06.07.2018

Summerfeeling!
Schon am nächsten Morgen um acht Uhr hatte ich meinen Termin für die Blutentnahme im Onkozentrum Zürich. In Flipflops, kurzer Jeanshose und einer Tunkia stehe ich bei der Anmeldung. Die Mitarbeiterin lächelt mich etwas fragend aber freundlich an. Vermutlich sehe ich eher nach einem Badeausflug als nach einem Arzttermin aus. 😉 Nach einem kurzen „Fingerpieks“ für die Blutentnahme erfahre ich im Behandlungsraum, dass die Werte noch ok – weil erst auf dem absteigenden Ast – sind und dass der Professor selbst an der Entwicklung meiner Chemotherapie mitentwickelt hat. Diese CHOP-Therapie hätte jedoch in der Schweiz nie richtig Fuß gefasst, weil die Nebenwirkungen wohl als zu hoch eingestuft wurden. Interessant – natürlich wurde ich auch über mögliche Nebenwirkungen inklusive eventueller Langzeitschäden informiert und wie es scheint hatte ich Glück, dass ich meine Fingerkuppen noch spüre auch wenn ein ganz leichtes Taubheitsgefühl vorhanden ist.
Gleichzeitig hoffe ich zur Zeit inständig, dass meine Fingernägel nicht auch noch abfallen. Die Auswirkungen der Chemotherapie sind durch tiefe Rillen und einer leichten Verfärbung an den Nägeln deutlich zu sehen und ich hörte von Patient/innen, denen genau das passiert ist. Auf Schwiizerdütsch gibt es eine Redewendung für solch unschöne Dinge: „Da rollt´s der d’Nägel ufe“, was soviel bedeutet wie, „da rollt es dir die Fingernägel hoch“ – passender geht es ja wohl kaum… 😉
Der Professor möchte mich in einigen Tagen noch einmal sehen, also vereinbare ich einen weiteren Termin und bezahle die Rechnung. Knapp einhundertzwanzig Schweizer Franken für ärztliche und technische Leistungen inklusive Labor – ein Schnäppchen im Vergleich zu den kleinen Bauch-Spritzen (5 Stk.) für knapp tausend Euro!
Und nicht vergessen die Rechnung für die Behandlungen einzustecken! Denn ohne diese wird es schwierig, bis fast unmöglich, die Kosten von der Krankenversicherung wieder einzufordern.
Am Nachmittag kommt meine geliebte Zwillingsschwester Maya im Haus unserer Jugend-Freundin vorbei. Überrascht wie entspannt und gefasst sie mich begrüßt (ebenso wie unsere Freundin mich am Vortag willkommen geheißen hat), versuche ich tapfer zu bleiben und nicht wie ein Wasserfall loszuheulen. Doch einige Tränchen fließen – ja, ich bin immer noch sehr gefühlsduselig und hoch emotional unterwegs. Die beiden anderen sind jetzt die tapferen und starken Frauen und ich…
muss mich wohl erst wieder finden.
Gemeinsam genießen wir einen wundervollen Sommertag im Garten direkt am See. Die Hunde vertragen sich und spielen miteinander, die Kinder gehen schwimmen und wir bereiten das Abendessen vor. Als ich mich dazwischen hinlege, denke ich darüber nach woher sie diese Stärke und Zuversicht nehmen, ohne dass wir uns seit der Diagnose persönlich sprechen, trösten und Mut zusprechen konnten? Aber ich bin unendlich froh und erleichtert, dass sie für mich nun kleine Heldinnen sind!
Am nächsten Tag besuchen wir Mama und meinen Bruder. Sie leben noch in dem Dorf, in dem Maya und ich aufgewachsen sind. Als wir durch die alte Dorfstraße fahren, an dem Laden vorbei, an dem ich regelmäßig, aufgeregt die neueste Ausgabe der BRAVO gekauft habe, an der alten Schule vorbei bis zur Kirche, die jeden morgen um 06:00 Uhr für fünf Minuten geläutet hat.
Dabei fällt mir auf wie nostalgisch ich geworden bin. Viele dieser Sachen sind mir wichtiger geworden, als bei den Besuchen davor. Leider geht es unserer Mama gesundheitlich nicht gut, sie wird dieses Jahr achtzig Jahre alt, aber auch sie schlägt sich wirklich tapfer!
Als wir uns in ihrem kleinen Wohnzimmer gemeinsam Fotos von meinem ersten Bürstenschnitt ansehen, stellen wir fest, wie sehr ich mit dieser Frisur meinem zweiten Bruder geglichen habe, bevor er kurz nach der Lungenkrebs-Diagnose gestorben ist. An dieser Stelle: „Peace mein Lieber, wo immer du jetzt bist!“
Ich bin mir sicher, er ist in unserer Nähe und chillt bei einem gemütlichen Waldspaziergang – nach Möglichkeit mit einem kleinen Jointchen. 😉

2 Antworten auf „06.07.2018“

  1. Über deiner Brüder wusste ich nicht……Ich freue mich, dass du mit deiner Familie die Zeit geniesst. Gestern habe ich Susanne in München getroffen und über die schöne Zeiten auf die Aida gesprochen. Du bist immer in meinem Herz und ich schicke dir täglich viel gute energie .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.