Wir bleiben für immer

Kurz nach meinem Besuch in meinem “Stammlokal zur Infusion“, treffe ich auf dem Parkplatz vor der Apotheke Herr Schnuggi. Auf den ersten Blick unverändert, bis auf die Maske und die lässt mich in seinen Augen erkennen, wie traurig er sein muss. „Hallo, so treffen wir uns mal wieder. Wie geht’s?“ Fragend schaut er mich an. Ich nehm kurz die Maske ab, „ich bin’s“, lächle ich und seine Freude über das überraschende Wiedersehen, lässt nun auch seine Augen wieder lächeln.
Ich erfahre, dass es seiner Schnuggi leider gar nicht gut geht. „Weißt du, sie wird immer aggressiver. Einmal riss sie sich die Haare aus, ich wusste nicht was ich tun soll und musste die Polizei rufen.“ „Und dann hat sie wieder bessere Tage, aber die Ärzte sagen, sie sei austherapiert. Es gibt nichts, was ihr noch helfen könnte.“ Weiter berichtet er, dass bei der letzten Untersuchung auch noch Flecken auf der Lunge gefunden wurden.
Nun steht der gute Mann vor der Entscheidung seine große Liebe auf Grund ihrer Demenz und zunehmenden Wutanfälle in die psychiatrische Klinik nach Ochsenzoll oder auf die Palliativstation der Asklepiosklinik in Altona einweisen zu lassen. Wie gerne würde ich ihn jetzt zum Trost kurz drücken.
„Habt ihr denn schonmal über den Abschied gesprochen?“ frage ich vorsichtig und er schüttelt traurig mit dem Kopf. Schon damals, vor zwei Jahren, während unserer gemeinsamen Zeit im „Stammlokal“ sagte sie mal leise, dass sie nicht mehr leben möchte. Doch zu groß scheint sein Schmerz bei der Vorstellung sie gehen zu lassen und dann alleine zu sein. „Ich hab meinem Schnuggi so viel zu verdanken, was mach ich denn nur ohne sie?“
Die vielen Jahre der Krankheit, Therapie und damit verbundenen Einschränkungen, haben beinahe alle Freunde verschwinden lassen. Nur sein bester Kumpel ist übrig geblieben.
Aufmuntern erzähle ich ihm von der wahren Geschichte eines Rentners, der seine kranke Frau bis zum Ende pflegte. Nachdem sie gestorben ist kam eine Zeit der Trauer aber auch der Erlösung und dann kam eine Zeit, in der er nochmals auflebte. Mit weit über 80 erlebte er noch allerlei, machte Kreuzfahrten und genoss das Leben so gut er konnte. „Du bist gesund und ein so angenehmer, netter Mensch. Ich bin mir sicher, dass noch viel Schönes auf dich wartet und dein Schnuggi wünscht sich bestimmt von ganzem Herzen, dass du noch eine gute und glückliche Zeit hast, auch wenn sie nicht mehr bei dir sein kann.“
Zustimmend lächelt er mich an. „Versprich mir bitte , mich immer anzuquatschen wenn du mich siehst. Es tut so gut mit dir zu sprechen.“ Das Versprechen gebe ich ihm gerne!
Ich wünsche den Schnuggis die Kraft über die Vergänglichkeit und den natürlichen Kreislauf des Lebens zu sprechen. Alles ist, alles wird einmal gewesen sein. Ohne diese Tatsache würden wir nicht existieren. Wie ein Blatt an einem Baum, wir verwelken, fallen nieder auf die Erde und werden Erde.

Loslassen ist schwer, doch für die, die bleiben dreht sich die Welt weiter. Auch wenn der Schmerz anfangs beinah unendlich scheint, es wird langsam weniger, mit der Zeit, langsam immer weniger…

Wir haben gesagt wir bleiben für immer, bis wir die Lichter sehen und die Musik ausgeht. Wir haben gesagt wir bleiben für immer, wir haben getanzt, gelacht und geweint. Wir haben gesagt wir bleiben für immer, wie schön dass ich dich habe – für immer in meinem Herzen.