19.02.2018

Und plötzlich ist ALLES anders

Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, ich höre was die Ärztin in der Notaufnahme nach dem ersten Ultraschall, dem CT und nach fast 12 Stunden Wartezeit zu mir sagt. Ich versuche diese aufsteigende Panik wie eine Erwachsene zu meistern.
„Weitere Untersuchungen sind notwendig, Ultraschall, CT, MRT… da ist etwas Raumeinnehmendes, was da nicht hingehört, das muss abgeklärt werden. Ich rate Ihnen hier zu bleiben.“
Mein Nacken wird tonnenschwer und fühlt sich heiß an. Fast flüsternd sage ich so etwas wie „oh, ok und wie lange?“
„Mindesten 2-3 Tage, denn Hoffnung auf ein MRT kann ich ihnen frühesten übermorgen machen. Eine Bauchspiegelung, bei der wir den Ausgang des Magens und den Bereich neben dem Übergang zur Bauchspeicheldrüse anschauen, wird gleich für morgen eingeplant. Dabei versuchen wir auch schon etw. Gewebe zu entnehmen.“
Das dazugehörige Formular mit Fragen zu Vorerkrankungen und der benötigten Einwilligung für den Eingriff mit allen Risiken und Nebenwirkungen unterschreibe ich gleich vor Ort. Ich erinnere mich warum ich Beipackzettel hasse! Nach all den Informationen die man darin erhält hat man doch nicht das Gefühl sich etwas gutes zu tun…
Mit weichen Knien, versuche ich irgendwie klar zu werden und stimme, zögerlich aber wie ferngesteuert allem zu. Die Ärztin versichert mir nur noch mal kurz warten zu müssen und schnellstmöglich ein Bett für mich zu finden.

Nur auf welche Station könnte ich passen?!? Tropenkrankheiten fallen zumindest aus und glücklicherweise weiß ich in diesem Moment noch nicht welche Bedeutung das WARTEN in den kommenden Tagen für mich haben wird.

Nach diesem, wie nach anderen besonderen Tagen, wollte ich eine Zigarette rauchen. Die erste und einzige für diesen Tag. Bescheuert? Ja, ist aber so!
Ich muss meinen Ehemann Malte anrufen, der wartet eigentlich darauf, dass er mich abholen kann. „Die wollen mich hier behalten um weiteres abzuklären.“ Kurze Stille, dann erzähle ich, leise, als ob es nicht ausgesprochen werden darf,  wie die Situation ist.  Auch die Tränen laufen mir ganz still über meine Wangen.

Unser 14 jährige Sohn Joshua, unser Hund Fido, der mein ständiger Begleiter ist und die beiden Stubentiger Susi und Max – wer kümmert sich um meine Lieben? Wie soll das funktionieren?!?
Malte versucht einen nordisch, kühlen Kopf zu behalten und fragt erst einmal nach den Dingen, die ich für meinen Spontaneinzug ins Krankenhaus benötige. Er beruhigt mich, dass er für alles andere eine zumindest vorübergehende Lösung innerhalb unseres zu Hauses finden wird.

Dafür liebe ich ihn! Wir haben es immer geschafft gegenseitig die Felsen in unserer Lebensbrandung zu sein. Doch in den kommenden Tage wird er neben seiner Arbeit für uns alle zum Mount Everest werden müssen!
Dann beziehe ich das Krankenzimmer, in dem ich meine Jacke ausziehe und zusammen mit meiner Handtasche auf das Bett lege. Wer möchte hier schon einziehen, auch wenn nur für 2 -3 Tage. Meine türkische Zimmernachbarin spricht ein wenig deutsch und wir beide sind Frischfleisch, im Vergleich zum Altersdurchschnitt von über 80 Jahren, auf der Gastro-Station. Da ich ja nicht weiter blöd herumstehen kann, räume ich meine Jacke und Tasche nun doch in den Schrank, ziehe die Schuhe aus und lege mich vorsichtig aufs Bett. Und schon fließen sie wieder, dicke Angsttränen kullern lautlos über meine Wangen. „Nein, du nicht traurig, nicht weinen!“ höre ich die freundliche Stimme neben mir. Mit ein paar tiefen Atemzügen ringe ich um Fassung, was mir gelingt.

Wirre Bilder gehen mir unfreiwillig durch den Kopf: Meine Familie steht schwarz gekleidet auf dem Friedhof (ist ja quatsch, ich möchte ja eingeäschert werden), ich sitze in der Sonne auf einer Terrasse mit einer Weinschorle und genieße das Leben, das ist genau mein Ding! Dann stehe ich in meinem Hundefriseur-Studio an meinem Trimmtisch, frisiere einen meiner Kundenhunde und schmunzle darüber welche Sorgen ich mir gemacht habe, denn es war einfach ein blöder Infekt…

Es klopft kurz an der Tür, Malte schaut mich liebevoll und fragend an, stellt den Rucksack mit dem Nötigsten aufs Bett. Ein Kuss, eine Umarmung und zügig gehen wir schweigend zur Besucherecke am Ende des Flures. Malte hält meine Hand, schaut mir sanft in die Augen. „Wie geht es dir? Was haben die Ärzte gesagt? Was wird denn noch untersucht?“

All das kann ich nur mit „morgen wird der Ultraschall gemacht, dann müssen wir abwarten“ beantworten. Wir versuchen uns gegenseitig aufzumuntern, indem wir über die doch etw. schrabbelige Einrichtung schmunzeln und ermutigen uns damit, dass Fido tagsüber mit Malte ins Büro kann. Auch das Joshua mit der Coolheit eines 14jährigen die Nachricht aufgenommen hat, lässt uns etwas entspannen.

Es gibt natürlich Besucherzeiten, darum verabschieden uns bald und versuchen uns unsere Sogen nicht anmerken zu lassen. Mit einem dicken Kloss im Hals ziehe ich mich im kleinen Badezimmer um, lege mich wieder auf das Bett und starre gedankenverloren an die Decke. Bald darauf kommt eine Schwester herein und stellt sich kurz vor. „Ich bin die Nachtschwester Susanne, sollten sie nicht zur Ruhe kommen können, bringe ich ihnen gerne eine kleine Schlaftablette.“ Schlaftabletten sind mir zwar fremd, zu Hause, ziehe ich bei einer bestimmten Lärmbelästigung höchstens mal ins Gästezimmer aber hier? „Ja bitte, eine Schlaftablette wäre vermutlich ganz hilfreich.“

Noch eine kurze, Gute-Nacht WhatsApp mit vielen Herzen und Küssen… Gegen 07:30 Uhr werde ich langsam wach. Ein klarer Morgenhimmel, die Sonne kurz vor dem Aufgehen. Wow, hab ich gut geschlafen! Ich fühl mich ausgeschlafen, gar nicht müde oder matt – gutes Zeug! 😉

 

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