10.11.2018

Herzenssachen

Bei der Hamburger Krebsgesellschaft erhalten ich hilfreiche Unterstützung für den Einspruch gegen den negativen Bescheid der Rentenversicherung auf meinen Antrag zur Teilhabe am Arbeitsleben (berufliche Reha). Diese Leistungen haben das Ziel, bei erheblicher Gefährdung bzw. Minderung der Erwerbsfähigkeit, den Verbleib im Arbeitsleben dauerhaft zu sichern. Das umfasst insbesondere Leistungen zur Erhaltung oder Erlangung eines Arbeitsplatzes, einschließlich der dafür benötigten Beratung, Vermittlung und entsprechende Trainingsmaßnahmen. Damit eine solche Maßnahme genehmigt werden kann müssen  1. die persönlichen (gesundheitlichen) und 2. die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Gerade die persönlichen Voraussetzungen sind so weit auslegebar, dass eine weitere Erklärung dazu den Rahmen hier leider sprengen würde. Und genau damit begründet der Kostenträgers die Ablehnung. Ob sie dabei meinen gesundheitlichen Zustand „bemängeln“ oder sie nicht genügen Beeinträchtigungen in Bezug auf meine Erwerbsfähigkeit als Hundefriseurin feststellen können, lässt sich aus dem Bescheid nicht herauslesen. Um so wichtiger ist es sein Recht wahrzunehmen und innerhalb eines Monates gegen diesen Bescheid Einspruch zu erheben. Denn im Gegensatz zu meiner telefonischen Auskunft ist es wohl doch nicht garantiert, dass nach Eingang des noch fehlenden Abschlussberichtes der Rehaklinik, über meinen Antrag neu entschieden wird.

Mit den Worten „sie sehen ja auch wie das blühende Leben aus, wer vermutet da eine schwere Erkrankung“ verabschiedet sich die Mitarbeiterin der Hamburger Krebsgesellschaft von mir. Natürlich ein wirklich liebes Kompliment und gleichzeitig fühlt es sich nach einer Erwartung an, die mich seit kurzem etwas verunsichert. Was kann ich mir zumuten und wo liegen nun die Prioritäten? Meine Gesundheit, Leistungsfähigkeit und mentale Stärke weiter aufzubauen, schnellstmöglich berufliche Ziele zu verfolgen oder sollte eigentlich schon beides drin sein? Ehrlich gesagt, weiß ich selber nicht genau, wo ich mich gerade befinde. Ich tue mich noch schwer daran zu glauben, dass nun alles vorbei ist und ich jetzt wieder „gesund“ bin. Die Angst wieder krank zu werden sitzt immer noch ganz schön tief. Auch wie ich vermutlich langfristig mit den kurzen doch permanenten Gelenkschmerzen und den Hitzewallungen umgehe ist fraglich, denn keiner sagt Dir wie lange dein Körper braucht die Chemotherapie zu verarbeiten oder welche bleibenden Schäden du eventuell davonträgst – alles kann, nichts muss… Doch was ich muss, ist zu lernen mich von vermeintlich guten Ratschlägen, Erwartungen oder einfach von Meinungen anderer nicht so sehr beeinflussen zu lassen! Denn keiner kann nachvollziehen, wie es mir wirklich geht und niemand hat das Recht mein Tun oder Nicht-Tun zu beurteilen,  auch wenn ich auf den ersten Blick wie das blühende Leben aussehe!

Nicht schlecht aus der Wäsche gesehen habe ich auch, wie mir bei Instagram plötzlich hunderte, meist amerikanische Insta-Fames mit 10. bis teilweise 50. Tausend Follower plötzlich folgen… Innerhalb von zwei Tagen steigt die Zahl meiner Follower von ca. 250 auf über 800! Hallo, äh ich meine HALLO?!? Was geht denn hier ab und warum wollen die mir folgen? Ich hab wirklich keine Ahnung, was da passiert! Meine aufkommend, blühende Fantasie wie ich als Gründerin einer Selbsthilfegruppe mit der Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten tausende von Krebs betroffenen Menschen eine Plattform für einen persönlichen Austausch schaffe, schrumpfte allerdings ab Tag drei wieder sehr deutlich  – auf nun rund 350 Follower!😂 Dennoch lasse ich meinen Account öffentlich, selbst wenn nur wenige Betroffene hier ein paar Informationen und das eine oder andere Lächeln mitnehmen, ist das doch fein!  Und fein sind natürlich auch die Fotos von den vielen schönen Menschen auf Instagram. Frei nach dem Motto: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der oder die Schönste im ganzen Land, frage ich mich, „warum ist uns Schönheit eigentlich sooo wichtig?“ Wer jetzt sagt „das trifft nicht auf mich zu“, dem glaube ich ehrlich nicht so recht!  Wir sagen zwar gerne mal Sachen wie: „wahre Schönheit kommt von innen“ oder „nicht die äusseren, sondern die inneren Werte zählen“, doch wenn ich mich umsehe, schaue ich doch meistens auf aufwendig hergerichtete Leute auf entsprechend aufwendig bearbeiteten Bilder.  Natürlich schminke ich mich auch und gerne! Schätzungsweise achtzig Prozent der Tage im Jahr beginne ich mit einem von meinem Göttergatten angerichteten grünen Tee, um kurz darauf in das Badezimmer zu entschwinden, um mir dann ein Gesicht aufzumalen. 🙂 Da kommt nach der Reinigung die getönte Tagespflege, das Augen Make-up, das Rouge und letztendlich der Lippenstift drauf – und das wie gesagt beinahe jeden Tag. Ob das schlimm ist? Natürlich nicht!  Ich mag mich schließlich auf den ersten Blick auch lieber geschminkt im Spiegel ansehen! Doch ehrlicher Weise sind die Tage, an denen ich mir bewusst ohne „Vertuschung“ ins Gesicht schaue, die an denen ich entspannter und auch irgendwie mehr im Einklang mit mir selber bin. Aber sich „nackig“ in den Berufsalltag zu stürzen, wagen viele nicht, weil da leider ein Gefühl von nicht gut oder hübsch genug in uns steckt… Doch das Leben ist manchmal schlicht einfach nicht so schön! Pickel – sind normal. Das eine oder andere Kilo Körperfett – ist normal. Mal faul und genervt zu sein –  ist normal und krank werden ist auch normal! Ich finde, mal nicht so angestrengt schön zu sein, ist herrlich ehrlich! Denn heute ist mir klar, dass es ein Privileg ist, die Zeit zu erleben, in der unsere Körper an Form verlieren und dafür an Falten gewinnen.

5 Antworten auf „10.11.2018“

  1. Genau gesagt liebe Sandra! Wenn ich oft Frauen höre , die über das älter werden sich beschwerden, mein Antwort ist immer: ich hoffe, dass meine Falten immer mein haupt Problem sein werden…….
    Wenn man gesund ist wünscht sich man vielen Sachen, aber wenn man krank ist nur eine: gesund zu sein!
    Sei gelduld mit deiner Ängstlichen Gefühle, es ist absolut verständlich sie zu haben, wir alle haben sie mit weniger Gründe als du. Du bist immer in meinem Herz

    1. Liebe Elena, du hast so recht! Leider wissen wir of erst hinterher die Dinge zu schätzen… Ich hoffe es geht euch gut und schicke herbstliche Grüße aus Hamburg! PS: Gleich gehts los zum ersten Check!!!

          1. Ja super, in märz auch andere Freunde aus HH kommen uns zu besuchen, ich checke den Datum so dass nicht gleichzeitig kommt, mein Haus ist nocht gross genug für 3 Familie🤑
            Ihr seid super wilkommen bei uns zu Hause 😘😘😘

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