30.04.2018

Wiedersehen macht Freude oder man soll Feste feiern, wie sie fallen!
Fröhlich und gut gelaunt starten wir mit der positiven CT-Nachricht von Freitag in das Wochenende. Der strahlende Sonnenschein unterstreicht das „ja, das Leben ist schön“-Gefühl! Wie schnell allerdings dunkle Regenwolken über uns aufziehen können, überrascht uns immer wieder aufs Neue…
Nach viel zu langer Zeit, wollten wir heute endlich wieder mal ein paar Golfbälle schlangen. In den letzen Jahren hatten Malte und ich einfach nicht mehr geschafft auf den Platz zu gehen. Immer gab es etwas zu tun und Joshua hat nach seinem Silberabzeichen leider auch nur noch wenige Monate am Golftraining teilgenommen. Also standen wir drei bei bestem Wetter und hoch motiviert am Sonntag Vormittag bei Red Golf in Moorfleet auf der Range. Gespannt darauf wie und ob die Bälle fliegen… und wie sie flogen! Mit Konzentration und möglichst fließenden Schlägen spielten wir uns über eine Stunde lang wieder langsam in den Golfsport ein – es war ein tolles Gefühl! Wie üblich setzten wir uns anschließend noch auf die Terrasse des Clubhauses um etwas zu trinken. Da ich Kopftuch und nicht Golf-Cap trage, erreichen mich einige fragende, aber natürlich durchaus freundliche Blicke. Klar könnte ich auch ein Capy tragen, es wäre gerade bei Sonnenschein sogar sinnvoller. Sieht aber leider mit meinem nackten Frauenhinterkopf wirklich scheisse aus… 😉
Etwas später am Nachmittag stehen wir in der Küche. Die Einladung zum Abendessen war relativ spontan, denn wir wollen lieben Freunden aus der Nachbarschaft mit einem Lachs aus dem Smoker, mit Bruschetta alla Polli und einem Tomanten-Mozarella Salat, Danke sagen. Es ist wirklich toll, wenn man Leute in seinem Umfeld hat, die spontan mal mit einem Anhänger helfen oder einen Tag lang auf den lieben Vierbeiner aufpassen. Bei netten Gesprächen und gutem Essen mit etwas Wein, verbringen wir einen schönen Abend.
Müde und zufrieden schlüpfe ich kurz nach Mitternacht ins Bett, um gegen vier Uhr morgens völlig durchgeschwitzt und mit leichten Kopfschmerzen aufzuwachen. Der Nachtschweiß kann zwar eine Begleiterscheinung der Krankheit sein, ist jedoch in diesem Ausmaß eher ungewöhnlich. Schlaftrunken ziehe ich mir einen neuen Pyjama an, trinke zwei Gläser Wasser und nehme eine halbe Paracetamol. Bis kurz vor sieben Uhr morgens wälze ich mich von der einen zur anderen Seite des Bettes. Entsprechend erschöpft mit leichtem Schüttelfrost und weichen Knien stehe ich auf. Malte hat an diesem Tag frei, also möchte ich ihn schlafen lassen und gehe mit Fido auf die Morgen-Runde. „Was ist nur los mit mir?“, frage ich mich und überlege, was der Auslöser für die nun auch noch auftretende leichte Übelkeit sein könnte.
Ich verzichte auf das Frühstücken und etwas später fährt Malte mich zum Termin für die chemovorbereitende Antikörper-Therapie. Gleich bei der Ankunft erzähle ich der Schwester wie ich mich fühle, denn der Gedanke an die „rosa Elefanten“ lässt mich heute alles andere als lächeln!
Wie ein Häufchen frierendes Elend sitze ich in einem der roten Sessel und warte nach der Blutentnahme, die ins Labor geschickt werden muss, auf die Ergebnisse.
Aber wer kommt den da?! Die Schnuggi’s kommen plappernd in den bereits gut gefüllten Infusions-Raum und nehmen zwei Stühle weiter Platz.  Wir begrüßen uns herzlich. Kaum sass die Gute in ihrem Sessel, kommt der Gatte zu mir rüber, um mich über den aktuellen Gesundheitszustand seiner Liebsten zu informieren. Ich erfahre, dass auch Frau Schnuggi nun abschließend nach ihrer Chemotherapie, eine Bestrahlung erhalten soll und ihre Stimmungsschwankungen sich bis heute leider nicht verbessert haben. Während er vor mir steht und erzählt, ruft sie ergänzend dazu durch den Raum „mit mir ist gar nichts“ und „ja, ja aber das schaffen wir schon“.  Er antwortet ihr mit einem verschmitzten Lächeln: „Ja, Schnuggi, klar schaffen wir das!“  Damit ist die friedhöfliche Stimmung im Raum nun auch vorbei – ich mag die beiden!
Die Schuggi’s und das selbstgeschriebene Buch von einem lieben Freund hilft mir über die Wartezeit, bis ich nach gut zwei Stunden zu Frau Doktor gerufen werden. „Die Entzündungswerte in ihrem Blut sind etwas erhöht und neben der doch ziemlich geringen Anzahl der Thrombozyten, Frau Polli-Holstein, möchte ich die Therapie heute ungerne fortsetzten. Wir können sie zur Beobachtung stationär aufnehmen oder sie bekommen zwei weitere Antibiotika von uns und melden sich sofort, sollten sie Fieber kriegen. Ansonsten sehen wir uns Mittwoch zu einer weiteren Blutuntersuchung wieder.“

Etwas geknickt, dass die Therapie jetzt nicht wie geplant weiter geht, erleichtert heute nicht doch noch rosa Elefanten zu begegnen und gleichzeitig besorgt, dass mich ein richtiger Infekt erwischt haben könnte,  informiere ich Malte über die beiden Optionen. Er antwortet mir sofort, „was immer für dich das Beste ist!“ 

Ich möchte nach Hause und hoffe, dass es nur ein „Sommerregen“ ist! 

27.04.2018

Zu verstehen, was es heißt ein gutes Leben zu leben: Wenn die schönen Dinge nicht zu dir kommen, musst du dich eben auf den Weg machen und zu den schönen Dingen gehen!

Die letzten Nebenwirkungen des Antiallergikum-Cocktails haben mich vergangene Nacht erschöpft einschlafen lassen. Auf dem Weg in die Tagesklinik strahlt die Sonne und lässt die Blütenpracht leuchten. Ich atme die frische Morgenluft tief ein und genieße die wärmenden Strahlen in meinem Gesicht. Mit einem etwas mulmigen Gefühl betrete ich heute die Tagesklinik und natürlich sollte erst das Blutbild kontrolliert werden. Ich blicke in den Infusionsraum und da sitzt nur ein Patient, dennoch muss ich warten, da die eine Schwester heute alleine arbeitet. Dabei denke ich an die „Schnuggi’s“. Wie es ihr wohl geht? Sie war durch mit ihrer Chemotherapie und muss erstmal nur einmal wöchentlich in der Klinik erscheinen. Die beiden hätten mir das Warten jetzt verkürzt. 😉 Das Ergebnis der Blutwerte  interessiert mich aktuell wenig, dennoch erfahre ich, dass ich die nächsten zwei Tagen nicht darum herum komme, meinen Bauch zu piksen.

Dann kann ich endlich zu Frau Doktor. Sie lächelt mich an: „Frau Polli-Holstein, wir sind wirklich auf einem sehr guten Weg! Die Ergebnisse sind durchweg positiv und die Lymphome haben sich deutlich verkleinert!“ JA! Ein große Erleichterung macht sich breit und sofort blitzt ein kleiner Hoffnungsschimmer auf, dass ich vielleicht doch keine anschliessende Bestrahlung brauche?!? Doch durch das fortgeschrittene Stadium der Krankheit ist es leider unumgänglich. Somit geht es nach der achten Chemo-Runde für ca. 5 Wochen weiter zur täglich Bestrahlung – ob ich irgendwann im Dunkeln anfange zu leuchten… ?!? :-)))

Hoch motiviert gehe ich nach Hause, informiere die Liebsten und schmeiß mich in die Sportklamotten! Nils Prelle ist in den vergangenen Jahren zu unserem Family-Fitess-Trainer geworden. Sehr dankbar, dass er sich für uns einmal in der Woche abends die Zeit nimmt, versuche ich sowohl seine Ernährungstipps und das Workout eisern durchzuziehen!

Zum Frühstück Haferflocken und täglich mindestens 1,5 – 2 Liter Wasser trinken. Fünf mal pro Tag Obst und/oder Gemüse, dabei für die Blutbildung einmal wöchentlich eine gute Portion Brokkoli und Spinat. Abends eignen sich Nüsse und Trockenfrüchte zum Naschen.

Das Training beginnt mit einer Aufwärmübung, geht dann in Kniebeugen, Frauen-Liegestütze und Schulterblatt-Kraftübung mit dem Theraband über. Abschließend werden die Bauchmuskeln gestärkt und das Beste ist die kurze Mediation zur Entspannung oder zur Fokussierung der Heilung. Mindestens zweimal pro Woche soll ich das Workout machen – erledigt! Ich fühle mich danach einfach gut, so gar nicht krank und bin viel ausgeglichener!

Selbst wenn ich die täglichen fünf Portionen Obst/Gemüse mal nicht immer schaffe und der Verzicht auf zusätzlichen Zucker (Süssigkeiten) manchmal wirklich schwer fällt,  lohnt sich jedes einzelne Mal, wenn man sich daran hält!!! Und auch wenn das Thema Fitness für mich sehr vertraut ist, würde ich jederzeit zu einem Personal Trainer/in raten. Sie können dich beobachten, offene Fragen beantworten und vor allem motivieren!

25.04.2018

Gut Ding will Weile haben…

Das ist ein Spruch wie „Vorfreude ist die schönste Freude“ und das fordert meine gesamte, gebündelte Geduld, wovon ich nie sehr viel hatte! Dabei fällt es mir heute besonders schwer, denn nach einer gefühlten „Medikamenten-Überdosis“ für das CT am Montag, lag ich knapp 24 Stunden in einem wachkomaähnlichen Zustand auf dem Sofa, kaum in der Lage mich vernünftig zu artikulieren. Die Frage stand vor dem CT erst noch im Raum, ob ich das Antiallergikum wegen einer früheren, kleinen Reaktion auf das eingesetzte Kontrastmittel für das CT zwingend benötige. Man entschied sich trotz der Menge an Medikamenten, die ich zu mir nehme, auf „Nr. sicher“ zu gehen…

Dazu meldeten sich gestern Nachmittag wieder pünktlich die ersten Schmerzkrämpfe als Nebenwirkung der Chemotherapie an. ABER nicht mit mir! Mit voller Konzentration auf Ablenkung, zog ich meine Sportklamotten an und arbeitete mein knapp 30 Minuten-Workout durch! HA! Etwas vom Medikamentencocktail ausgeschwitzt und immerhin die Schmerzkrämpfe bis zum Abend in die Flucht geschlagen! 🙂

In der Nacht fühle ich mich an den Anfang der Erkrankung zurück versetzt. Ich bin aufgewühlt, tausend Gedanken flitzen mir durch den Kopf und diese Leere, dieses „nicht Greifbare“, lässt die Unruhe in mir nur schwer zur Ruhe kommen.

Durchgeschwitzt krieche ich heute morgen aus dem Bett, schleiche in die Küche um erst einmal einen knappen, halben Liter Wasser zu trinken. Die Müdigkeit weicht schnell der Neugierde auf die ersten Ergebnisse und weil es den geliebten Morgen-Kaffee erst später nach dem Medikamenten-Frühstück gibt, steuere ich gleich in’s Bad. Ein leichter Schwindel ermahnt mich langsam zu machen. Der Blick in den Spiegel verrät mir, dass ich ein wenig abgenommen habe – nicht viel, denn mein Appetit ist wirklich gut und Magen-Darm-Nebenwirkungen haben mich glücklicherweise bis heute nicht geplagt. Es sind immer noch Haare auf dem Kopf, sehr viel weniger, aber eine Vollglatzen-Trägerin bin ich nicht. Selbst meine Haut sieht noch einigermassen gesund und fast rosig aus. Ein „Gesicht aufmalen“ muss aber trotzdem sein! 😉

Auf der morgendlichen Hunde-Runde genieße ich diese leuchtend, frischen Farben der Natur, die einem jetzt überall begegnen. Eine herrliche, wunderschöne Jahreszeit in der das Leben wieder neu in jeder Pore der Sträucher, Bäume und Wiesen zu sehen und zu riechen ist. Egal ob es regnet oder die Sonne scheint!

„Blutentnahme und Besprechung CT“ steht also heute im Kalender und so stehe ich nach der Gassi-Runde pünktlich um 09:00 Uhr bei der Anmeldung der Tagesklinik. Die Blutwerte sind wie erwartet, nicht so berauschend, passen aber immer noch in den Rahmen ohne notwendige Transfusion. Bei der Nachfrage, ob ich gleich zu Frau Doktor zur Besprechung der Ergebnisse gehen kann, werde ich bitter enttäuscht. „Die Ergebnisse liegen leider noch nicht vor. Sie müssen am Freitag wiederkommen.“

Ja, ich weiss, „gut Ding…“ und „Vorfreude ist…“ und so weiter… ;-)))

21.04.2018

Geburtstage, Generationen, glückliche Momente genießen!

Ganz selten ist unsere ganze schweiz-deutsche Familie vereint. Nicht oft, aber ein paar mal pro Jahr, trifft sich die hanseatische „Mischpoke“, denn Anlässe wie Geburtstage, Feiertage oder auch einfach mal ein Familien-Treffen werden gebührend gefeiert, begoßen und genoßen! Heute war so ein Tag, ein Tag an dem man nichts verändern möchte, der besser nicht hätte sein können und an dem selbst das Wetter, wider erwartend, mitspielte. Umgeben von lieben Menschen, durchgehend gutem Essen, leckeren Getränke und Sonne satt –  Momente die einem die Seele streicheln, solange man es zulässt. 😉

Wir hatten schon viele schöne Feiern, manche bis spät in die Nacht, weil wir die Gelegenheit nutzen zu spielen, zu sprechen, zu ratschen und tratschen, bis die Augen zu schwer wurden und jeder wohlig in sein Bett- oder Gästebett schlüpfte. Der eine früher, der andere später, die einen im nahegelegenen Hotel, die anderen bei den Gastgebern. Immer mit dabei die Kinder, später noch zwei Hunde und meistens auch die Omis und Opis. Drei Generationen die gemeinsam das Leben und das Zusammenkommen der Familie feiern. Jeder bringt etwas mit, hilft und kümmert sich mit darum, dass alle nach Möglichkeit wunschlos glücklich sind.

Hinter jeder Feier steht ein Anlass und eine treibende Kraft die sagt, „wir laden ein!“. Knapp zwanzig Personen waren wir schon, heute nicht mehr ganz so viele – nicht nur weil die Vergänglichkeit „bereits“ gerufen hat, auch weil ein Generationenwechsel stattfindet, der Übergänge sichtbar und spürbar macht.

Beziehen wir unsere mitlerweilen großen Kinder genügend mit ein, um ihnen begreiflich zu machen, dass später, ohne ihre Tatkraft, die geliebten Traditionen nicht von alleine weitergeführte werden?

Natürlich haben längst nicht alle die gleichen Optionen und Möglichkeiten. Sei es finanziell, räumlich oder auch gesundheitlich. Doch ist es nicht genau das, was Familie ausmacht?! Sich auszutauschen, zu planen, organisieren um gemeinsam ein paar tolle Familienmomente im Jahr zu genießen?

Solche schönen Augenblicke, gerade weil sie nicht selbstverständlich sind, machen mich dankbar und heute sicherlich (etwas mehr als sonst) auch ein wenig wehmütiger. Morgen ist das erste CT seit der diagnostizierten Krebserkrankung und dem Beginn der Chemotherapie – am kommenden Mittwoch gibt es dann die Ergebnisse. Dabei die Ungewissheit, viele offene Fragen und das Schicksal, welches wir nicht beeinflussen können…

Und genau an dieser Stelle merken wir, wie wichtig auch die wenigen gemeinsamen Momente mit der ganzen Familie sind! Der Zusammenhalt einer „gepflegten“ Mehr-Generationen-Familie, von Freundschaften und der Gemeinschaft geben nicht nur Anlass zu feiern, sie geben Halt, Geborgenheit, Zuversicht und Liebe!

So gehe ich morgen mit einer positiven Energie in den neuen Tag und fange heute damit an, darüber nachzudenken, wie wir baldmöglichst die gesamte, deutsch-schweizer Mischpoke zusammen bringen!

 

18.04.2018

Oben-ohne-Zeit, Halbzeit & Dankeschön!

Die Oben-ohne-Saison ist eröffnet! Die Sonne mit den steigenden Temperaturen geben mir wieder neuen Elan. Aber vor allem die vielen, lieben Menschen, die mich auf meinem neuen Weg mit großartigen Nachrichten und Gesprächen begleiten und auch die nicht so schönen Momente mit mir teilen, sind eine tolle Unterstützung! Danke an alle, die diese Kraft besitzen, sich dem Leben zu stellen! Meine vierte Chemotherapie läuft und es ist nicht selbstverständlich, dass an Themen wie Krankheit, anders Aussehen und Vergänglichkeit, teilgenommen und sich damit auseinandergesetzt wird!

Bei diesem wunderschönen Wetter gibt es nun immer wieder neue Situationen, bei denen ich ohne Kopfbedeckung aus dem Haus gehe. Der Weg in die Tagesklinik, die Hunde-Runde oder der Einkauf bei REWE um die Ecke. Joshua sitzt im Auto neben mir, schaut mich von der Seite an und fragt: „Willst du so, also jetzt ohne Mütze, einkaufen gehen?“ Schon in der Tiefgarage spürte ich kurz seinen fragenden Blick und ich muss lächeln, „Ja!“ sag ich zu ihm, „das ist vielleicht anfangs etwas eigenartig, weil die Leute eventuell anders reagieren. Manche glotzen, andere schauen uns voller Mitleid an und einige meiden den Blickkontakt.“ Mir ist bewusst, dass solche Situationen für einen bald fünfzehn Jährigen nicht ganz leicht sind. Also versuche ich die Stimmung etwas aufzulockern. „Wollen wir wetten, ob uns jemand aus Mitleid an der Kasse vor lässt?“ Wir lachen beide und ich weiß, dass er dieses Einkaufen mit der Coolnes eines Pupertieres durchziehen wird.

Dabei erzähle ich Joshua, dass ich vor ca. zehn Jahren, während unseres Städte-Trips nach Berlin, in einem großen Einkaufszentrum auf Toilette musste. Die Warteschlange war natürlich lang, doch die nette Reinigungskraft winkte mich freundlich zum Behinderten-Klo. Freudig nahm ich das Angebot an und bedankte mich bei ihr. Auf dem Weg zum Waschbecken hörte ich, wie ein junges Mädel, mit etwas zu viel Schminke und quiekiger Stimme fragt: „Darf auch dieses Klo benutzen?“ Und die Reinigungsdame ihr erklärt: „Nein, das ist nur für alte und behinderte Menschen!“ Na, DANKESCHÖÖÖN! Joshua und ich lachen herzhaft darüber und ich bin so stolz auf meinen großen, tapferen Jungen!

PS: Die Wette mussten wir verschieben, es gab keine Warteschlange bei REWE.

 

16.04.2018

Kurz vor der Halbzeit-Krise

Wenn ich wünschen könnte, wäre eine kurze Pause von der Krankheit jetzt ganz schön! Körperlich hat mich die dritte Chemotherapie leider viel Kraft gekostet. Auf einen Schlag wird mir schnell schwindelig, plötzlich auftretende Schweißausbrüche, viele Dinge fallen mir auf einmal schwer,  die ich vor einigen Tagen noch einfach gemacht habe. Das nervt und schlägt mir auf die Stimmung!  Es ist fast so, als ob jemand in mir auf den Knopf „traurig“ gedrückt hat. Ich habe einen Durchhänger, bin lustlos, leicht reizbar und entsprechend schlecht gelaunt – oder kriege ich vielleicht auch noch die Wechseljahre?!? Mit knapp 48  (gefühlten 28) fühle ich mich spontan noch nicht bereit dazu! Allerdings wäre es durch die Chemotherapie durchaus möglich: Hitze, Zicken, Zanken, Müde, Prüde, Psycho! 😉

Obendrein ist das erstes CT, seit Beginn der Chemotherapie, bald fällig und das macht mich zusätzlich nervös. Immer wieder geht mir durch den Kopf, „hat die Therapie die gewünschte Wirkung und was ist wenn nicht?“ Der Gedanke an meine Lieben lässt mich natürlich nach vorne schauen und kämpfen. Ein Wort welches ich, durch den Zusammenhang mit Krieg, Waffen und Gewalt, für meinen Weg wieder gesund zu werden, nicht unbedingt verwenden wollte. Aber je schwächer der Körper wird, je schwerer die täglichen Dinge fallen, je mehr wird daraus nun doch auch ein gefühltes kämpfen. Ja, und da sind sie wieder, die alten Bekannten, die sich einschleichen, um ein mieses Gefühl zu hinterlassen, die Ängste…

Doch da werde ich von meiner ehemaligen Krankenzimmer-Mitbewohnerin an etwas wichtiges erinnert: Was sagen wir in solchen Situationen? „Fuck it! Lossagen, entspannen und glücklich sein!“ 🙂 Danke Mandy!

Um wieder positiv zu sein und auch zu bleiben, hilft es ja auch, sich etwas Gutes zu tun. Also nehme ich ein schönes Schaumbad, mache ein leckeres Omelett mit Spinat (wg. Blutbildung und so)  und knuddeln mit einer dicke Umarmung mein Pupertier!

 

 

12.04.2018

Warum wir unglücklich sein müssen oder wann haben wir angefangen uns grundsätzlich scheiße zu finden?!?

Ich glaube wirklich JEDE Frau hat an ihrem Körper etwas auszusetzen und die Anzahl der Männer, die etwas an ihrem Äusseren verändern möchten, ist sicherlich steigend.  Wir sind mit uns unzufrieden und unglücklich, aber warum ist das so?

Weil wir in dem Glauben feststecken, dass wir durch Konsum glücklich werden und die Werbung tut ihren Rest dazu! Wir denken tatsächlich „ich konsumiere also bin ich“. Der Wert etwas Selbst-gemachtes hat längst durch die Ersetzbarkeit verloren. Und da wir es uns leisten können, kaufen wir uns das kurze Glück in Form von Klamotten, Essen, Handies, Kosmetik, Autos und, und, und werden dabei doch nicht glücklich.

So funktioniert also unsere Wirtschaft, die durch unser Unglück weiter wächst und gedeiht, denn zufriedene, glückliche Menschen haben nicht das Bedürfnis wie ein Junkie zu konsumieren.  Doch was können wir ändern? Kannst du dir vorstellen nicht mehr in den Urlaub zu fliegen? Zu Weihnachten mal nur Gebasteltes zu verschenken oder ein Jahr lang mal keine Klamotten zu shoppen?

Sind wir wirklich zu schwach Dinge, die wir eigentlich als schlecht für uns erkennen, aus unserem Leben weg zu lassen? Ich für meinen Teil kann sagen, ja, sehr oft! Mein Gehirn hat mir mit der Hilfe von Werbung vorgegaukelt, dass Essen (Süssigkeiten, Fastfood, ect.), ein Vertrag im Fitness-Studio,  neue Kleidung und teure Kosmetika eine Belohnung für das viele Arbeiten und der Schlüssel zu einem glücklicheren Lebensgefühl sind… dabei wissen wir alle, das ist totaler Quatsch!

Also bitte lasst uns doch mal darüber sprechen, dass es völlig ok ist, wenn wir mal frustriert sind. Dass wir auch mal neidisch oder vielleicht wütend über den Verlust einer Hose sind, weil sie im Trockner eingelaufen ist. Wer hat denn erzählt, dass das Leben immer super easy, schön und rosarot ist?

Frust auch mal auszuhalten und die Erfahrung zu machen, dass ein mieses Gefühl auch ohne großes Drama und vor allem auch ohne Konsum auch wieder weg geht, ist doch wichtig! Das ist doch unser Ansporn etwas zu verbessern, verändern und/oder weiter zu kommen.

Weder das Leben noch wir Menschen sind perfekt. Wir sollten lieber wieder lernen eine eigene Meinung und eine Persönlichkeit zu entwickeln, in dem wir, ohne andere zu bewerten, für uns ein Leben mit Werten leben.

 

 

10.04.2018

Farbenfrohe Welt

Die Hamburger Krebsgesellschaft e.V. bietet in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS Life monatlich ein kostenloses Kosmetikseminar für Frauen an, die sich gerade in einer Chemo- oder Strahlentherapie befinden. Weil gutes Aussehen das Selbstwertgefühl stärkt, verbessert es auch die Lebensqualität!
Durch die Folgen der Therapie fallen vielen Patientinnen nicht nur Haare, Augenbrauen und Wimpern aus, oft wird die Haut sehr trocken, rissig oder hat gerötete Stellen.  Der Hautton kann gräulich schimmern und dunkle Schatten unter den Augen sind natürlich auch keine Seltenheit – man sieht krank aus.

Schon im Krankenhaus habe ich mich für den heutigen Kurs angemeldet. Schliesslich bin ich Anfängerin in Sachen „Krebs“ und wusste nicht wie ich im laufe der Chemotherapie aussehen würde.

Eine Viertelstunde vor Kursbeginn biege ich mit meinem Mini  in die Straße der angegebenen Adresse ein. Mitten in Hamburg, in einem Wohngebiet und in einer Einbahnstraße. Das bedeutet trotz eines kleineren Autos, schlechte Aussichten für einen ordnungsgemäßen Parkplatz innerhalb von fünf Gehminuten. Nachdem ich bereits eine zusätzliche Parkplatz-Runde ohne Erfolg gedreht habe, stelle ich mich gegenüber des Veranstaltungsortes auf die Straße. Es ist kein Parkverbot, aber vielleicht etwas eng…?

Wir sind zwölf Teilnehmerinnen zwischen vierzig und sechzig Jahre alt, die meisten tragen eine  Perücke und alle freuen sich darauf, danach besser auszusehen und sich hübscher zu fühlen. Zwei Frauen scheinen sich bereits zu kennen, wir anderen grüßen kurz in die Runde und suchen uns einen freien Platz aus. Die Stimmung ist gut, etwas zurückhaltend und lockert sich leider nicht wirklich nach der kurzen Vorstellung der Kosmetikerin auf. Die Kursdauer von zwei Stunden ist dafür vermutlich einfach zu kurz.

Jede Teilnehmerin erhält eine Tasche mit einer Auswahl der notwendigen Kosmetikprodukte. Reinigung, Tagescreme, Lidschatten, Lippenstift, Make-up, Rouge, etc. Auch wenn vielleicht nicht alle Farben zu jedem passen, es ist ein wirklich tolles Geschenk! Mir gefällt vor allem das bunte Multifunktionstuch, weil das so leicht und simpel in der Anwendung ist und einfach tolle Sommerfarben hat.

Als etwas später eine Mitarbeiterin der Krebsgesellschaft im Raum verkündet, dass die Polizei gerade Autos an der Straße kontrolliert, ist das mein Stichwort! Halb geschminkt mit buntem Tuch auf dem Kopf husche ich raus, direkt auf die Beamten zu. „Ist wohl doch kein so idealer Parkplatz?“ frage ich vorsichtig. „Welcher ist den ihrer?“, will einer der Polizisten wissen und ich zeige auf meinen Mini. „Nun, seit wann stehen sie denn hier und parkten die anderen Autos, parallel zu ihrem, zu diesem Zeitpunkt bereits da?“ Ich antworte ihm wahrheitsgetreu, entschuldige mich und dann komme ich mit einer mündlichen Verwarnung davon. Kurz frage ich mich, ob es bei der Verwarnung geblieben ist, weil der Mindestabstand wirklich nur geringfügig unterschritten war oder….  egal!

Am Ende des Schminkkurses informiert noch eine Perückenspezialistin, worauf bei der Auswahl und Pflege von Perücken geachtet werden sollte. Die Krankenkassen übernehmen einen Großteil der Kosten für eine Perücke, die gerne um die Euro 500,00 kosten kann. Für mich ist eine Perücke bis heute kein Thema. Mit der Abwechslung von Tüchern, Mützen oder auch mal „oben ohne“ fühle ich mich wohl und nicht verkleidet.

PS: Warum ist dieser Kurs eigentlich nur für Frauen?

07.04.2018

Bunter Hund

Meine dritte Chemotherapie ist pünktlich zum Wochenende durch und ich fühle mich ganz ok! Die üblichen kleinen Nebenwirkungen sind da, aber wirklich nicht erwähnenswert und in knapp zwei Wochen ist schon „Bergfest“!

Bis auf den Tag mit den vier Infusionen gehe ich mindestens zwei mal täglich mit Fido raus. Ok, mit Sport hat das nicht wirklich etwas zu tun, aber ich glaube es unterstützt mein Immunsystem, bei der Verarbeitung der ständigen Veränderungen meines Organismus, sehr gut. Eine regelmäßige Bauchatmung an der frischen Luft, die Bewegung und auch der Kontakt zu den anderen Hundehalter/innen ist eine unterstützende Regenerierung die mir Spaß macht! Selbst mein Göttergatte Malte hat etwas davon! Da mein, wie er es nennt, „gesteigertes Mitteilungsbedürfnis“  am Abend oft gestillt ist. 🙂

Weil die meisten Hunde gerne Kotakt zu den anderen Vierbeinern aufnehmen, sind wir  Frauchen und Herrchen untereinander oft schon gut bekannt. Gemäß Malte bin ich  in der Nachbarschaft (und dies auch schon vor meiner Erkrankung) bekannt wie ein bunter Hund. Es ist doch eigentlich schön eine gute und hilfsbereite Nachbarschaft zu pflegen. Diese steigende Anonymität durch die Digitalisierung mag vielleicht manchmal ganz bequem sein, aber wirklich schön ist es doch, wenn man Erlebnisse und Dinge mit Anderen teilen kann! Nur ein Haus weiter beispielsweise lebt eine Drei-Generationen-Familie mit drei Hunden: Schäfermischlings-Opa Puma, Dackeldame Elli und der pubertierende Bernhadiener Günter, der jetzt schon so groß wie ein kleines Pony ist. Sein Wesen und vor allem sein Blick jedoch lassen eine etwas kleinere Kugel in seinem riesigen Kopf vermuten. Jede Fellnase bleibt da stehen – also wird geschnüffelt, gepinkelt und wenn’s passt auch gequatscht.

Heute im Park treffen Fido und ich mal wieder „seine“ Lieblings-Mädels mit ihren Besitzerinnen Tina und Ulrike an. Die Freude ist groß und wir gehen, wie üblich, als Rudel gemeinsam weiter.  Ulrike hat erst Ende des vergangenen Jahres ihren Mann mit sechzig Jahren an Krebs verloren und Tina ist eine quirlige Mittvierzigerin, die mich gleich fragt: „Sag mal, hast du etwas mit deinen Haaren gemacht?“ Da ich den hier funktionierenden Nachbarsfunk kenne, gehe ich davon aus, dass meine Erkrankung allgemein bekannt ist. Lächelnd nehme meine Mütze ab – und ihre Mimik spricht Bände! Beide hatten noch keine Ahnung! In einer Sekunde sehe ich in ihren Augen Erschrecken, Überraschung, Mitleid und Neugierde. Das tut mir jetzt beinahe leid: „Ich ging davon aus, dass ihr davon schon gehört habt: ich bin leider an Krebs erkrankt.“ Nur einen ganz kurzen Moment fällt es mir nicht ganz so leicht tapfer zu bleiben, doch gleich mit dem Aufsetzten der Mütze hebe ich meinen Kopf, richte den Blick nach vorne und wir gehend quatschend, lachend und tröstend weiter als Rudel unsere Hunde-Runde!

05.04.2018

„Ich atme ein“

Die gestrige Lieferung der Infusionen an die Tagesklinik hatten eine Verspätung von gut 2 Stunden, die ich mit schreiben, Musik hören und etwas quatschen überbrückte. Ja, dieser Heilungsauftrag, den ich mir da geangelt habe, ist kein „Halbtagsjob“ und fordert teilweise viel Geduld. Eine Eigenschaft, die bis heute nicht wirklich zu meinen Stärken gehört. Kaum waren die Infusionen da, haben sich die Schwestern ordentlich ins Zeug gelegt und mir vier Cocktails innerhalb von drei Stunden eingeflößt – das ist neuer Rekord!

Mit einem leicht lauen Magen- und Gesamtgefühl schlenderte ich anschließend mit plus drei Kilo Körpergewicht nach Hause. Selbst wenn ich bei meinem Lieblings-Italiener nach drei Tagen Fasten essen gehe, würde ich das nicht schaffen! 😉

Malte hatte Fido (der immer noch ziemlich Frühlingsgefühl verwirrte Hund 😉 ) mit bei der Arbeit und die Wiedersehensfreude nach einem ganzen Tag war überschwänglich und voller Liebe (natürlich auch bei meinem Mann :-)) ). Fido lächelt, wenn er sich so freut – von uns Menschen abgeschaut, zieht er die Lefzen hoch und grinst über die ganze Schnauze! Das ist zum Knutschen – darf ich aber nicht. 

Abends überkommt mich dann doch noch eine leichte Übelkeit. Also lege ich mich schlafen, um heute morgen ein aufgedunsenes und total verquollenes Gesicht im Spiegel zu betrachten. Herrjeh, wie hab ich mich in den vergangenen zwei Monaten verändert… dabei muss ich an eine Bemerkung von Malte denken, die er kürzlich, morgens zu mir sagte: „Schatz, ich hätte nicht gedacht, dass ICH das einmal zu DIR sagen würde, aber ich hab heute früh mal ein paar Stoppeln im Badezimmer weggemacht.“ Unweigerlich fuhr ich mir mit der Hand über meinen Kopf und wir lachten uns die Sorgen von der Seele! Also schmunzel ich mir in mein verquollenes Gesicht und wasche es trotzdem!

Als ich heute zum Chemotag 3.2  gegen 10:30 Uhr in der Tagesklinik starte, ist der Infusionsraum fast voll. Ich schau mich um und stelle fest: nur ein einziger Platz ist noch frei und meine Stimmung sinkt unweigerlich, denn ich muss  mich neben die etwas unangenehme „Rülps- und Husten-Bekanntschaft“ von vor zwei Tagen setzten! Hilfesuchend schaue ich mich nochmal um – nichts zu machen und dabei fällt mir zusätzlich auf, dass einige Patienten noch „unangestöpselt“ sind.  Da muss wohl wieder mit zusätzlicher Wartezeit gerechnet werden… genau in diesem Moment erinnere ich mich an den so treffenden Refrain eines Songs von einem der besten, deutschen Swing, Jazz & Soul Sänger, der leider viel zu früh gehen musste. Roger Cicero´s „Ich atme ein, ich atme aus ich setze ein Fuß vor den anderen…“