20.02.2018

Erster Tag im Krankenhaus

Blutdruckmessen und Fiebermessen, Frühstück fällt aus, es steht ja die Ultraschall-Magenspiegelung an. Also frisch machen, Zähneputzen und um 08:30 Uhr sitze ich erwartungsvoll auf dem Bett. Es kann losgehen, mit positiven Gedanken, dass alles gut werden wird sitze ich da und – warte. Mein Bauch blubbert weiter wie seit Wochen geräuschvoll vor sich her, aber das ist ja auch schon alles. Ich fühle mich sonst gut. Gegen 12.30 Uhr kommt dann das Mittagessen und auch mir wird das Tablett an den Platz gestellt. „Äh, wie jetzt, ich warte doch auf die Magenspiegelung, ich darf doch nicht essen!?!“ Schwester Petra informiert mich kurz darüber, dass ich gemäß Krankenakte essen darf und wünscht mir einen guten Appetit. Erst verunsichert lasse ich mir die vier Stückchen Hähnchen mit Mörchen und Kartoffeln schmecken.

Plötzlich kommt ein netter, junger Pfleger zu mir. „Ich soll sie zum CT abholen.“ Hmm, wie jetzt? Doch keine Magenspiegelung?“ Nach der Warterei macht sich langsam Ärger in mir breit. Die Aufklärung findet dann kurz vor dem CT statt. Es soll auch noch die Brust und der Halsbereich gescannt werden. Gut dass ich doch etwas gegessen habe! Nach dem CT vom Vortag hatte ich durch das Kontrastmittel eine leichte, allergische Reaktion. Nur eine Pustel an einer Stelle hinter dem Ohr. Doch um sicher zu gehen wird mir jetzt, für diese zweite Untersuchung, vorab ein Antiallergikum verabreicht. Bis die Wirkung einsetzt und es losgehen kann müssen wir nur nochmal etwas warten.

Ich bin nervös, mein Herz klopft schon wieder wie wild. „Sie haben aber keine Herzrythmusstörungen oder Herzrasen“ fragt die Schwester. „Nein, eigentlich nicht.“ Als es dann losgeht springt mir mein Herz fast aus dem Hals, schon kommt die Ansage durch den Lautsprecher „bitte einatmen und… „ „Hallo?!?“, stottere ich, „kann ich noch was sagen?“ Zwei Sekunden später steht die Schwester neben mir und fragt freundlich wie sie helfen kann. „Ich wollte nur sagen dass mein Herz so rast, ich bin so aufgeregt!“ Sie beruhigt mich, hat Verständnis und sagt, dass das völlig normal ist. Ok, ich fühl mich besser, das musste ich loswerden. Es ist ein wirklich komisches Gefühl, wenn das Kontrastmittel sich durch die Venen mit einer Wärme durch den Körper verteilt. Ist aber wirklich nicht schlimm!

Kaum runter von der Liege, informiert mich der Arzthelfer darüber, dass ich gleich weiter zur geplanten Ultraschall-Magenspiegelung gehen kann. „Ein Stockwerk höher, rechts, links, geradeaus und da sind sie schon.“ Das klappt vielleicht bei jemandem mit einem guten Orientierungssinn, ich brauchte dafür einen zweiten Anlauf. Aber ich bin ja fit, gut zu Fuß und kurze Zeit später in der richtigen Abteilung angekommen. Brav melde ich mich mit meiner Krankenakte bei der Dame an der Anmeldung, die freundlich aber doch erstaunt, nach meinem Bett fragt. „Na, ich geh mal davon aus, dass es noch in meinem Zimmer steht.“ Die Gute schaut ein wenig überrascht, wollte sich dann aber darum kümmern, dass ich nach der Untersuchung wieder in mein bequemes Bettchen steigen kann. Auf der Behandlungsliege soll ich es mir bequem machen und ein wirklich freundlicher Arzt erklärt mir genau was gemacht werden soll. Vorsichtig wird mir ein Beissring in den Mund gelegt, dann eine kleine Spritze in die Kanüle, die mir schon am Vortag gelegt wurde und weg war ich.

Nach dem Aufwachen erzählt mir der Arzt genau was er an den Ultraschallbilder, die jetzt noch gemacht werden, sieht. „Im Oberbauch, Achselhöhlen, Schilddrüse und Hals sind die Lymphknoten vergrößert, die Milz ebenfalls. Um mehr über das Gewebe zu erfahren, muss eine Punktion durchgeführt werden. Ein winzig kleiner Eingriff. Wo genau punktiert wird, bespreche ich nochmal mit dem Chefarzt der Onkologie.“ Ich lächle leicht verkrampft – „alles klar, vielen Dank“.

In der Zwischenzeit wurde mein Bett heran gerollt, ich steige um und werde im Abholraum abgestellt. Keine Ahnung warum ich in diesem Moment fast tiefenentspannt bin. Ob es an der ruhigen Art des Arztes, mit dieser Selbstverständlichkeit und Zuversicht, dem Schlafmittel oder einfach daran lag, dass ich froh war die Untersuchungen hinter mir zu haben. Dann schießt es mir durch den Kopf. Wann sollten die Ergebnisse vorliegen? Wann wird die Punktion durchgeführt und wann und wie erfahre ich davon? Abwarten!

Was sind diese technischen Kommunikationsmöglichkeiten für eine tolle Sache! Fast Tag für Tag muss ich Kunden über meine Abwesenheit informieren, ohne einen konkreten Ersatztermin anbieten zu können. Da meine emotionale Achterbahn weiter anhält, erledige ich das per WhatsApp oder SMS. Der Infotext lautet:

„Hallo, leider bin ich zur Zeit im Krankenhaus und werde voraussichtlich auch die nächsten 2-3 Tage hier bleiben müssen. Aus diesem Grunde muss ich den Termin zur Fellpflege ihres Hundes leider absagen und kann zu diesem Zeitpunkt auch keinen Ersatztermin anbieten. Wenn Sie mögen melden sie sich gerne nächste Woche nochmal bei mir. Herzliche Grüße, Ihre Hundefriseurin!“

Wenn ich wieder loslegen kann, schaffe ich es unmöglich alle Stamm- und Neukunden zurück zu rufen und darüber zu informieren. Denn Kundenkontakte kann ich meist nur morgens und abends durchführen. Während dem Frisieren von Hunden oder Katzen mit scharfem Werkzeug, bin ich so konzentriert, dass ich keine Anrufe annehme.

Abends bei der Kurzvisite informiert mich der neue Stationsarzt ein wenig zögerlich über die ersten, groben Befunde. „Anhand der ersten, vorübergehenden Ergebnisse ist klar, dass etwas nicht gutes in ihrem Körper passiert. Es betrifft vermutlich das Blut und auf den ersten Blick die Lymphen sowie die Milz. Es gibt da verschiedene Krankheitsbilder, wir müssen jetzt aber nicht gleich von Leukämie ausgehen, eher eine Lymphale Erkrankung, die im besten Fall auch mit Chemotherapie heilbar ist. Die Punktion ist für morgen geplant und dann sehen wir weiter. Machen sie sich jetzt nicht zu viele Sogen.“ Er legt mir wieder ein neues Informationsformular mit der Einverständniserklärung hin und verabschiedet sich freundlich.

Diese Leere, diese Hilflosigkeit, diese tiefe Traurigkeit umgibt mich in einer Schwere, dass ich nur auf dem Bett liege und weine.

Als meine beiden Jungs mich gegen 20:00 Uhr noch kurz besuchen gehen wir mal in den Besucherraum neben den Fahrstühlen. Der Raum besitzt den Charme eines Autobahnklo´s, riecht aber nicht so streng… Wir lächeln uns an, drücken uns und erzählen, was tagsüber so geschehen ist. Beruhigt höre ich wie gut Josh seinen Alltag in der Schule meistert und nun verlässlich seine Aufgaben im Haushalt wahrnimmt. 😉 Auch im Büro-Alltag mit Fido läuft es ganz gut und Malte ist mein Held, weil er es schafft, dass ich mir keine Sorgen um Zuhause mache.

Mit einem dicken Klos im Hals muss ich ihnen erzählen, dass die ersten Befunde in Richtung Krebs gehen, eine Chemotherapie schon beinah sicher ist, aber natürlich die endgültige Ergebnisse noch abzuwarten sind! Wir halten uns die Hände und wir alle drei weinen dabei stille, aber bittere Tränen der Angst und Ungewissheit.

Vor dem Einschlafen überkommen mich wieder diese Bilder verschiedenster Szenerien in Zusammenhang mit meiner Erkrankung, inklusive einer kurzen Panik, die ich aber schnell mit atmen in den Griff kriege. Gute Nacht liebe Welt, ich brauche die Kraft für morgen.

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