31.03.2019 Yeswecan-cer

Die ersten Wochen, in denen ich nun wieder in Lohn und (anteilig) Brot stehe, haben mir gezeigt, dass es mit bald 49 Jahren, inklusive Chemotherapie, ein ziemlich hartes Stück Arbeit ist wieder einzusteigen – einzusteigen in die Welt der Gesunden. Nach täglich viereinhalb Stunden Einarbeitung und der anschließenden Gassirunde gibt es nur eines, was ich noch machen kann – mich hinlegen! Dabei reichen die 20 Minuten Powernapping bei weitem nicht mehr aus. Erst nach einer guten Stunde bin ich in der Lage meine bleischweren Glieder wieder vom Sofa zu heben – vom Sofa zu rollen beschreibt das Szenario besser! Mit Kaffee und einem Müsliriegel versuche ich mich ins Leben zurück zu holen, um die restlichen to do’s zu erledigen. Das Ganze erreicht den Höhepunkt, als ich freitags nach sechseinhalb Stunden Arbeit und dem firmeninternen Freitags-Mädels-Prosecco ins Wochenende starte. Um 22:00 Uhr liege ich komatös, aber glücklich, im Bett und nach zehn Stunden Schlaf stehe ich wieder mitten im Leben. 😁
Nun steigt die Kunst regelmäßig Sport zu treiben, täglich frisch zu kochen und das Anti-Stress-Management mit den täglichen Anforderungen zu vereinbaren, auf ein nächstes Level! Ich muss mich wirklich darauf konzentrieren nicht zu viel von mir zu verlangen, nicht ungeduldig und damit gestresst zu werden. Zumal die Chemotherapie erst ein Dreiviertel-Jahr her ist…
Es ist die Vorstellung, die wir haben, wie die Dinge sein sollen, die uns daran hindert den Augenblick zu sehen, zu entspannen und zu genießen.
Fido ist seit diesem Monat fünf Jahren bei uns und seine Nasenstubser, seine bedingungslose Liebe und die nichtvorhandene Fähigkeit komplex zu denken, hilft mir immer wieder selbst achtsam zu sein. Mich auf den Moment einzulassen ohne darüber nachzudenken, was ich mir noch alles vorgenommen habe, was noch kommen könnte oder sollte. Einfach nur im Hier und Jetzt sein und auf meine Bedürfnisse, aber auch auf die der Anderen einzugehen. Ich bin sicher, hier wird sich bald ein Trainings-Effekt bemerkbar machen!
Bemerkbar und bemerkenswert ist auch „unser“ Hinz&Kunzt-Verkäufer (für aller Nicht-Hamburger: das ist die Hamburger Obdachlosenzeitung) bei REWE um die Ecke. Seit zehn Jahren steht er täglich beim Eingang, erinnert die Kunden immer mit einem freundlichen „Hallo“ zuvorkommend daran die Parkscheibe nicht zu vergessen und verkauft dabei seine Zeitungen. Beim Verlassen des Ladens hört man von ihm  zum Abschied „noch einen schönen Tag“. Er spielt in meinem und ich in seinem Leben maximal eine Statistenrolle, haben aber in unserer „Daily Soap“ beinahe täglich einen kurzen Auftritt. Bis er vor kurzem, mich wegen meiner optischen Veränderungen angesprochen hat. Mit einem osteuropäischen Akzent fragt er mich, „Alles gut? Sie sehen anders aus.“ Und ich erzähle ihm kurz meine Diagnose K Geschichte. Er nickt und wünscht mir mit einem Lächeln weiter alles Gute. Als wir uns ein paar Tage später wieder durchs Leben spazieren, winkt er mir zu und fragt: „Kennen sie Zinnkraut?“ Dabei holt er aus einer seiner großen Tasche ein Buch über Heilkräuter von Maria Treben heraus. „Sie müssen trinken Zinnkraut-Tee zwei Mal vor dem Essen, damit der Krebs nicht wieder kommt. Das ist wichtig, dass er nicht wieder kommt!“ Gerührt, dass er sich meinetwegen Gedanken gemacht hat, bedanke ich mich von Herzen bei ihm.
Zu Hause angekommen informiere ich mich über Maria Treben und über ihre Thesen zum Thema Heilkräuter. Dabei stolpere ich im sozialen Netz auch über Berichte zu Alternativmedizin in denen davon berichtet wird, dass Menschen nicht an Krebs sondern an der Chemo- und Strahlentherapie sterben: „Bereits jeder Dritte stirbt heute an Krebs! Und jedem Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als das Martyrium einer Chemo- oder Bestrahlungstherapie über sich ergehen zu lassen.“ Und dann steht da „die effektivsten natürlichen Behandlungsmethoden gegen Krebs FINDEST DU HIER.“ Weiter werde ich darüber informiert, dass Chemos nicht funktioniert und ich werde gewarnt, dass Patienten die mit einer Chemotherapie behandelt wurden, viel schneller und schmerzhafter sterben als andere. „Diejenigen, welche anerkannte Behandlungen durchführten, lebten durchschnittlich nur noch drei bis fünf Jahre nach der Diagnose und viele sterben schon nach ein paar Wochen.“ So Dr. Hardin B. Jones von der Berkeley Universität in Kalifornien.
Menschen die solche Berichte in den sozialen Medien posten erhalten dann von vielen anderen „Schlaubergern“ bejahende Kommentare wie, „ja, das ist ein Dreckszeug“ oder „ich hab meiner besten Freundin versucht die Chemo auszureden, aber sie ließ sich leider nicht davon abbringen.“ Es wird sich quasi anerkennend auf die Schultern geklopft oder bei Gegenmeinungen auch gleich verbal gekoppt. Wie sich dabei Krebskranke fühlen, die sich aktuell vor, während oder nach einer Chemo- und/oder Strahlentherapie befinden, wenn sie solche Beiträge zu lesen bekommen, scheint dabei egal.
Ende Juni vergangenen Jahres endete meine Chemotherapie die ich über acht Zyklen erhielt. Ich lebe, es geht mir gut und ich hoffe dass es so bleibt! Solche Artikel sind bei der riesigen Vielfalt von Krebsarten die es gibt, verunsichernd und schon gar keine Hilfe! Es gibt so viele Aspekte zum Nutzen- , Risikofaktor bei der Diskussion um die richtige Behandlung für den Patienten! Dabei sollten die Erkrankten in ihrer Entscheidung unterstützt und nicht belehrt werden. Nur so können Krebspatienten das ebenso lebenswichtige Vertrauen mit dem notwendigen Glauben an den Erfolg ihrer Therapie verinnerlichen. Ich für meinen Teil hatte gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Als die Diagnose stand, musste es gleich am nächsten Tag mit der Therapie  losgehen. Dabei teilten mir auch unsensible Besserwisser ungefragten Meinung mit und glaubten mir damit „zu helfen“. Doch ich vertraute den Ärzten und vor allem mir selbst. Die Chemo habe ich gut und ohne Martyrium überstanden und meine Zuversicht lasse ich mir weder von solchen Artikeln noch von anderen Meinungen nehmen!
Dass man aber mit lebensrettenden Medikamenten spekuliert und damit eine Milliardenindustrie unterhält ist  leider eine Tatsache, indiskutabel und unfuckingfassbar! Darauf einen Zinnkraut Tee! 😊

17.03.2019 das Leben ist ein Buch…

Was hatten wir für eine tolle Reise mit schönen Begegnungen, auf einem wirklich tollen Schiff. Bleiben werden aber vor allem die vielen schönen Mama-Sohn Momente!
Gemeinsam haben wir Neues entdeckt, sind vielen und wundersamen Menschen begegnet und haben noch mehr gelacht. Als alte „AIDA Hasen“ fühlten wir uns vor allem im Theatrium wie zu Hause. Dabei die vielen ehemaligen Arbeitskolleginnen und Kollegen bei der Einarbeitung der neuen Cast zu treffen, war wie eine kleine Zeitreise. Dabei wurde ich von Josh daran erinnert, wie selbst kleine Augenblicke den Grundstein für ein ganzes Leben bilden können. Wäre ich als Teenager damals nicht beim Jazzdance-Kurs der Schule geblieben, obwohl meine Zwillingsschwester ausstieg, wäre ich später vermutlich nicht Tänzerin geworden, und somit würde es diese Reise für uns vielleicht gar nicht geben…😃 Das macht wieder klar wie wichtig es ist achtsam zu sein, zu hinterfragen: „was will ich wirklich?“ und darauf zu vertrauen die richtige Entscheidung zu treffen.
Ich glaube fest daran, dass wir oft eine zweite Chance bekommen. Doch manchmal ist es auch wie an Bord: bestimmten Passagieren (oder Dingen) begegnest du immer wieder, andere wiederum siehst du nur ein einziges Mal und dann nie wieder.
Wenn ein Schiff ablegt und langsam den Hafen verlässt, verlassen wir mit ihm den sicheren Boden unter unseren Füßen und lassen den Ort, Menschen und Geschehenes hinter uns. Wenn es dann auf das große, weite Meer hinaus geht, der Wind aufkommt, der dir ins Gesicht weht, kribbelt es im Bauch und du spürst, dass eine neue Reise beginnt. Eine Reise, von der du nie genau weißt, was dich erwartet – es ist das Gefühl von Abenteuer und Freiheit! „Das Leben ist ein Buch und wer nicht reist, ließt davon nicht eine einzige Seite “. (Augustinus Aurelius)
Geht eine Reise dann zu Ende, ist es immer ein Abschied, aber auch der Anfang von etwas Neuem, dem wir nun mit den gewonnenen Erfahrungen begegnen können.
Mir ist dabei wieder einmal bewusst geworden, wie bedeutend es ist Ziele zu haben und der Weg dahin bereits ein Teil des Zieles ist. Das einzig Wichtige ist, den Weg von Herzen und mit guten Absichten zu gehen.
Nicht wirklich die besten Absichten hatte ich in Bezug auf die Ernährung. Wie Josh es beschreiben würde, gab es den „geilen Scheiss“ 24/7 auf dieser schwimmenden Kleinstadt. Also nehme ich neben den vielen schönen Momenten auch mindestens zwei Kilo Hüftgold und zusätzlich leider eine Erkältung mit! Da mein nicht enden wollender, innerer Sommer mich weiter begleitet, was sich in Kombination mit der Klimaanlage an Bord nur suboptimal auswirkt… aber wer jammert denn schon über einen Schnupfen?!?😉
Mit einem sehr dezent gebräunten Teint starten wir morgen in einen neuen Abschnitt unseres Lebens. Ich beginne meinen neuen Job und der Sohnemann vermutlich in seine letzten Monate als Schüler. Schon durch die etwas turbulente Zeit in den vergangenen Wochen und mit der Kreuzfahrt rückte meine Krebserkrankung immer weiter in den Hintergrund. Sie ist allgegenwärtig und doch immer weniger präsent. Da sind noch die Gelenkschmerzen, die Schweissausbrüche, die Chemolocke und natürlich die Erinnerungen. Sie ist ein Teil von mir und von uns als Familie geworden, mit der wir heute glücklicher Weise sehr gut leben können.