30.09.2018

Wenn du dir nach einer unruhigen Nacht fröstelnd die Decke bis unters Kinn ziehst und denkst „jetzt kann ich schlafen“, doch drei Minuten später der Wecker klingelt…
Unsicher, ob ich froh darüber bin, dass das Drehen und Wenden ein Ende hat oder ich schlicht hundemüde lieber noch etwas im Bett bleibe möchte, entscheide mich für die erste Variante und krieche aus dem Bett. Schließlich will der Therapieplan noch vor acht Uhr abgeholt werden… und tatsächlich findet gleich nach dem Frühstück die Einweisung für das autogene Training bereits statt.
Hier geht es um Entspannung und das bewusste „Zeit für sich nehmen“, um in stressigen Alltags-Situationen wieder ruhiger zu werden oder ruhig zu bleiben und um sich damit etwas Gutes zu tun. Das und vor allem einmal etwas ALLEINE zu machen ist das ausgesprochene Therapieziel einer über achtzig jährigen Dame in dieser Gruppe. Sie erzählt: „Wissen sie, ich bin 52 Jahre (!!!) verheiratet. Ich möchte mal was für mich machen, doch mein Mann sagt ständig, „Schätzelein, komm mal her, setz dich zu mir auf‘s Sofa und wir entspannen zusammen.“ Doch das kann ich nicht und darum habe ich ihm auch verboten mich täglich hier in der Reha anzurufen, damit ich einfach mal für sich sein kann.“
Dass diese Problematik jetzt nicht direkt mit autogenem Training zu tun hat, räumt sie in ihrer Erzählung ein. Sie musste es wohl einfach mal los werden.  Ich bin mal gespannt, ob Schätzelein es schafft, in den kommenden Trainings ihren Gatten nicht mit einzubringen.😊
Für die ersten praktischen Übungen bleiben wir sitzen. Das kommt mir ehrlich gesagt sehr entgegen. Denn gefühlt habe ich kaum geschlafen und würde im Liegen mit Sicherheit bald wegdösen. 20 Minuten lausche ich der Stimme der Trainerin und versuche mir einzureden, dass meine Glieder schön schwer und wohlig warm sind. Zwar empfinde ich keine Wärme, aber zum Ende des Trainings bin ich entspannt und nehme die Hausaufgaben entgegen.  Beim Blick darauf und auf meinen frischen Therapieplan frage ich mich, wie oft ich wohl Zeit zum Üben haben werde. Doch was nützt es, wenn wir uns die Zeit  nicht nehmen? Nicht nur die Muskeln müssen lernen los zu lassen, auch im Kopf müssen wir uns von dem Druck, alles perfekt zu machen, immer pünktlich zu sein oder als Partner immer zur Stelle zu stehen, lösen können.
Später, nach einem Informationsvortrag betreffend den Buffet-Menues, der Atem-Gruppe und dem Nordic-Walking, treffe ich wieder auf eine Bekannte von der ärztlichen Aufnahme. Ingrid ist in meinem Alter, hat eine King Cavalier Hündin und tritt nach ihrer Darmkrebserkrankung jetzt ihre zweiten Reha in dieser Klinik an. Während ihrer ersten Zeit nach der Operation und der Chemotherapie wurde ihr gesagt, dass sie von den über 250 Gästen hier zu den zwanzig gehört, die es wohl am schlimmsten getroffen hat. Doch jetzt sitzt sie strahlend neben mir und erholt sich weiter von ihrer Erkrankung. Tatsächlich ist das nicht ihre erste Krebserkrankung: Mit neunundzwanzig Jahren war sie bereits an Eierstock-Krebs erkrankt. Sie ist also eine wahre Überlebenskünstlerin, die, wie sie schmunzelnd meint, nach den Operationen mittlerweile Platz für eine Fußballmannschaft im Bauchraum hat. 😉
Ingrid hat im Gegensatz zu mir und vielen anderen Frauen hier schon wieder längere Haare und das ist teilweise echt eigenartig ,wenn ich durch den Essens-Saal gehe und eine Friesen-Sister nach der anderen grüße.😊

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