11.07.2018

Zwischen zwei Stühlen hin und her gerissen… Bei der Blutkontrolle erhalte ich grünes Licht. Eine Transfusion ist nicht notwendig, auch wenn die Anzahl der roten Blutkörperchen einen erwachsenen Mann unter den Tisch fallen lassen würde.😉 Mein Körper hat sich langsam daran gewöhnt, wobei ich mich durchaus noch besser fühlen könnte. Der Tag ist noch jung und wir fahren auf’s Land zu meiner Mama. Leider geht es ihr heute nicht gut und als ich an ihrem Bett sitze und ihr die Hand halte fällt mir auf wie gefasst und aufmunternd ich mit ihr spreche, obwohl sie Schmerzen hat und ich sehe wie schwach sie geworden ist.

Später fällt mir auf, dass ich eben bei meiner Mama genauso stark war, wie meine lieben Mädels bei unserem Wiedersehen vor ein paar Tagen. 😊 Vermutlich ist es ein Beschützer-Instinkt einem Schwächeren die starke Schulter anzubieten. Denn wenn jemand genauso leidet, wird der/die Kranke, wird diese/r noch in die Situation gebracht den Anderen zu trösten.
Aber leicht fällt es mir nicht – weder meine alte, noch meiner neue „Rolle“ in meiner Familie zu finden – es ist ein wenig, wie zwischen zwei Stühlen zu sitzen.

Da mein Appetit trotz Chemotherapie nie wirklich in Mitleidenschaft gezogen wurde, freue ich mich sehr am Abend bei leckerer Pizza vom Lieferanten „Dieci“, einem Glas Wein und der ausgegrabenen Fotobox die alten Zeiten von uns Mädels zu zelebrieren. Doina, in deren Haus am See wir gerade wohnen, Maya und ich haben zusammen so einiges in unserer Teenie-Zeit erlebt!

Am Dienstag morgen wache ich mit starken Halsschmerzen auf! Ich nehme sofort die Antibiotika, die ich für das Eintreten einer Infektion mitgenommen habe. Natürlich fühle ich mich ziemlich mies, aber Fieber scheine ich bis jetzt nicht zu haben, denn bei einer Temperatur von 38,5 muss ich ins Krankenhaus, da ich aktuell kein funktionierendes Immunsystem habe. Es ist morgens um 09:30 Uhr und unser letzter Tag in Zürich. Das Wetter ist ein Träumchen und mir gehen verschiedene Szenarien durch den Kopf:

Angeschlagen hierbleiben, hoffen dass kein Fieber dazu kommt und wie geplant morgen fahren.

Angeschlagen hierbleiben, Fieber kriegen und in einem miserablen Zustand die morgige, lange Autofahrt überstehen.

Angeschlagen hierbleiben, zum Onkozentrum gehen, die mich evt. ins Krankenhaus einweisen.

Jetzt alles packen, Kurzbesuch bei Mama und Maya zum Tschüss sagen und heute noch losfahren, damit wir im schlechtesten Falle alle zu Hause sind.

Malte und ich sitzen beim Frühstück, sehen uns an und entscheiden uns für Letzteres. Bis alles gepackt ist und wir noch auf einen Sprung bei Mama vorbei schauen, ist es schon früher Nachmittag. Ich bin sehr froh, dass es ihr etwas besser geht und als wir uns zum Abschied umarmen, verabreden wir, dass wir uns spätestens Anfang Dezember zu ihren achtzigsten Geburtstag wieder sehen werden… beide wissen wir, dass es auch gut anders kommen kann, denn keiner weiss wie lange wir noch hier sind und so starten wir gegen 15:00 Uhr Richtung Hamburg. Ab diesem Augenblick sitze ich tief traurig, auch irgendwie erleichtert und ziemlich fertig neben Malte. Minutenlang weine ich dicke Tränen, nicht in der Lage auch nur ein Wort zu sagen.

Nach einer Pause um ca. 22:00 Uhr fahren wir durch Starkregen, so dass unser Wagen zweimal droht bei Aquaplaning auszubrechen. Im gleichen Augenblick fassen Malte und ich den Entschluss von der Autobahn zu fahren um erstmal abzuwarten. Zufälligerweise gibt es an dieser Raststätte ein Autobahn-Hotel. Das Regenradar verrät uns, dass wir mindestens noch die nächsten 200 km mit diesem Regen rechnen müssen und wir beschießen im Hotel ein Zimmer anzufragen. Das einzig freie Zwei-Bett-Zimmer mit Not-Zustell-Bett auf ca 12 qm, hat die Zimmer Nr. 111. Wir schauen uns an und buchen. Zehn Minuten später stehen wir zwei Erwachsene, ein Pubertier und der Hund nur mit dem Nötigsten in dem kleinen Zimmerchen. Als wir das Fester öffnen um der stickigen Luft zu entgehen, dröhnt (wen wundert es…) ohrenbetäubend der Lärm der straßennassen Autobahn herein. Ich versuche gute Stimmung zu machen und erzähle was von Abenteuer – nur wer braucht denn bitte solche Abenteuer in unserem Alter?!?

Mein Körper kämpft gegen den Infekt, dadurch schlägt das Herz schneller und die Halsschmerzen sind echt lästig. Eine Paracetamol, zwei heftige Schweissausbrüche und ca. fünf Stunden später drehe ich mich immer noch hin und her und kann nicht schlafen. Den drei anderen ergeht es nur wenig besser und so ziehen wir um 04:30 Uhr morgens weiter.  Es regnet nicht mehr, doch die Luft ist feucht und schwer.  Der Himmel ist nur noch teilweise bedeckt und wenig später fahren wir durch die von Nebelschwaden behangenen Kasseler Berge einem wunderschönen Sonnenaufgang entgegen.

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