25.01.2019 Entlassungsuntersuchung – wtf!

Dass ich heute, ein halbes Jahr nach meiner letzten Chemo-Runde, eine bessere, körperliche Fitness besitze als vor der Krebserkrankung, verdanke ich in erster Linie Nils – unserem Personal Trainer, meinem Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Viele Mitpatienten fangen jetzt erst an langsam wieder Kraft aufzubauen und mobiler zu werden. Um so mehr überraschte mich mein Blutdruck. Vom ersten Tag an hatte ich seit langem wieder erhöhte Werte, so dass ich eine Woche nach der Anreise bei der Visite mein früheres Medikament wieder verordnet bekam. Noch überraschter war ich, als mich die Schwester zwei Tage später darüber informierte, dass der Doktor mir noch ein weiteres Medikament verschrieben hat, welches ich bitte ab sofort zusätzlich nehmen sollte. Gesagt, getan und ich mass weiter täglich meinen Blutdruck zur Kontrolle. Mein wichtigstes Ziel, im Bereich meiner Rezidiv Ängste gestärkt zu werden, ist leider nur ansatzweise erreicht. Der Vortrag über dieses Thema war gut, doch die Psychologin, mit der ich ein Kennlerngespräch hatte, ist anschließend erkrankt und diese Einzeltermine werden nicht nachgeholt. „Schade“, aber da hab ich wohl einfach Pech gehabt. Somit liegt das Gewicht meiner Reha wieder bei Sport und Entspannung. Als ich gestern den Plan für heute erhielt, steht da bereits die Entlassungsuntersuchung für 09:30 Uhr drin. Ok, eine Aufnahmeuntersuchung, eine Visite und die Entlassungsuntersuchung ist wenig für eine Rehabilitation, aber ich nehme es positiv. Anscheinend sind Blutwerte, Fitness und Allgemeinzustand schon so gut, dass weitere Untersuchungen nicht notwendig sind!

Dass es hier mit rund 260 Patient/innen auch ein wenig an Massenabfertigung erinnert, nehme ich mit Verständnis hin. Der Arzt kommt während der Untersuchung schnell zur Sache, fragt wie es mir geht und ob die Therapien für mich passend sind. Den Ausfall der Psychologin bedauert er auch und als ich ihn auf meine Blutdruckwerte anspreche schaut er erst auf die Messwerte. Ich frage, warum ich so kurzfristig gleich ein zweites Medikament verschrieben bekommen habe und da gerät Herr Doktor ins stocken. „Wer hat das denn veranlasst, diese Präparate darf man gar nicht zusammen verschreiben.“ Etwas ungläubig schaue ihn ihn an, „wie bitte?“ „Ja, das tut mir jetzt leid, das hätte so nicht passieren dürfen. Nehmen Sie ab morgen das zweite Medikament einfach nicht mehr.“ Erst jetzt wird mir klar, warum ich in den vergangen Tagen ein Ohrensausen bemerkte, was ich sonst nicht kannte. Die Zeit bleibt ja nicht stehen, also legt der Herr Docktor schonmal die Unterlagen zusammen und schließt die Mappe. „Ähm, ich war gestern noch für die Sozialberatung betreffend den Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) eingetragen. Die Beraterin erklärte, dass nur Patienten, die dafür in Frage kommen, für diesen Termin vorgesehen sind . Können sie nun eine Empfehlung dafür aussprechen?“ Er schaut in die Unterlagen und ohne hochzusehen höre ich, „nein, das geht leider nicht, da sie als Bürokauffrau auf jeden Fall wieder arbeiten können.“ Ich schaue ihn weiter ungläubig an. „Das weiß und will  ich auch, doch um meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit Ende vierzig  und nach einer Krebserkrankung zu erhöhen,  wäre diese Maßnahme sehr hilfreich. Ganz zu schweigen davon, dass ich nach dreizehn Monaten Selbständigkeit also durch jedes Raster unseres Sozialsystems falle: kein Krankentaggeld aber gleichbleibende, monatliche Krankenkassenbeiträge, kein Arbeitslosengeld, kein Übergangsgeld, keine Berufsunfähigkeitsrente, keine Wiedereingliederung – einfach rein gar nichts.“ Während ich dem Weißkittel also versuche klar zu machen, wie wichtig das für mich wäre, ist er auch schon von seinem Schreibtisch aufgestanden und Richtung Tür gegangen. Beim Verlassen des Arztzimmers höre ich noch, „das ist unglücklich, da können wir leider auch nicht helfen. Alles Gute.“ Ich bin kurz davor ihm den Mittelfinger zu zeigen! (Nicht weil er Schuld hat, nur weil er grad da steht.) Fakt ist also, dass ich aus rein medizinischer Sicht vielleicht als Hundefriseurin wieder arbeiten könnte (je nach Immunwerte im Blut) und wenn doch nicht, dann sicher als Bürokauffrau. Und weil ich nur zwei Jahre aus dem Bürojob raus bin, reicht das leider auch nicht für eine LTA Leistungen.  Und das alles, obwohl ich bis auf die drei Monate nach der Geburt IMMER gearbeitet, Steuern und Sozialabgaben bezahlt habe.

Wer mich kennt und/oder meinen Blog ein wenig verfolgt weiß, ich bin ein sehr positiver und optimistischer Mensch. Aber eine gesunde Portion Realität gehört dazu. Dabei sind das ausschließlich meine Erfahrungen und es bleibt zu hoffen, dass es bei ganz vielen anderen Betroffenen wesentlich glücklicher und besser verläuft! Natürlich könnten wir auch noch eine Weiterbildung für meine Englisch- und Softwarekenntnisse mit dem Gehalt meines Mannes finanziell irgendwie verkraften. Doch soll das wirklich Sinn und Zweck des Ganzen sein? Wenn man plötzlich schwer erkrankt und froh sein kann noch am Leben zu sein? Einige mögen jetzt gerne denken „selber schuld“, „hätte ja die frühere Anstellung nicht kündigen müssen“ oder „jeder der arbeiten möchte, kriegt auch Arbeit“. Das mag vielleicht zutreffen, (es ist immer leicht beurteilt, solange man selber nicht betroffen ist). Doch die Freiheit Dinge zu tun, die zu einem passen oder für die man brennt, die Freiheit als Mutter vielleicht mehr Zeit mit seinem Kind als bei der Arbeit zu verbringen oder die Freiheit Unternehmer zu werden, wird uns immer mehr genommen. Denn die Beiträge müssen bezahlt, doch die Verantwortung soll im Bedarfsfall möglichst nicht übernommen werden. Egal aus welchem Grund.

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