16.05.2019 kalte Füße

Mein Immunsystem scheint weiter zu schwächelnden, denn die Blasenentzündung hat sich ihren Platz auf meiner Bühne zurück erkämpft. Nicht mit ganz so vielen Pauken und Trompeten, aber laut genug! Es ist Dienstag Abend, „ich muss morgen nach der Arbeit, nochmal zur Hausärztin“, geht es mir durch den Kopf, aber Mittwoch nachmittags sind die Praxen ja geschlossen – typisch! Blöde Blasenentzündung-Bitch! Meine Rettung sind die verständnisvollen Schwestern und meine Ärztin aus der MVZ Tagesklinik des Asklepios Krankenhauses in Altona, sowie eine liebe Kollegin, die für ein Stündchen meinen Job übernimmt, damit ich rechtzeitig in der Klinik sein kann.
Während ich im Wartezimmer sitze begegne ich einigen vertrauten Gesichtern. Auch die bitterlich weinende Frau eines aus Indien stammenden Patienten, der nun leider verstorben ist, kenne ich. Erst bei meiner letzten Nachsorge habe ich ihn hier noch mit seiner Familie gesehen. Er war nie alleine bei der Therapie, seine Frau und seine Tochter waren immer dabei. Manchmal auch ein wenig zum Leidwesen der Schwestern und einzelner MitpatientInnen. Wenn viel los war, so dass Stühle knapp wurden, oder sie trotz Erkältung anwesend sein wollten, mussten sie sich auch mal von ihrem Ehemann und Papa verabschieden und im Warteraum Platz nehmen bis die Infusionen zu Ende waren – nun mussten sie sich wieder verabschieden, diesmal für immer.
Die Tatsache, wie plötzlich das Selbstverständliche vorbei sei kann, wird uns öfter als „normal“ vor Augen geführt und lässt uns inne halten. Um dich herum freut sich alles, dass du den Krebs besiegt hast und du hast Angst, dass er wieder kommen könnte. Dabei quält dich auch noch das schlechte Gewissen, weil du dich aus diesem Grunde manchmal nicht mitfreuen kannst…
Aber wir kämpfen, versuchen mitzuhalten und hoffen dabei einfach unsere Träume und Wünsche noch weiter leben zu dürfen.
Schon morgen geht es für mich wieder zum Fotoshooting der „inneren Werte“ und ich kriege jetzt schon kalte Füße, wenn ich an die Tage bis zur Befundbesprechung denke! Ich kann also gerade Daumendrücker, positive Gedanken und eine Menge Glück gebrauchen. Damit ich mich erstmal wieder mitfreuen kann!
Was ist dein großer Wunsch, dein Traum oder was wolltest du immer schon mal machen? Ich finde mit einem Bus ein paar Monate unterwegs zu sein, Europa zu bereisen, Land und Leute kennen zu lernen, wandern, schreiben, mal im Hotel, mal im Bus zu übernachten, das fühlt sich nach Leben, Freiheit und ganz nach meinem Geschmack an. 😊

05.05.2019 – das Ding mit dem Leben

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und es zieht mich förmlich nach draußen. Der Baumbestand rund ums Haus treibt zur Zeit ordentlich aus und hinterlässt einiges Grünzeug auf dem Boden. Schnell ist der Handfeger geholt und ich gehe in die Hocke um das Häufchen aufzufegen – AUA! Ein Ziehen geht links an Kreuz vorbei. Unsicher, ob ich wieder hoch komme, lasse ich alles liegen und kämpfe mich vorsichtig Zentimeter für Zentimeter hoch. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – es zieht, aber ich kann mich bewegen. Pünktlich zum Osterwochenende fange ich mir einen Hexenschuss ein, was weiter nicht tragisch, teilweise schmerzhaft, vor allem aber einschränkend ist. Sich nicht nach Lust und Laune bewegen zu können, fällt mir besonders schwer. Mit Trainer Nils machen wir diesmal also kein Kraft-, sondern Gymnastikübungen für den Rücken. Hört sich nach Rentnersport an – von wegen! Denn am nächsten Tag lenkt der Muskelkater mehr von dem Rückenleiden ab und einen weiteren Tag später wandern die Verspannung zur anderen Seite. Mit etwas Vorsicht, Geduld und leichten Übungen für den Rücken bin ich nach ein paar Tagen wieder uneingeschränkt dabei.
Neugierig lasse ich mich unter dem Motto #fahrtzusammen von MOIA zur Arbeit fahren. Für fünf Euro von Bahrenfeld bis nach Bramfeld. Die App herunterladen, Kontaktdaten und eine Kreditkarte hinterlegen und schon kann es losgehen. Der Standort und das Ziel sind schnell eingegeben, dann wird gefragt wann ich bereit bin aufzubrechen: Jetzt, 5+ Min., oder 10+ Min. Die angegebene Fahrzeit ist zugegeben sehr optimistisch lädt mich aber dazu ein 10+ Min. zu wählen. So hab ich noch Zeit mein Frühstück in Ruhe zu packen und das Pupertier zu knuddeln. MOIA verspricht eine Ein- und Ausstieg-Stelle von maximal 250 m des gewünschten Standortes und hält das auch ein. 200 Meter von meiner Haustür kann ich zusteigen und genauso nah an meinem Ziel ist die Ausstieg-Stelle. Die App sagt mir sogar wann ich losgehen soll um pünktlich an der Haltestelle zu sein. Das allerdings sehe ich das erst, als ich zehn Minuten zu früh an dem angegebenen Standort stehe… Mit dem Gedanken, dass ich natürlich rechtzeitig zur Arbeit kommen möchte, tiegere ich die Straße auf und ab und halte dabei nonstop mein Handy in der Hand. 7:20 Uhr noch nichts zu sehen – doch da, in der App wird mir plötzlich das MOIA Fahrzeug auf dem Bildschirm angezeigt, wie es sich langsam auf mich zubewegt. Ich stelle ich mich sichtbar an die Straße und steige kurz darauf ein. Wie in einem Mini-Bus öffnet und schließt die Tür automatisch. Ein weiterer Fahrgast befindet sich im Fahrzeug und nach dem mich der Fahrer begrüßt und freundlich nach meinen Namen fragt, nehme ich auf einem der großzügigen Sitzen platz. „Anschnallen bitte“ und dann kann es los gehen. Bereits jetzt ist mir klar, dass das mit der Zeit eng wird und tatsächlich komme ich am Ende nicht ganz pünktlich an. Wendemanöver, zusätzliche Aus- und Einstiegswünsche können den Weg, ohne dass du es weißt, verlängern, doch mit den gewonnenen Erfahrungswerten lässt sich das bei Bedarf entsprechend planen. Für zehn Minuten früher losgehen sitze ich nun in einem gemütlichen, kleinen E-Bus, lasse mich fahren und kann dabei für meinen Blog oder in die Einkaufsliste unserer Familien-App Bring! schreiben, die ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen kann.
Noch bei der Arbeit spühre ich erste Anzeichen einer Blasenentzündung und schütte wie ein Kamel Wasser und warmen Tee in mich hinein! Doch innerhalb von wenigen Stunden entwickelt sich das leichte Ziehen zu Schmerzen, die meinen ganzen Körper mit Schüttelfrost verkrampfen lassen. Es ist Freitag, 18:30 Uhr – was denn sonst… Eine viertel Stunde später entschließe ich zur Notfall Praxis in der Stresemannstraße zu fahren. Ungläubig fahre ich langsam am Eingang vorbei zu den Parkplätzen. Eine zehn Meter lange Schlange von wartenden Menschen steht draußen! Ich parke den Wagen und überlege gleich wieder nach Hause zu fahren. Aber mein Zustand rät mir das Anstellen in Anbetracht des Wochenendes in Kauf zu nehmen. Langsam gehe ich auf das Eingangsschild zu und sehe, dass die Praxis erst um 19:00 Uhr öffnet. Ok alles klar, das dauert nicht mehr lange und immerhin ist das Wartezimmer nicht schon überfüllt.
Vorbei an Familien mit Kleinkindern, ältere Menschen mit Gehhilfen und Anderen, stelle ich mich in die Reihe dazu. Es ist wieder kalt geworden und der Wind zieht fies unter meinen Mantel. Immer wieder halten Autos neben der Warteschlange, um noch mehr angeschlagene Menschen aussteigen zu lassen. Fußgänger, die vorbei gehen, schauen fragend und erstaunt. Sogar ein kleiner Junge kommentiert spontan: „Mama, ist das eine Demo?“ Jetzt schüttel ich mich kurz, aber vor Lachen! Eine knappe Stunde später hole ich mir ein sogenanntes Einmal-Antibiotika aus der Apotheke und fahre nach Hause. Ich mache mir Sorgen…
Seit Tagen schwanke ich zwischen „alles wird gut“ und „ich hab ein mieses Gefühl“. Die Müdigkeit, der Hexenschuss und jetzt noch die Blasenentzündung. Alles Dinge, die einen ganz „normalen“ Ursprung haben können und dennoch, kurz vor den Nachsorgeuntersuchungen bin ich sensibel, höre sehr in mich hinein und bleibe dabei bemüht positiv zu sein.
Am 17. Mai 2019 habe ich mein nächstes Shooting. MRT, CT und dann heißt es warten. Warten auf die Nachricht, die mir die Leichtigkeit eines Schmetterlings schenkt, oder mich im Sturzflug auf den Boden eines Rezidivs landen lässt. Sehen wir es als eine regelmäßige Übung an, das Schicksal anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Ändern können wir den Augenblick nicht. Auch wenn wir zu gerne daran festhalten, daran zu glauben das Ruder in den Händen zu halten. Wenn wir das Leben begreifen wollen,  sollten wir nicht an die Vergangenheit denken und nicht die Zukunft verplanen. Wir verstehen und finden uns selbst, indem wir in der Gegenwart ankommen.