07.07.2019 Lieber spät als nie!

Es ist ein klarer Sommermorgen. Es ist früh und Nebelschwaden hängen tief über den Wiesen. Der Himmel färbt sich langsam pastell-blau bis plötzlich ein orange leuchtender Streifen am Horizont zu sehen ist. Die Weizenfelder heben sich hell und golden ab. Die Farben am Firmament mischen sich mehr und mehr von blau, orange zu hell rosa, bis die über dem Nebelband herausragendem Baumwipfel von der aufgehenden Sonne gelb angeleuchtet werden. Die Wassersprenger auf den Feldern kündigen wieder einen heißen Tag an. Fünf Uhr morgens und wir sind bereits seit bald einer Stunde unterwegs in den ersten Urlaub seit meiner Krebserkrankung. Malte fährt und ich sehe mir diesen Sonnenaufgang voller Freude an. Wie sehr ich das vermisst habe, dieses Eintauchen in das Hier und Jetzt, einfach weil gerade nichts zu tun ist. Es ist wie ein inneres Ankommen, bei sich sein und ruhen. Für diesen Moment erscheint
nichts um dich herum wichtig zu sein. Ich habe es vermisst, dieses Gefühl, denn ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so alleine mit mir und meinen Gedanken war.
Es ist schon erstaunlich wie rasch man selbst nach einem Schicksalsschlag wie meinem wieder in die alltäglichen Tretmühlen gelangt. Dabei wollten ich doch mehr für uns, mehr gemeinsam, mehr genießen und mehr dankbar sein! Und doch ist da schon wieder, „noch schnell dies, noch schnell jenes, noch schnell das, bevor…“. Das bedeutet wohl ich bin wieder integriert! Integriert in die arbeitende, soziale Gesellschaft. Ob ich dafür nicht dankbar bin? Ja, natürlich bin ich das! Aber die Frage sei erlaubt: „Ist es denn wirklich das, was ich mir wünsche?“ Stell dir vor du hättest nur noch ein bis vier Jahre zu leben – vielleicht, mit etwas mehr als die durchschnittlichen Portion Glück, aber auch noch länger. Irgendwie blöd, irgendwie auch nicht. Es ist noch nicht „das letztes Mahl“, aber schonmal eine Tischreservation.
Das mag der Grund sein, warum es vorkommt, dass Partnerschaften und Ehen eine Krebserkrankung nicht überstehen. Krebs verlässt vielleicht den Körper, jedoch nicht dein Leben, deine Seele, dein Verstand. Und das gilt beinahe genauso für betroffene Lebenspartner. Wenn dir die Endlichkeit plötzlich so deutlich vor Augen geführt wird, können sich die Prioritäten der eigenen Wünsche verschieben. Denn eins ist klar, auch in der Ehe gibt es nicht nur gemeinsame Ziele und manchmal sind es auch Jugendträume, die an solchen Wendepunkten des Lebens wieder zum Vorschein kommen. Was tun, wenn das dann auf einmal nicht mehr zusammen passt oder eine Seite sich schlicht nicht im Stande sieht mit der Diagnose Krebs zu leben? Schließlich kennen wir unsere Partner oft nur aus vermeintlich „gute Zeiten“,  solche Krisen bringen auch gerne neue Charakterzüge ans Tageslicht, was natürlich nicht immer schön ist!
Ich habe das Glück vieler meiner Träume, sowohl beruflich wie auch privat, schon gelebt zu haben und einen Partner an meiner Seite zu wissen, der tatsächlich in guten, wie in schlechten Zeiten zu mir steht. Aber worauf ich hinaus möchte ist, dass man niemanden dafür verurteilen sollte, wenn Er oder Sie ehrlich zu seinen/ihren Schwächen, Zielen und Träumen steht. Auch wenn der Zeitpunkt denkbar ungünstigen erscheint, denn dafür gibt es womöglich nie den richtigen Zeitpunkt. Wie meine Omi gerne sagte: “Lieber spät, als nie.“

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