03.07.2018

Zurück in die Zukunft?!?
Rastlos, aufgewühlt und tief emotional fahren meine Gefühle Achterbahn. Mein Verstand beobachtet mich dabei und schüttelt fragend den Kopf. Was ist denn los mit mir? Warum ist die Tage alles anders und wo ist meine Sicherheit im Umgang mit meiner Krankheit?
Die Fahrt nach Hause zu meiner schweizer Familie steht an und damit das erste Treffen mit meinen Liebsten, seit meiner Krebserkrankung. Am vergangenen Silvester haben wir uns alle das letzte Mal gesehen und uns bei Feuerwerk und Champagner gegenseitig ein „frohes neues Jahr“ gewünscht. Damals schien die Welt soweit in Ordnung, doch das war sie nicht und wir können dankbar sein, dass wir uns heute wieder sehen!
Nie hätte ich damit gerechnet, dass mich das Wiedersehen bereits Tage im Voraus so beschäftigen würde. Doch die Tatsache, dass die taffe, starke Tochter, Schwester, Tante und/oder Freundin jetzt als krebskranke Nacktkatze zu Besuch kommt, lässt alles, was ich mir psychischer Stabilität erarbeitet habe, ins Wanken bringen. Ich fange sozusagen noch einmal damit an, die Diagnose, die Krankheit und die Folgen der Chemotherapie zu verarbeiten.
Etwas Ablenkung dabei kommt mir mit dem einzigen in Deutschland stattfindende Konzert von Billy Joel gerade recht! Auch das Workout am Tag davor half mir, mich nicht in eine depressive Stimmung fallen zu lassen. Mir war bewusst, dass die erste Schwächephase nach der letzten Chemo sich an diesen Tagen zeigen würde und prompt als wir uns mit den Fahrrändern Richtung Stadion aufmachten, merkte ich, wie mein Körper mit dieser kleinen Anstrengung zu kämpfen hatte… Ich musste meinem „Buddy“ zugestehen, dass man acht, recht starke Chemotherapien nicht mal so nebenbei macht und  wenn ich das Konzert genießen möchte, alles schön langsam machen muss. Dabei hilft auch einfach mal wieder Händchenhalten und anlehnen bei der starken Schulter von Malte, meinem lieben Ehemann!
Es war ein wirklich tolles Open Air-Konzert bei schönstem Sommerwetter und der golden leuchtende Horizont, den wir mit den Fahrrädern auf dem Heimweg  genießen konnten, schloss diesen Tag mit einem Glücksgefühl ab.
Die Nacht war sehr kurz, schon um sechs Uhr morgen klingelte der Wecker – die Autoreise zu meinen Lieben in Zürich will in Angriff genommen werden. In Absprache mit meiner Ärztin werden die mindestens sieben, kleinen Bauchspritzen für die Neuproduktion der weißen Blutkörperchen, durch eine einzelne Spritze ersetzt. So brauchen wir diese Medikamente nicht gekühlt durch ganz Deutschland transportieren. Weiter knüpfte ich bereits Kontakt mit dem Onkozentrum in Zürich, bei denen ich während meines Aufenthaltes weiter zur Blutkontrolle gehen kann. Auch mit der Krankenkasse musste im vorab besprochen werden, wie es sich mit den „geplanten Behandlungen im Ausland“ verhält, denn dabei ist es nicht selbstverständlich, dass die deutsche Krankenversicherung die gesamten Behandlungskosten übernimmt. Ebenso musste ich beachten, dass man teilweise in Vorkasse treten muss. Barzahlung, EC- oder Kreditkarte werden in der Regel akzeptiert.
Ja, so eine kleine Reise mit einem Lymphom in unser Nachbarland will gut geplant sein. 😉
Während der Autofahrt hören wir ein Hörspiel, in dem nebenbei von  Leberkäse, Fleischsemmeln, Brezeln und Gugelhupf mit Zuckerguss gesprochen wird. Alles Dinge auf die ich nach Möglichkeit verzichten sollte, doch mein Appetit auf „Schweinkram“ wächst und prompt landen wir auf einer Raststätte bei McDonalds… Das erste Mal seit gut vier Monaten gönn ich mir einen Chickenburger & Pommes! Die Vorfreude ist groß und nach einer gefühlten Ewigkeit an Wartezeit ist die Enttäuschung beim ersten Bissen noch größer! In meiner Vorstellung schmeckte das Zeug tausend mal besser, doch durch meine etwas in Mitleidenschaft gezogenen Mundschleimhäute schmecken Burger und Pommes leider nach gar nichts – nur der schlechte Kaffee schmeckt auch nach schlechtem Kaffee…
Geschafft! Nach gut zehn Stunden Fahrt sind wir angekommen, im Haus meiner lieben Freundin, direkt am Zürichsee. Erschöpft, immer noch etwas aufgewühlt aber glücklich, schlafe ich an diesem Abend ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.