Noch eine Runde!

Überraschend gut geschlafen, war ich auch morgens noch erstaunlich ruhig – bis eine halbe Stunde vor dem Termin… Joshua hat erst ab der dritten Stunde Schule, ich fahre ihn hin, liegt ja auf dem Weg und auch er bemerkt meine steigende Anspannung. Ich versuche ruhig und gelassen zu wirken und sag ihm, dass bestimmt alles gut sein wird. Schließlich kam ja auch noch kein Anruf – ich werte das mal als gutes Zeichen. 😊 Meine Nervosität wächst, als ich in der kurzen Warteschlange vor der Anmeldung in der Tagesklinik stehe. Im Flur grüßen mich die Krankenschwestern beim Vorbeigehen und plötzlich denke ich: „Die Blicke bedeuten nichts Gutes.“ Selbst die Schwester, die mich seit Ende der Chemotherapie kaum beachtet, sieht mich heute an und lächelt mir kurz zu. „Du redest dir das ein!“ versuche ich mich zu beruhigen, doch dieses beklemmende Gefühl steigt im Wartezimmer weiter bis es kaum noch auszuhalten ist. Mein Puls rast, ich atme unregelmäßig und verkrampfte mich so, dass die Angst spürbar meinen Nacken hochzieht. Oh mein Gott, was mache ich nur, wenn der Krebs mich nicht loslassen will?!? Meine Augen füllen sich mit Tränen, ich blinzel, schau hoch an die Decke und versuche das alles irgendwie runter zu schlucken.
Ich sitze da, trotz Jacke ist mir kalt, doch ich versuche mich zusammen zu reissen. Ich atme ein und aus, 🎵 „…doch jeder Atemzug hängt am seidenen Faden…“, klingt es in meinem Kopf. Der Song, der mich beim Tod meines Bruders begleitet hat. Er ist leider viel zu früh an Lungenkrebs gestorben und wieder füllen sich meine Augen mit Tränen und ich versuche weiter diese Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

Noch beim Einschlafen gestern empfand ich, dass die Angst – das Miststück – zwar eine ständige Begleiterin, aber die Lebensfreude und Zuversicht einfach stärker ist! „Scotti, bitte beam mich zurück, dahin wo ich weiß, dass alles gut sein wird!“

Eine Dreiviertelstunde ist vorbei und ich warte noch immer. Das wirklich Gemeine in dieser zermürbenden Wartezeit sind die Vorwürfe von seinem eigenen, manchmal fiesen Klugscheißer-Ich: „Hättest du mal dies gemacht oder jenes gelassen und wenn der Krebs zurück kommt, hast du vermutlich immer noch nicht verstanden worum es geht!“ Der strengste Richter sind oft wir selbst… In Gedanken nehm ich mich in den Arm, vergebe mir und trete meinem inneren Kritiker (und jedem anderen) in den Arsch! Plötzlich bin ich wie wachgerüttelt und da meldet sich auch mein Kampfgeist zurück. „Sollten diese Krebsscheißerchen wieder kommen, gibt es einfach einen neuen Plan!“
Vielleicht nochmal Chemo oder Bestrahlung? Eigen-oder Fremd-Stammzellen Transplantation?
Auf jeden Fall ist das Lied auch bei einem Rezidiv noch nicht zu Ende!

Da steht meine Ärztin in der Tür und sagt meinen Namen. Mit einem Klos im Hals stehe ich auf, gehe auf sie zu und wir begrüßen uns. „Scheiße! Auch sie lächelt so mitleidig-gequält“, schiesst es mir durch den Kopf. Wir betreten das Behandlungszimmer und ich höre, „also um den Spannungsbogen zu nehmen, die Ergebnisse sind alle gut! Es gibt nichts, was uns ansatzweise beunruhigen muss!“ Ich weiß nicht, ob ich heulen oder lachen soll. Ich darf noch eine Runde auf dem Lebens-Karussell mitfahren!

27.11.2018

Ein ganz normaler Tag

Vor einigen Tagen erhalte ich von der Rentenversicherung einen Bescheid darüber, dass mir eine Reha über weitere drei Wochen im Oberharz bewilligt wird. Das Schreiben der im Bescheid genannten Rehaklinik ist ebenfalls schon in der Post, in dem mir mitgeteilt wird, dass sie mich am 18. Dezember 2018 erwarten… „What?!?“ Ich hatte doch gar keine weitere Reha beantragt!?! Nach einigen telefonischen Versuchen habe ich eine – milde gesagt – ziemlich unhöfliche Mitarbeiterin in der Leitung, die mir erklärt wie das zustande gekommen ist. Da meine erste medizinische Reha von der Arbeitsgemeinschaft für Krebsbekämpfung (die extra für alle onkologischen Reha-Maßnahmen da ist) bewilligt wurde und nicht von der deutschen Rentenversicherung Knappschaft Bahn See, möchte diese auf Grund meines Antrages auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, mich erstmal in die medizinische Reha schicken, um später noch einmal über meinen Antrag zu entscheiden. Dass letztendlich alle Fäden wieder bei der deutschen Rentenversicherung als Kostenträger zusammen laufen „sollten“, interessiert dabei anscheinend keinen… Nun könnte ich der Knappschaft natürlich meinen Endbericht der bereits absolvierten Reha zukommen lassen, aber da dieser leider Fehlerhaft ist und ich noch in der finalen Bearbeitung der Gegendarstellung bin, würde das vermutlich nur zu noch mehr Verwirrung führen. Also gewöhne ich mich langsam an den Gedanken, dass die nächste Reha im Oberharz auf mich wartet. Doch über Weihnachten und Neujahr??? Ehrlich ein no go! Durch diese Tatsache und den vorangegangenen Telefonaten nervlich schon etwas angeschlagen, versuche ich nun mein Glück bei der Klinik, um den Termin zu verschieben. Nach drei Versuchen erreiche ich eine zuständige Mitarbeiterin, die mir deutlich zu verstehen gibt, dass sie von der Terminverschiebung nichts hält, mir aber freundlicher Weise eine Einladung für Januar 2019 zukommen lässt… Gegen Mittag bin ich damit durch und unfuckingfassbar frustriert!

(Verdacht auf E) Ich setzte mich an die Weiterbearbeitung der Gegendarstellung, da fällt mir diese Klammer in der Beschreibung der Anamnese wieder auf. Diese kurze Bemerkung von der ich keine Ahnung habe, was sie bedeuten könnte, begleitet mich schon einige Tage. Neugierig fragte ich beim Check vergangenen Donnerstag eine Ärztin aus der Tagesklinik was das bedeutet. Erstaunt und etwas ratlos erklärt sie mir, „ich kann mir da gerade keinen Reim darauf machen. Üblicher Weise steht E führ eine erweiterte/n Erkrankung/Befall, doch wie die Reha-Ärztin mit den minimal durchgeführten Untersuchungen darauf kommt, erschließt sich für mich nicht. Aber bitte machen sie sich darüber keine Sorgen!“ Erstaunlich welche Auswirkungen so ein geschriebener Buchstabe haben kann und weil ich nicht auf meinen nächsten Besprechungstermin warten möchte, bis ich vielleicht eine Antwort auf diese Frage erhalte, rufe ich kurzerhand bei der Rehaklinik an und frage nach. Freundlich will die Mitarbeiterin bei der Ärztin nachfragen und sich später zurück melden. Nachmittags klingelt mein Telefon und die Ärztin selbst meldet sich. Positiv überrascht höre ich ihr zu. „Es ist tatsächlich etwas unglücklich, dass das da so steht und tatsächlich bedeutet es, dass ein Verdacht besteht, dass nicht nur die Lymphknoten, sondern vielleicht auch ein anderes Organ befallen ist. Allerdings stand dies in einem der Schreiben ganz am Anfang der Diagnostik und darum musste ich es trotzdem in den Bericht übernehmen. Nun hat sich ja im laufe der Behandlung herausgestellt, dass dies bei ihnen nicht der Fall ist.“ Puuuh, kurz ist mir mein Herzchen ins Höschen gerutscht…

Erleichtert starte ich in den Nachmittag. Es gibt noch Hausaufgaben, die ich nach einem großartigen Treffen mit einem Freund aufbekommen habe. Er coacht Personen und Unternehmen im Bereich Entwicklung und hat mir angeboten, mich bei der Frage nach meinen nächsten, beruflichen Interessen zu unterstützen. WOW, kann ich nur sagen! Ich hatte wirklich keine Ahnung was mich da erwartet und immer noch total begeistert von diesem Treffen, sammle ich online Informationen über zwei unterschiedliche Berufsbilder. Was es ist, verrate ich euch noch nicht, nur so viel: Eine Bürotätigkeit, wie beispielsweise Assistenz der Geschäftsführung, würde bei mir so viel Sinn machen, wie bei Regen die Blumen zu gießen! 🙂

Nach der Gassirunde mit Fido schaue ich gespannt in den Briefkasten, um zu sehen was die Post heute so zu bieten hat und siehe da, es bleibt spannend. Da liegt ein Brief von der Stadt Hamburg, eine Einladung zu einer Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland – nicht an mich…. 🙂 Aber vergangene Woche meldete sich nach über fünf Jahren mein ehemaliger und geschätzter Chef, mit dem zusammen ich über zehn Jahre die Hamburg School of Entertainment geführt habe. Er erzählte mir, dass ihm diese tolle Auszeichnung für seine Arbeit im Bereich Bildung übergeben wird und er mich gerne dazu einladen möchte, da er findet, dass mir mindestens ein Zacken davon zustehen würde. Völlig überrascht und gerührt vor Freude erzähle ich ihm, wie mich mein „Bingo des Lebens“ Anfang des Jahr eiskalt erwischt hat. Er hatte keine Ahnung. Um so großartiger dich – 2018 – mit diesem und weiteren schönen Ereignissen, die noch anstehen, langsam zu beenden!

Vorsichtig lege ich die Einladung zur Seite, als mich der nächste Anruf von einer Sprachschule erreicht, bei der ich mich für den Abend zu einer englisch Probestunde angemeldet habe.  Der Dozent informiert mich darüber, dass die Klasse sich auf dem Altonaer Weihnachtsmarkt trifft und die Stunde da stattfinden wird. Irgendwie sympathisch, denke ich und wenig später plappere ich nach einem Glühweinen in englisch mit wildfremden, aber sehr netten Menschen über Gott und die Welt. Cheerio, auf einen ganz normalen Tag!

21.11.2018

Alles halb so schlimm!

Nur noch einmal schlafen und der erste Check nach einer viermonatigen Chemopause steht an: Blutuntersuchung, MRT und CT. Neben den immer wiederkehrenden Sorgen um eine Wiedererkrankung (Rezidiv) hatte ich vor einigen Tagen, morgens am Frühstückstisch, so etwas wie eine kleine Vision… Einfach so überkam mich ein ganz plötzlich ein klares, leichtes und friedliches Gefühl, verbunden mit dem Gedanken, dass alles Gut sein wird. Einen kurzen Augenblick nur und dann war es wieder weg. Seit dem versuche ich mich an dieses Gefühl zu erinnern, aber es will mir nicht recht gelingen. Doch ein etwas verschwommenes, inneres Bild von hellgrünen Blättern und kleinen, weißen Blüten ist geblieben. Verrückt? Ja, vermutlich schon ein wenig, doch man kann es auch Fantasie nennen und die war bei mir schon immer sehr blühend… 🙂
Doch so schön diese kurze Eingebung auch war, so strahlend sind auch diese Untersuchungen und es ist bekannt, dass diese Strahlenuntersuchungen (oder beispielsweise auch Sonnenstrahlen) krebserregend sein können. Es ist ein wenig absurd und dabei liegt der Nutzen-Risiko-Faktor teilweise sehr nah beieinander.  Nach dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, schlüpfe ich also morgen vermutlich wieder in einen hellblauen XXL Pyjama-traum und versuche beim „Fotoshooting der inneren Werte“ wieder eine gute Figur zu machen. So schwer ist das ja nicht, schließlich muss ich vor allem stillhalten!

Eine etwas größere Herausforderung ist es meine Bewerbungsunterlagen auf den neuesten Stand zu bringen. Dazu gehören selbstverständlich auch aktuelle Bilder von meiner Schoko-Aussenseite. Ich also ab ins Fotostudio für neue Bewerbungsfotos. Um meine optischen Vorzüge zu unterstreichen habe ich mir morgens dafür natürlich extra viel Zeit vor dem Spiegel genommen. 🙂 Meine wilden, kurzen Pudellocken versuche ich mit aller Gewalt und dem Styling-Gel meines Sohnes zu bändigen, was mir zumindest in der Frontansicht annähernd gelingt. Doch im Studio angekommen habe ich gegen die leicht aufkommende Aufregung keine Chance und eine Hitzewallung rollt an. Ich sitze also hübsch gemacht vor diesen durchaus sinnvollen Fotoscheinwerfern und plötzlich fließt der Schweiss in wenigen Sekunde durch all meine Poren. Mein innerer Sommer, der irgendwie nicht zu Ende geht, gibt alles! Glücklicher Weise kommt in diesem Augenblick Kundschaft und wir machen eine kurze Pause. Nach fünf Minuten stehe ich abgetupft und frisch gepudert wieder vor der Linse und erzähle der jungen Fotografin auf ihre Nachfrage hin kurz meine Geschichte. Sie ist wirklich sehr freundlich und als sie mir von ihrer an Brustkrebs erkrankten Freundin erzählt, verstehe ich warum sie so locker und emphatisch mit dieser Situation umgehen kann. Zufrieden und mit drei neuen Bewerbungsfotos erwartet mich zu Hause leider eine viel ödere, aber dennoch fordernde Aufgabe. Das Schreiben der Gegendarstellung in Bezug auf den Entlassungsbericht der Rehaklinik. Ein wirklich wichtiger Punkt in Bezug auf die Sozialversicherungspflicht während meiner Tätigkeit als Hundefriseurin ist in diesem Bericht tatsächlich unkorrekt beschrieben und einige gesundheitliche Aspekte werden in der Anamnese nur teilweise oder gar nicht erwähnt. Ausgleichend dafür wird jedoch im Absatz zur Abschlussuntersuchung beschrieben,  dass die Rehabilitationsziele in jeder Hinsicht und sogar darüber hinaus erreicht wurden… Ohne die Rehabilitation schlecht reden zu wollen, habe ich neben meinem geliebten Jane Fonda Stulpensport noch viel Positives mitgenommen, jedoch „geheilt“ von den Folgen der Chemotherapie wurde ich da natürlich nicht. Doch was nicht ist kann ja noch werden!

PS: Die muss ich euch noch zeigen! Online shoppen ist ja nicht so mein Ding aber ich habe uns mal neue Kaffee- und Espresso Tassen gekauft. Sind die nicht toll?!?

15.11.2018

„Wer ein Warum fürs Leben hat, kann viele Wie‘s ertragen.“ – Nietzsche

Die Tage werden kürzer und es gibt jetzt doch kaum etwas Schöneres, als es sich zu Hause richtig gemütlich zu machen. Auch wenn die Dunkelheit etwas auf’s Gemüt schlagen kann, wird mir bei Kerzenschein und beim Anblick der vielen hübschen Lichter immer auch warm ums Herz. Fast schon melancholisch ziehen wir uns in dieser Jahreszeit mit einem warmen Getränk oder einem schönen Glas Wein auf das Sofa zurück, kuscheln uns unter eine Decke und beobachten, wie der Wind die Blätter gegen die Fensterscheiben weht. Dabei ein gutes Buch zu lesen oder in alten Fotos zu kramen ist dann eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Auch den Gedanken dabei freien Lauf zu lassen, ist eine schöne Sache und Langeweile kommt bei mir da nicht auf. Im Gegenteil – die Idee das Bücherregal nach Farben zu sortieren habe ich tatsächlich nur verschoben, weil ich fürchte, den Arbeitsaufwand zu unterschätzen um dann im Chaos zu enden. 🙂 Die Gedanken kreisen natürlich auch weiter um die Frage, wie meine Zukunft aussehen könnte; um die Frage wann ich mir zumute wieder arbeiten zu gehen und vor allem WAS ich arbeiten könnte? Leider herrscht beim Thema Berufswahl bei mir noch totale Hirnleere. Da ist wirklich nichts, wofür ich mich besonders interessiere und auch emotional herrscht da gähnende Leere. Um diesen Zustand zu erreichen müssen andere vermutlich jahrelang meditieren… Dabei geht es mir auch gar nicht darum großartig erfolgreich zu sein, denn Erfolg ist ja auch völlig individuell. Erfolg kann sein, ein Teilzeitjob zu haben oder auch zu Hause bleiben zu können und für die Familie da zu sein. Nur unsere persönlichen Ziele können ein Maßstab dafür sein, wie erfolgreich wir sind.

Bei dieser Thematik umgibt mich also schnell eine ziemlich große Unsicherheit. Also versuche ich mich zu sortieren: Von der Hamburger Krebsgesellschaft erhalte ich den Tipp mich beim Arbeitsamt erst einmal nicht arbeitssuchend zu melden. Zum Einen, damit ich mir die Chance auf eine Unterstützung nicht vertue und zum Anderen, weil ich von der Rehabilitations-Klinik als noch arbeitsunfähig entlassen wurde. Dennoch könnte ich mich schonmal in Eigenregie um Schulungen kümmern, denn mit Ende vierzig noch eine neue Festanstellung zu erhalten ist vermutlich nicht mehr ganz so leicht. Aber wonach suche ich und vor allem, schaffe ich es schon neuen Herausforderungen gerecht zu werden ohne dabei meinen drei wichtigen Gesundheitssäulen wie die gute Ernährung, regelmäßig Sport und Anti-Stress-Management untreu zu werden? Was ist wenn ich den Anforderungen nicht gerecht werde? Puuuh, es fällt nicht leicht, doch eine Antwort auf all die Fragen gibt es wenn wir es ausprobieren. Denn in der Regel erhalten wir auch eine zweite Chance und wenn wir uns nicht ganz blöd anstellen sogar eine dritte und vierte. 🙂

Auch wenn wir es als Familie aktuell wirklich genießen, dass ich mal ohne Hektik und Stress für unser aller Wohlergehen da sein kann, ist eine neue Aufgabe sicherlich auch eine gute Ablenkung vom Kranksein. Krebspatienten, oder die es mal waren, können diese ungeliebte Begleiterin namens Angst nie ganz in den Keller verbannen, wo sie eigentlich hingehört! Jede Kontrolluntersuchung ruft erneut eine kleine Todesangst hervor, denn die Chancen auf Heilung verringern sich deutlich bei einer Wiedererkrankung. Aber so ist es, wir können nur UNSER Bestes tun, hoffen und nach Möglichkeit das Leben leben wie wir es möchten. Meine erste Nachuntersuchung mit Blutuntersuchung, MRT und CT ist am 22. November 2018. Bis dahin beschäftige ich mich mit dem Reha-Entlassungsbericht, den ich heute bei meiner Hausärztin abgeholt habe und neuen Bewerbungsfotos auf denen meine Hirnleere hoffentlich nicht zu erkennen ist! 🙂

10.11.2018

Herzenssachen

Bei der Hamburger Krebsgesellschaft erhalten ich hilfreiche Unterstützung für den Einspruch gegen den negativen Bescheid der Rentenversicherung auf meinen Antrag zur Teilhabe am Arbeitsleben (berufliche Reha). Diese Leistungen haben das Ziel, bei erheblicher Gefährdung bzw. Minderung der Erwerbsfähigkeit, den Verbleib im Arbeitsleben dauerhaft zu sichern. Das umfasst insbesondere Leistungen zur Erhaltung oder Erlangung eines Arbeitsplatzes, einschließlich der dafür benötigten Beratung, Vermittlung und entsprechende Trainingsmaßnahmen. Damit eine solche Maßnahme genehmigt werden kann müssen  1. die persönlichen (gesundheitlichen) und 2. die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Gerade die persönlichen Voraussetzungen sind so weit auslegebar, dass eine weitere Erklärung dazu den Rahmen hier leider sprengen würde. Und genau damit begründet der Kostenträgers die Ablehnung. Ob sie dabei meinen gesundheitlichen Zustand „bemängeln“ oder sie nicht genügen Beeinträchtigungen in Bezug auf meine Erwerbsfähigkeit als Hundefriseurin feststellen können, lässt sich aus dem Bescheid nicht herauslesen. Um so wichtiger ist es sein Recht wahrzunehmen und innerhalb eines Monates gegen diesen Bescheid Einspruch zu erheben. Denn im Gegensatz zu meiner telefonischen Auskunft ist es wohl doch nicht garantiert, dass nach Eingang des noch fehlenden Abschlussberichtes der Rehaklinik, über meinen Antrag neu entschieden wird.

Mit den Worten „sie sehen ja auch wie das blühende Leben aus, wer vermutet da eine schwere Erkrankung“ verabschiedet sich die Mitarbeiterin der Hamburger Krebsgesellschaft von mir. Natürlich ein wirklich liebes Kompliment und gleichzeitig fühlt es sich nach einer Erwartung an, die mich seit kurzem etwas verunsichert. Was kann ich mir zumuten und wo liegen nun die Prioritäten? Meine Gesundheit, Leistungsfähigkeit und mentale Stärke weiter aufzubauen, schnellstmöglich berufliche Ziele zu verfolgen oder sollte eigentlich schon beides drin sein? Ehrlich gesagt, weiß ich selber nicht genau, wo ich mich gerade befinde. Ich tue mich noch schwer daran zu glauben, dass nun alles vorbei ist und ich jetzt wieder „gesund“ bin. Die Angst wieder krank zu werden sitzt immer noch ganz schön tief. Auch wie ich vermutlich langfristig mit den kurzen doch permanenten Gelenkschmerzen und den Hitzewallungen umgehe ist fraglich, denn keiner sagt Dir wie lange dein Körper braucht die Chemotherapie zu verarbeiten oder welche bleibenden Schäden du eventuell davonträgst – alles kann, nichts muss… Doch was ich muss, ist zu lernen mich von vermeintlich guten Ratschlägen, Erwartungen oder einfach von Meinungen anderer nicht so sehr beeinflussen zu lassen! Denn keiner kann nachvollziehen, wie es mir wirklich geht und niemand hat das Recht mein Tun oder Nicht-Tun zu beurteilen,  auch wenn ich auf den ersten Blick wie das blühende Leben aussehe!

Nicht schlecht aus der Wäsche gesehen habe ich auch, wie mir bei Instagram plötzlich hunderte, meist amerikanische Insta-Fames mit 10. bis teilweise 50. Tausend Follower plötzlich folgen… Innerhalb von zwei Tagen steigt die Zahl meiner Follower von ca. 250 auf über 800! Hallo, äh ich meine HALLO?!? Was geht denn hier ab und warum wollen die mir folgen? Ich hab wirklich keine Ahnung, was da passiert! Meine aufkommend, blühende Fantasie wie ich als Gründerin einer Selbsthilfegruppe mit der Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten tausende von Krebs betroffenen Menschen eine Plattform für einen persönlichen Austausch schaffe, schrumpfte allerdings ab Tag drei wieder sehr deutlich  – auf nun rund 350 Follower!😂 Dennoch lasse ich meinen Account öffentlich, selbst wenn nur wenige Betroffene hier ein paar Informationen und das eine oder andere Lächeln mitnehmen, ist das doch fein!  Und fein sind natürlich auch die Fotos von den vielen schönen Menschen auf Instagram. Frei nach dem Motto: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der oder die Schönste im ganzen Land, frage ich mich, „warum ist uns Schönheit eigentlich sooo wichtig?“ Wer jetzt sagt „das trifft nicht auf mich zu“, dem glaube ich ehrlich nicht so recht!  Wir sagen zwar gerne mal Sachen wie: „wahre Schönheit kommt von innen“ oder „nicht die äusseren, sondern die inneren Werte zählen“, doch wenn ich mich umsehe, schaue ich doch meistens auf aufwendig hergerichtete Leute auf entsprechend aufwendig bearbeiteten Bilder.  Natürlich schminke ich mich auch und gerne! Schätzungsweise achtzig Prozent der Tage im Jahr beginne ich mit einem von meinem Göttergatten angerichteten grünen Tee, um kurz darauf in das Badezimmer zu entschwinden, um mir dann ein Gesicht aufzumalen. 🙂 Da kommt nach der Reinigung die getönte Tagespflege, das Augen Make-up, das Rouge und letztendlich der Lippenstift drauf – und das wie gesagt beinahe jeden Tag. Ob das schlimm ist? Natürlich nicht!  Ich mag mich schließlich auf den ersten Blick auch lieber geschminkt im Spiegel ansehen! Doch ehrlicher Weise sind die Tage, an denen ich mir bewusst ohne „Vertuschung“ ins Gesicht schaue, die an denen ich entspannter und auch irgendwie mehr im Einklang mit mir selber bin. Aber sich „nackig“ in den Berufsalltag zu stürzen, wagen viele nicht, weil da leider ein Gefühl von nicht gut oder hübsch genug in uns steckt… Doch das Leben ist manchmal schlicht einfach nicht so schön! Pickel – sind normal. Das eine oder andere Kilo Körperfett – ist normal. Mal faul und genervt zu sein –  ist normal und krank werden ist auch normal! Ich finde, mal nicht so angestrengt schön zu sein, ist herrlich ehrlich! Denn heute ist mir klar, dass es ein Privileg ist, die Zeit zu erleben, in der unsere Körper an Form verlieren und dafür an Falten gewinnen.

05.11.2018

PS: Körper, Geist und Seele

Die meisten von uns sind es doch gewohnt, dass physisch einfach  alles funktioniert und bemerken erst wenn wir einen gewissen Preis dafür bezahlen, wie wertvoll die Gesundheit ist. So stark unser Körper zu sein scheint, so verletzlich ist er allerdings auch. Der Preis den ich dafür bezahlt habe war hoch, sehr hoch! Doch so unfassbar viel mein Körper mit der Chemotherapie auch durchgemacht hat, schreit alles am mir heute förmlich nach Leben!

Doch die Seele, die Zerbrechliche versteht noch nicht ganz was da eigentlich geschehen ist. Ich versuche es ihr zu erklären doch über meine Gefühlswelt schlagen manchmal Wellen die mich hin und her reißen. Zwischen Freude, Traurigkeit und Angst ist da auch die Neugier auf die Zukunft und der Sinn nach Kreativität – nebenbei: Kreativ setzen sich nun  auch die Wellen  in meinen neuen Haaren durch!😊

Es ist nichts Neues, dass negative Gefühle wie Angst, Traurigkeit, Wut oder Neid ein Katalysator für Krankheiten sein können. Mut, Freude, Hoffnung und Liebe hingegen machen uns stark und stehen für das Leben. Natürlich bilden Körper, Geist und Seele im besten Falle eine Einheit, doch dass das nicht immer so einfach ist, wissen wir alle auch!  Eine wirkungsvolle Möglichkeit ist es sicherlich dem Leben mehr Aufmerksamkeit zu schenken als der Krankheit, auch wenn ich durch sie endlich wieder angefangen habe auf meine wahren Bedürfnisse zu achten. Nach langer Zeit habe ich manchmal auch wieder dieses friedliche, entspannte Gefühl ganz bei mir zu sein und in mir zu ruhen. Das ist wunderschön und ich glaube wir alle haben eine natürliche Sehnsucht danach und wenn wir es nicht wie ein Schatz behandeln verlieren wir es auch viel zu schnell wieder in der alltäglichen Hektik und Oberflächlichkeit.Also stehen neben den üblichen Aufgaben auch das Schöne in den Dingen zu sehen, meinen gesunden Bedürfnissen;-)  nachzugehen und Gutes zu tun auf meiner to doe Liste für diese Woche!

Weist du noch wie wir als Kinder die schönsten bunten Blätter gesammelt und manchmal zwischen den Seiten eines dicken Buches gepresst und getrocknet haben? Oder wie wir mit ausgewählten Kastanien, einigen Streichhölzern und etwas Klebstoff kleine Tiere gebastelt haben? Fido liebt unsere Spaziergänge bei denen wir gemeinsam Dinge entdecken und „Beute“ nach Hause bringen. Danach einen warmen, leckeren Tee oder Kaffee zu trinken und einfach mal für zehn Minuten nichts zu tun kann Balsam für Körper, Geist und Seele sein. Und das beste daran ist, wenn du Tage später die zusammen geschrumpften Kastanien in der Jackentasche wieder findest und dich mit einem Lächeln an den schönen Spaziergang erinnerst!