Sonntag ohne sie, ohne Therapie, aber auch beinahe ohne Schnupfen hier in der Klinik. Dafür begleitet mich ein ordentlicher Muskelkater vom gestrigen Training, den ich gemäß Plan für nächste Woche schon morgen früh um 08:00 Uhr auf dem Crosstrainer weiter pflegen kann!😳😉

*implantiertes Portkathetersystem für Venen, insbes. für Chemotherapie

05.10.2018

Kleine Aufmerksamkeiten des Lebens

Jeden Tag lerne ich neue Leute kennen und auch wenn es wildfremde Menschen sind, teilen wir alle ein ähnliches Schicksal. Das Schöne dabei ist, dass wir schlicht glücklich sind zu leben und dadurch gleich eine Vertrautheit vorhanden ist, die einfach tolle Gespräche entstehen lässt. Manche Patient/Innen sieht man oft in der gleichen Konstellation. Da gibt es die Mecker-Gruppe, die Pärchen-Gruppe oder die Brustkrebs-Gruppe (wovon angeblich 90 % hier sind). Diese Grüppchenbildung ist nicht so meins, doch es ist natürlich auch schön einige etwas besser kennenzulernen, vor allem wenn man dann nicht nur über Krankheit sprechen kann!😊

Leider kriege ich genau zum Besuch von meinen Lieben Halsschmerzen. Also ist wieder einmal eine Erkältung im Anmarsch und das nervt ziemlich. Doch wo so viele Menschen auf einem Haufen sind, steigt das Risiko sich anzustecken und mein Immunsystem scheint wohl noch nicht wieder auf der Höhe zu sein. So hole ich mir im Schwesternzimner Lutschtabletten, schütte mich beim Frühstück mit Ingwertee voll und ruhe mich hinterher aus, bis meine Männer hier angekommen sind.
Die Ferienwohnung liegt ganz in der Nähe der Rehaklinik, so dass ich zu Fuß in nicht mal fünf Minuten bei Ihnen bin. Vor Freude fließen wieder mal die Tränen – meine Güte bin ich nah am Wasser gebaut. 😉 Doch es ist wohl nicht nur die Freude, die mich weinen lässt… Hier dreht sich plötzlich alles wieder den ganzen Tag um den Krebs. Genau genommen um die Erholung davon, aber das Thema bleibt das gleiche und wie im Seminar der Krankheitsbewältigung erklärt wurde, dauert die Verarbeitung einer solchen Diagnose ein bis drei Jahre. Also ist es gut möglich, dass man mit der Reha auch nochmal in die Achterbahn der Gefühle einsteigt. 😊
Passend dazu begleitet Malte mich abends zu meinem Zimmer in der Klinik. Wir fühlen uns ein wenig wie Teenager auf Klassenreise, weil eine auswärtige Übernachtung aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht erlaubt ist. Nur mit dem Unterschied, dass ich heute ein braver Teenager bin! 😂
Damit ich keine Mitpatienten mit meiner Erkältung anstecke, stehe ich am am nächsten Tag gleich morgens bei meiner Ärztin auf der Matte. Sie entscheidet: Therapien werden alle für die kommenden zwei Tage gestrichen und neben den üblichen Medikamenten verordnet sie viel frische Luft. Klar ist das  irgendwie doof, aber Malte, Josh und Fido sind ja noch bis Sonntag hier bei mir am Ende der Ostsee-Welt. Also genießen wir die Zeit zusammen, das schöne Wetter und auch den weltbesten Kuchen vom Café Hof Schwansen gleich nebenan!😁

02.10.2018

Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten beginne ich wieder meine volle Motivation zu finden. Die Vorstellung nach den drei Wochen wie Phönix aus der Asche zu steigen hatte ich nicht, allerdings schon, dass der Wohlfühlfaktor überwiegt. Doch plötzlich wieder unter all den „Kranken“ zu sein, das (für mich) eingeschränkte Essens-Angebot und das Zimmerchen
lassen mich erstmal gefangen und nicht sehr wohl fühlen.
Doch mit dem Start in die neue Woche geht es jetzt richtig los mit den Therapien und entsprechend müde krieche ich abends ins Bett. Allerdings ist an Durchschlafen noch nicht zu denken – ist nicht so schlimm, dafür ist das unfassbar langsame WLAN hier nachts etwas schneller. 😉 Für das Essen muss ich noch mit der Ernährungsberatung sprechen. So habe ich von Reha-erfahrenen Mitpatienten erfahren, dass es durchaus Möglichkeiten gibt seinen individuellen Wünschen zumindest teilweise nachzukommen. 😁
Nur die Gelenkschmerzen sind weiter ständige Begleiter, die sich bis heute weder durch den regelmäßigen Sport, noch durch die pflanzlichen Mittelchen vertreiben lassen. Das verrückte dabei ist, dass mir dadurch neulich bewusst wurde, wie sehr ich mit einer körperlichen Behinderung hadern würde. Der Krebs ist zwar tödlich und dennoch nicht so allgegenwärtig…
Eben weil ich einen hohen Tätigkeitsdrang habe, besuche ich Seminare zum Entspannen. Heute steht „Meditation zum Kennenlernen“ auf dem Plan und siehe da, die ältere Dame „Schätzelein“ ist auch wieder dabei. Während die Trainerin erstmal Meditation im Allgemeinen erklärt, wundert es mich nicht, dass Schätzelein als einzige ihrem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis nachkommt und das beginnt in der Regel mit den Worten „Ja, aber…“. Ein erklärtes Beispiel der Trainerin Dinge (in diesem Fall eine Maus) erstmal ohne Beurteilung wahrzunehmen um danach zu entscheiden, ob man sich damit auseinandersetzen möchte oder nicht, hat Schätzelein durch eine persönliche Erfahrung mit diesem, wie ich finde, sehr süßem Nagetier, kurzfristig aus der Bahn geworden. So etwas wie eine Maus erst einmal anzunehmen ist für sie zu viel verlangt… 😁 Dass die Trainerin dabei die Computermaus in der Hand hält wird ignoriert und auch wenn die Trainerin bereits ein wenig angestrengt mit ihrer Teilnahme umgeht, muss ich einfach schmunzeln. Die alte Dame hat was liebevolles und lässt sich schließlich mit über achtzig Jahren noch auf Neues ein – teilweise zumindest.😂
Mindestens genauso eigenartig (im positiven Sinne) ist die Trainerin selbst, die ich später auch noch beim autogenen Training habe.
In den knapp zwanzig Minuten höre ich in einer unnatürlich, monotonen Tonlage Dinge wie:„Ich bin ruuuhiiig, gaaanz ruuuhig und entspaaant. Das Beeeiiinnn ist schweeeer, angeneeehhhm schweeer und waaarmmm. Ich spüüüreee hiiineeeiiin in meinen Aaarm…“. Ob es die Stimme ist, die Betonung oder die Tatsache, dass Schätzelein ebenfalls wieder dabei ist, lässt einen inneren Film vor meinen geschlossen Augen ablaufen, in dem ich mich in mein hinterstes Zimmerchen einschließe, um dem drohenden Lachflash freien Lauf zu lassen!!! Jetzt nicht laut loszulachen fordert meine Selbstbeherrschung beinahe bis ans Äußerste – nur meine Mundwinkel zucken mal ein wenig komisch vor sich hin!!!😂🙏